Regionale Armut 05.12.2016 Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Städte machen arm

Die unterschiedlichen Preisniveaus führen dazu, dass in den deutschen Städten ein deutlich höherer Anteil der Einwohner armutsgefährdet ist als auf dem Land. Die Politik ist daher gefordert, die regionale Förderung neu auszurichten.

Kernaussagen in Kürze:
  • Um wirklich beurteilen zu können, wie verbreitet Armut in Deutschland ist, muss man sich die Kaufkraft der Einkommen ansehen.
  • Aufgrund der höheren Lebenshaltungskosten sind in den Metropolen gut 21 Prozent der Einwohner kaufkraftarm – auf dem Land sind es weniger als 14 Prozent.
  • Die Regionalpolitik sollte künftig stärker Städte mit Strukturproblemen und hoher Arbeitslosigkeit in den Blick nehmen.
Zur detaillierten Fassung

15,4 – so viel Prozent aller Bundesbürger waren 2014 nach offizieller Definition einkommensarm, das heißt, sie hatten weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung. Um wirklich beurteilen zu können, wie verbreitet Armut in Deutschland ist, muss man jedoch wissen, was die Menschen sich von ihrem Einkommen leisten können. Das wiederum ist eine Frage der Kaufkraft und damit des Preisniveaus.

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat deshalb die Schwellenwerte für Einkommensarmut um die unterschiedlichen Preisniveaus in den Städten und Kreisen bereinigt – aus Einkommensarmut wird damit Kaufkraftarmut. Das regionale Armutsmuster verändert sich durch diese Neuberechnung erheblich.

Ost-West-Gefälle schrumpft

  1. Ost-West-Vergleich. Als einkommensarm gelten gut 19 Prozent der Ost-, aber nur etwas mehr als 14 Prozent der Westdeutschen. Allerdings ist das Preisniveau in den ostdeutschen Bundesländern um gut 5 Prozent niedriger als im Westen. Die Folge: Das Ost-West-Gefälle schrumpft durch die Preisbereinigung – knapp 15 Prozent kaufkraftarmen Bürgern im Westen stehen weniger als 17 Prozent im Osten gegenüber.
  2. Stadt-Land-Vergleich. Ohne Berücksichtigung der unterschiedlichen Preisniveaus liegt die Armutsquote in den Städten durchschnittlich bei 19 Prozent und auf dem Land bei rund 15 Prozent.

Aufgrund der höheren Lebenshaltungskosten sind in den Metropolen aber gut 21 Prozent der Einwohner kaufkraftarm – auf dem Land beträgt der Anteil dagegen weniger als 14 Prozent.

Das Stadt-Land-Gefälle zeigt sich auch beim Blick auf die einzelnen Regionen in Deutschland. Auf der Liste der Gebiete mit der höchsten Kaufkraftarmutsquote stehen nur Städte:

Deutschlands kaufkraftärmste Stadt ist Bremerhaven – dort hatten 2014 rund 29 Prozent der Einwohner weniger als 60 Prozent des preisbereinigten mittleren Einkommens zur Verfügung.

Die geringsten Anteile an kaufkraftarmen Einwohnern verzeichnen dagegen allesamt Landkreise – vornehmlich im Süden.

Wenn die Politik Armut bekämpfen will, muss sie vor allem die Arbeitsmarktchancen der Risikogruppen verbessern.

Städte machen also arm. Doch das ist es nicht allein: Zugleich sind tendenziell arme Bevölkerungsgruppen in der Stadt überproportional stark vertreten. So ziehen Migranten oft dorthin, wo bereits viele ihrer Landsleute leben – unter anderem, weil sich dann soziale Kontakte leichter knüpfen lassen und das Angebot an religiösen Einrichtungen und speziellen Supermärkten besser ist. Alleinerziehende wiederum finden in Städten leichter eine nahe gelegene Kita. Und auch Alleinstehende und Arbeitslose sind häufiger Stadt- als Landbewohner.

Regionalpolitik muss Kurs ändern

Wenn die Politik Armut bekämpfen will, muss sie deshalb vor allem die Arbeitsmarktchancen dieser sogenannten Risikogruppen verbessern. Dabei ist zum einen die Bildungspolitik gefordert. So könnte eine flächendeckende Ganztagsbetreuung für unter Dreijährige dazu führen, dass zusätzlich 84.000 Alleinerziehende einen Vollzeitjob aufnehmen und weitere 26.000 Teilzeit arbeiten. Migranten muss die Anerkennung ihrer im Ausland erworbenen Abschlüsse erleichtert werden – etwa durch passende Weiterbildungsangebote.

Zum anderen ist aber auch ein Kurswechsel in der Regionalpolitik nötig, die bisher primär auf den ländlichen Raum ausgerichtet war. Sie sollte künftig stärker Städte mit Strukturproblemen und hoher Arbeitslosigkeit in den Blick nehmen. Eine Option wäre zudem ein Programm, das es überschuldeten Kommunen erlauben würde, ihre oft sehr hohen Gewerbesteuersätze zu senken, Altindustrie- und Gewerbeflächen zu revitalisieren sowie die Ansiedlung von Kleinbetrieben zu fördern. Dies ließe sich auch mit entsprechenden Maßnahmen der Städtebauförderung verbinden. All dies könnte zusätzliche Arbeitsplätze schaffen und so dazu beitragen, die Armutsquoten in den Städten zu senken.

IW-Kurzbericht 77/2016

Klaus-Heiner Röhl: Regionale Wirtschaftsstrukturen und Armutsgefährdung

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