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So lassen sich Bahnstreiks vermeiden

Bei der Deutschen Bahn haben alle Beteiligten signalisiert, diesmal konstruktiv miteinander verhandeln zu wollen. Streiks wären ohnehin erst nach einer gescheiterten Schlichtung erlaubt. Sinnvoll wäre es, frühzeitig einen Mediator einzuschalten, damit die Situation gar nicht erst eskaliert.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Tarifverhandlungen bei der Deutschen Bahn haben begonnen.
  • Die bisherigen Tarifrunden waren durch die Rivalität zwischen GDL und EVG belastet.
  • Eine neuerliche Eskalation könnte durch einen Mediator vermieden werden.
Zur detaillierten Fassung

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) fordert in der laufenden Tarifrunde neben Lohnsteigerungen von 4 Prozent eine generelle Neuregelung des Arbeitszeitsystems. Die konkurrierende Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) setzt andere Schwerpunkte. Zusätzlich zu einer allgemeinen Lohnerhöhung von 4,5 Prozent sollen weitere 2,5 Prozent entweder in Form von sechs zusätzlichen Urlaubstagen, einer Verkürzung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde oder als reine (zusätzliche) Lohnerhöhung gezahlt werden.

Da beide Gewerkschaften ihren Vertretungsanspruch nicht abgegrenzt haben, wird es schwierig, inhaltsgleiche Regelungen für Berufsgruppen zu vereinbaren, die von GDL und EVG vertreten werden.

Rivalität belastete bisherige Tarifrunden

Schon die letzte Tarifrunde bei der Deutschen Bahn war dadurch belastet, dass die beiden rivalisierenden Gewerkschaften nicht miteinander kooperierten, die Bahn aber auf inhaltsgleiche Tarifverträge pochte. Zwar rief allein die Lokführergewerkschaft GDL zum Streik auf. Aber auch die Verhandlungen mit der größeren Eisenbahnergewerkschaft EVG stockten immer wieder. Dies zeigt sich schon allein an der Verhandlungsdauer, die sich über knapp elf Monate erstreckte.

Eine Analyse des Konfliktverhaltens beider Gewerkschaften belegt, dass sie bisher unterschiedliche Wege gegangen sind, um ihre Ziele zu erreichen (Grafik):

  • Die GDL löste seit 2007 drei ihrer sechs Tarifverhandlungen mit der Deutschen Bahn per Streik. In den drei anderen Runden reichten aber eine Streikdrohung oder ein Verhandlungsabbruch aus, um auf den Kompromisspfad einzuschwenken.
  • Die EVG griff dreimal zum Warnstreik, setzte jeweils einmal auf die Schlichtung und den Verhandlungsabbruch und löste eine Tarifrunde gänzlich konfliktfrei allein über Verhandlungen.

Zudem fällt auf, dass Grundsatzkonflikte um den Vertretungsanspruch der Gewerkschaften bei der GDL immer bis zum Äußersten eskalierten, während die EVG vergleichsweise gelassen reagierte.

Die GDL ist eindeutig die streikfreudigere Gewerkschaft.

Das hat wiederum mit dem Verhalten des Unternehmens Bahn zu tun. Beim großen „Unabhängigkeitskampf“ der GDL 2007/08 lehnte es der Konzern lange ab, der Lokomotivführergewerkschaft einen eigenständigen Tarifvertrag zuzubilligen.

Schließlich machte die EVG den Weg für einen Kompromiss frei, indem sie der GDL die Vertretungshoheit für die Lokführer überließ.

Damit gab sich die GDL aber nicht zufrieden. Sie verlangte 2010 einen bundesweiten Rahmentarifvertrag für Lokführer, dem sich neben der Deutschen Bahn auch private Wettbewerber anschließen sollten. Und 2014 reklamierte sie beim ehemaligen Staatskonzern ein Verhandlungsmandat für das gesamte Zugpersonal.

Die EVG reagierte darauf, indem sie fortan auch für die Lokführer verhandeln wollte. Und die Deutsche Bahn pochte – wie schon 2007/08 – auf inhaltsgleiche Tarifverträge. Am Ende erzwang die GDL ihre Forderungen durch neun Streiks. Die EVG hielt sich indessen zurück und beschränkte sich darauf, mit Streiks zu drohen und Verhandlungen hin und wieder abzubrechen.

Die Konkurrenz der Gewerkschaften kommt die Bahn teuer zu stehen.

Letztlich kam die Rangelei die Bahn teuer zu stehen. Die EVG trotzte dem Unternehmen eine Lohnerhöhung von 5,1 Prozent in zwei Stufen ab (allein 3,5 Prozent im Jahr 2015), die später auch die GDL bekam. Diese setzte aber zusätzlich eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich ab 2018 durch – und die muss wohl auch der EVG gewährt werden.

Jede Seite möchte die andere übertrumpfen

Vor diesem Hintergrund werden auch die laufenden Tarifverhandlungen schwierig. Denn es gibt gleich drei Stolpersteine:

  1. Erstens: Beide Gewerkschaften konkurrieren um Mitglieder und wollen sich folglich gegenseitig bei den Forderungen und Abschlüssen überbieten.
  2. Zweitens: In getrennten Verhandlungen müssen am Ende inhaltsgleiche Regelungen gefunden werden. Das ist ein großes logistisches Problem.
  3. Drittens: Der Umgang der Gewerkschaften untereinander ist von Misstrauen und Missgunst geprägt. Beim letzten Konflikt gab es aber nicht nur Zwist zwischen den Gewerkschaften. Es kam auch wiederholt zu Missverständnissen zwischen der Bahn und der GDL über bereits getroffene Absprachen.

Erst als der frühere Richter des Bundesarbeitsgerichts Klaus Bepler als Mediator eingeschaltet wurde, war der Weg für eine Schlichtung frei, die den Konflikt schließlich befriedete.

Lehre aus der Vergangenheit: Mediator gleich bestellen

Ein 2015 vereinbartes, neues Schlichtungsabkommen soll diesmal helfen, Arbeitskämpfe zu vermeiden. Das wird aber nur gelingen, wenn alle Parteien miteinander kooperieren. Angesichts der Konkurrenzsituation und den differenzierten Forderungen erscheint dies schwierig. Daher wäre es sinnvoll, schon im Vorfeld einen Mediator einzuschalten.

Ein Mediator könnte die Streithähne EVG und GDL schon von Anfang an zur Mäßigung anhalten.

Die Mediation setzt vor allem auf der Beziehungsebene an: Sie hilft den Tarifparteien, miteinander und nicht übereinander zu reden. Das schafft ein besseres Gesprächsklima und ist auch eine Grundvoraussetzung dafür, eine Einigung zu erzielen. Allein auf eine Schlichtung zu setzen, ist dagegen nur der zweitbeste Weg. Denn eine Schlichtung wird üblicherweise erst angerufen, wenn sich die Parteien untereinander definitiv nicht verständigen können. Soweit muss es aber gar erst nicht kommen.

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