Arbeitskämpfe Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Standortvorteil gefährdet

Wenn heute in Deutschland gestreikt wird, dann vor allem im Dienstleistungssektor. Dieser Trend ist zwar nicht neu und auch im Ausland zu beobachten. Werden die Arbeitskämpfe jedoch auf Dauer in dem Ausmaß geführt wie in diesem Jahr, läuft die Bundesrepublik Gefahr, einen wichtigen Standortvorteil zu verspielen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im Durchschnitt der Jahre 1995 bis 2004 entfielen in Deutschland nur etwa 10 Prozent aller durch Streiks verlorenen Arbeitstage auf den Dienstleistungssektor – seit 2005 waren es fast 80 Prozent.
  • Auch in einigen anderen Ländern wie zum Beispiel in Großbritannien haben sich die Arbeitskämpfe von der Industrie in den Dienstleistungsbereich verlagert.
  • Insgesamt ist das Ausmaß der Arbeitskämpfe in den Industrieländern seit 1990 allerdings geschrumpft.
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Die Bundesbürger hatten in den vergangenen Monaten einiges zu ertragen: Mal fuhren die Züge nicht, mal waren die Kitas zu, zurzeit bleibt der Briefkasten oft leer. Nie zuvor wurde so viel gestreikt – so der Eindruck. Er dürfte allerdings auch dadurch entstanden sein, dass die Arbeitsniederlegungen allesamt Dienstleistungen betreffen, die im Alltag eine große Rolle spielen. Legen dagegen Industriebeschäftigte die Arbeit nieder, hat das für Otto Normalverbraucher in der Regel kaum unmittelbare Auswirkungen.

Dass Arbeitskämpfe immer häufiger im Servicesektor stattfinden, bilden sich die Bürger allerdings keineswegs ein. Tatsache ist:

Im Durchschnitt der Jahre 1995 bis 2004 entfielen in Deutschland nur etwa 10 Prozent aller durch Streiks verlorenen Arbeitstage auf den Dienstleistungssektor – seit 2005 waren es fast 80 Prozent.

Parallel dazu ist auf der einen Seite die Zahl der Streikenden gesunken – je bestreikten Betrieb traten von 1995 bis 1999 im Jahresdurchschnitt 583 Arbeitnehmer in den Ausstand, von 2010 bis 2014 nur noch 64. Auf der anderen Seite dauern die Arbeitskämpfe länger – die Zahl der verlorenen Arbeitstage je Streikenden ist seit Mitte der 1990er Jahre von 0,9 auf 2,8 gestiegen.

Diese Entwicklungen finden sich zum Teil auch im Ausland wieder. Ein allgemeiner Trend ist zwar nicht auszumachen, doch zumindest in einigen Ländern haben sich die Arbeitskämpfe ebenfalls von der Industrie in den Dienstleistungsbereich verlagert (Grafik):

In Großbritannien zum Beispiel war zu Beginn der 1990er Jahre erst gut die Hälfte aller Streiktage dem Servicesektor zuzurechnen – nach 2010 waren es dagegen nahezu alle.

Auch in den Niederlanden, in Frankreich und Spanien ist der Streik­anteil der Dienstleister tendenziell gestiegen.

Insgesamt ist das Ausmaß der Arbeitskämpfe in den Industrieländern seit 1990 allerdings eher geschrumpft – und zwar zum Teil sehr deutlich (Grafik):

In Spanien gingen von 1990 bis 1994 pro Jahr im Schnitt 471 Arbeitstage je 1.000 Arbeitnehmer durch Streiks und Aussperrungen verloren, von 2010 bis 2013 dagegen nur noch 61 Arbeitstage.

Auch in Schweden, den USA und Polen wurde seit 2010 viel weniger gestreikt als noch 20 Jahre zuvor. Gegen den Trend entwickelte sich das Arbeitskampfvolumen lediglich in Frankreich, wo von 2010 bis 2012 pro Jahr gut dreimal so viele Arbeitstage je 1.000 Beschäftigten ausfielen wie Anfang der 1990er Jahre.

Doch auch wenn die Arbeit zuletzt in den meisten Ländern seltener niedergelegt wurde, bleiben die Unterschiede in Sachen Streikniveau recht groß. Verglichen mit Frankreich und Spanien waren die Streik­aktivitäten in Deutschland bis 2014 gering. In Japan fielen sogar überhaupt keine Arbeitstage wegen Streiks aus.

Diese Extreme erklären sich nicht zuletzt durch die unterschiedliche Ausgestaltung der Arbeitsbeziehungen. In den südeuropäischen Ländern zum Beispiel gibt es zahlreiche Gewerkschaften mit unterschiedlicher politisch-ideologischer Ausrichtung und zugleich eine schwach ausgeprägte Tarifautonomie, sodass der Staat häufig in Tarifverhandlungen eingreift. Streiks haben dort demzufolge oft einen politischen Charakter.

In Skandinavien und Belgien dagegen sind die Gewerkschaften an der Verwaltung der Arbeitslosenversicherung beteiligt. Der Organisationsgrad der Beschäftigten ist entsprechend hoch, Tarifverhandlungen werden weitgehend autonom geführt und politische Proteste sind seltener.

Auch Deutschland hat bislang stark von den konstruktiven Beziehungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern profitiert. Die jüngsten Streikwellen lassen jedoch befürchten, dass dies nicht so bleibt. Immerhin fielen in diesem Jahr nach IW-Schätzungen bis Juni bereits 17 Arbeitstage je 1.000 Arbeitnehmer durch Streiks aus – rund 600.000 Arbeitstage insgesamt. Wird der Arbeitsfrieden in Deutschland nachhaltig gestört, könnte dies so manches Unternehmen von Investitionen am Standort D abhalten.

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