Starke Importabhängigkeit der USA von der EU
Die USA sind heute deutlich abhängiger von EU-Importen als noch vor wenigen Jahren. Das verschafft der EU im Zollstreit mit Washington eine stärkere Verhandlungsposition, als es oft den Anschein hat.
- Die USA sind deutlich abhängiger von EU-Importen als noch vor wenigen Jahren. Für fast drei von zehn aller von den USA eingeführten Warengruppen lag der Importanteil aus der EU im Jahr 2024 bei 30 Prozent oder mehr.
- Der Wert der US-Importe aus der EU in Warengruppen, in denen der EU-Anteil an allen US-Einfuhren mindestens 50 Prozent beträgt, stieg von 2010 bis 2024 um 147 Prozent.
- Diese Erkenntnisse sollte die EU in künftigen Zollverhandlungen entschlossener einsetzen – eine Eskalation im Zollkonflikt dürften die USA nicht allzu lange durchhalten können.
Im Handelskonflikt zwischen den USA und Europa ist auch nach der politischen Einigung auf einen Zoll-Deal noch einiges unklar. So hat die US-Regierung unter Donald Trump erst kürzlich neue Zölle erhoben und verunsichert damit Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks. Am Verhandlungstisch präsentiert sich der US-Präsident gern als Taktgeber und vermittelt den Eindruck, die Spielregeln im transatlantischen Handel nach Belieben setzen zu können – und dass Europa die USA im gegenseitigen Handel mehr brauche als umgekehrt. Ob das auch der Realität entspricht, haben IW-Wissenschaftler in einer neuen Studie genauer untersucht.
Um die Abhängigkeit der USA von EU-Importen zu messen, sind die Ökonomen tief in die US-Handelsstatistik eingetaucht. Jede Importware ist dort mit einem zehnstelligen Code erfasst – vom Spezialstahl über Chemikalien bis hin zur Käsesorte. Untersucht wurde, wie hoch der Anteil der EU-Lieferungen am gesamten US-Import einer Ware ausfällt. Je höher dieser Anteil, desto schwieriger dürfte es für die USA sein, sie kurzfristig durch Einfuhren aus anderen Ländern zu ersetzen. Die Ergebnisse überraschen (Grafik):
Im Jahr 2024 bezogen die USA von den insgesamt rund 17.800 auf ihrer Importliste befindlichen Warengruppen 5.208 mindestens zu 30 Prozent aus der EU.
Anders gesagt: Für fast drei von zehn aller von den USA eingeführten Warengruppen liegt der Importanteil aus der EU bei 30 Prozent oder mehr.
Selbst bei höheren Schwellenwerten bleibt die Rolle der EU als US-Zulieferer stark: So bezogen die USA im vergangenen Jahr 3.120 Produktgruppen mindestens zur Hälfte aus der EU. Bei 1.442 Warengruppen erreichte der Importanteil aus der EU mindestens 75 Prozent und in knapp 293 Fällen war die EU sogar der einzige Lieferant.
Die große Bedeutung der EU für die US-Wirtschaft ist zudem alles andere als ein vorübergehendes Phänomen – die Abhängigkeit der Vereinigten Staaten von Lieferungen aus der EU ist in den vergangenen Jahren vielmehr noch deutlich gewachsen (Grafik):
Zwischen 2010 und 2024 hat sich die Zahl der Warengruppen mit einem EU-Anteil von mindestens 50 Prozent an den US-Importen um knapp 20 Prozent erhöht, konkret von 2.624 auf 3.120.
Der Wert dieser Importe wuchs sogar noch stärker – von 116 Milliarden Dollar auf 287 Milliarden Dollar. Das ergibt ein Plus von fast 150 Prozent im betrachteten Zeitraum.
Damit entfällt inzwischen fast jeder zweite Dollar, den die USA für Waren aus Europa ausgeben, auf Güter, die sie zu mindestens 50 Prozent aus der EU beziehen.
Auch die Zahl der Warengruppen, bei denen die EU der einzige ausländische Lieferant ist, hat sich seit 2010 von 277 auf 293 erhöht.
Die USA sind deutlich abhängiger von EU-Importen als noch vor wenigen Jahren. Der Wert der US-Importe aus der EU in Warengruppen, in denen die EU mindestens 50 Prozent der US-Einfuhren beisteuerte, stieg von 2010 bis 2024 um 147 Prozent.
Viele dieser Importabhängigkeiten bestehen bereits seit Längerem:
Bei rund 1.300 Warengruppen mit einem Importwert von 132 Milliarden Dollar lag der EU-Anteil in den vergangenen fünf Jahren kontinuierlich über 50 Prozent.
Damit betrifft diese anhaltende Abhängigkeit fast die Hälfte aller Waren, die 2024 zu mindestens 50 Prozent aus Europa stammten.
Seit Jahren stark auf EU-Lieferungen angewiesen sind die USA unter anderem bei chemischen Erzeugnissen. Auch viele Maschinen und elektrotechnische Geräte sowie Metalle und Metallwaren importieren die USA schon länger zu mehr als 50 Prozent aus der EU. Hinzu kommen einzelne spezielle Industriegüter wie bestimmte Flugzeugtypen oder Radlader mit bestimmter Motorleistung. Auch hochtechnologische und militär-strategische Waren finden sich auf dieser Liste.
USA sind auf der Importseite von der EU stärker abhängig als von China
Je länger die EU schon der dominante Lieferant für wichtige Warengruppen in industriellen oder Produktionsketten ist, desto schwieriger dürfte es für die USA sein, diese kurzfristig zu ersetzen, sodass Produktionsdrosselungen nötig werden könnten. Dies gilt umso mehr, als die US-Wirtschaft offenbar – unter anderem aus geopolitischen Gründen – bereits versucht hat, die Abhängigkeit von China zu verringern (Grafik):
Im Jahr 2024 gab es nur noch 2.925 Warengruppen im Wert von 247 Milliarden Dollar, die die USA zu mindestens 50 Prozent aus China bezogen, während es bei den Lieferungen aus der EU 3.120 Produktgruppen mit einem Importwert von 287 Milliarden Dollar waren.
Die USA sind also inzwischen auf der Importseite insgesamt von der EU stärker abhängig als von China. 2010 hingegen hatte China bei Waren mit einem Mindest-Importanteil von 50 Prozent noch klar die Nase vorne: 3.588 Warengruppen im Wert von 221 Milliarden Dollar bezogen die USA damals noch aus der Volksrepublik – gegenüber 2.624 Warengruppen im Wert von 116 Milliarden Dollar aus der EU.
Bis 2015 konnte China diese damals noch bestehende Dominanz gegenüber der EU sogar weiter ausbauen. Doch in den Jahren danach hat Washington die Importflüsse aus China Schritt für Schritt eingedämmt.
Insgesamt stieg der Wert der US-Importe aus der EU in Warengruppen, in denen die EU mindestens 50 Prozent der US-Einfuhren beisteuerte, von 2010 bis 2024 um 147 Prozent. Der Wert der entsprechenden Einfuhren aus China erhöhte sich dagegen nur um 12 Prozent.
In Warengruppen gemessen ist die US-Abhängigkeit von EU-Importen im selben Zeitraum um rund ein Fünftel gestiegen, während Chinas Bedeutung seit 2010 fast im selben Ausmaß gesunken ist.
US-Importe aus Deutschland sind nur schwer ersetzbar
Da Deutschland die größte Volkswirtschaft Europas und eine der führenden Exportnationen weltweit ist, wäre anzunehmen, dass sich auch in seinen Daten die wachsende Rolle der EU als US-Partner widerspiegelt. Zwar liegt es nahe, dass ein einzelnes Land viel seltener bei einzelnen Warengruppen 50 Prozent oder mehr zu den Importen eines Handelspartners beisteuern kann. Dennoch sind einige Zahlen für die Bundesrepublik bemerkenswert:
Bei 466 Warengruppen deckt Deutschland mindestens die Hälfte der US-Importe ab.
Das entspricht zwar nur 4,5 Prozent aller aus der Bundesrepublik eingeführten Warengruppen, der Wert dieser Importe macht aber 11 Prozent aller US-Einfuhren aus Deutschland aus. Mit anderen Worten: Jene deutschen Produkte, die von den Vereinigten Staaten eingeführt werden, dürften dort zuweilen nur schwer ersetzbar sein.
Wie Deutschland und die EU ihre Position gegenüber den USA weiter stärken können
Aus all dem ergeben sich vier Empfehlungen:
- Erstens sollte die Bundesregierung eine Taskforce schaffen, die internationale Wertschöpfungsketten systematisch durchleuchtet und kritische Abhängigkeiten identifiziert. Damit lässt sich abschätzen, wo Europa wirklich unverzichtbar ist.
- Zweitens gilt es, die neuen Erkenntnisse in künftigen Zollverhandlungen entschlossener einzusetzen. Denn wenn die USA hohe Zölle verhängen, schaden sie der eigenen Industrie ebenso wie europäischen Produzenten. Eine Eskalation im Zollkonflikt, die Trump jederzeit wieder androhen mag, dürften die USA nicht allzu lange durchhalten können.
- Drittens muss die europäische Politik den Binnenmarkt stärken: Weniger Bürokratie, weniger Hürden im innereuropäischen Handel und mehr Wettbewerbsfähigkeit erhöhen zugleich die Resilienz.
- Viertens braucht es mehr Tempo beim Abschluss neuer Freihandelsabkommen. Das gilt vor allem für Verträge mit großen Schwellenländern – etwa in Südamerika (siehe "Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur wäre ein starkes Signal"). Aber auch mit Industriestaaten wie Kanada sollte die EU die Partnerschaft ausbauen (siehe "Kampf um kanadische Rohstoffe").