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Selbstständig? Nein danke!

Vom Tellerwäscher zum Millionär, aus der Garage an die Weltspitze – dass solche Karrieren von Unternehmensgründern in den USA fast gang und gäbe sind, in Europa aber seltene Ausnahmen, hat nicht zuletzt kulturelle Gründe. Auch in Deutschland mangelt es an einer positiven Einstellung zur Selbstständigkeit.

Kernaussagen in Kürze:
  • In Deutschland gibt es immer weniger Unternehmensgründungen
  • Die Deutschen arbeiten lieber als Angestellte
  • In den USA gibt es dagegen eine ausgeprägte Gründerkultur
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Gemessen an der Zahl der Unternehmensgründungen liegen zwischen den USA und Deutschland offenbar Welten (Grafik):

In den USA waren im Jahr 2014 fast 17 Prozent der erwerbsfähigen Männer und 11 Prozent der Frauen entweder gerade dabei, ein Unternehmen zu gründen, oder haben dies in den vorherigen drei Jahren getan – damit sind die Quoten jeweils fast dreimal so hoch wie in Deutschland.

Schaut man über die Bundesrepublik hinaus auf ganz Europa, ergibt sich ein differenziertes Bild. Während die südeuropäischen Volkswirtschaften durch – oft sehr kleine – Familienbetriebe geprägt sind und es dort vor allem Gründungen – und Pleiten – in der Gastronomie und im Kleingewerbe gibt, ist es in Skandinavien umgekehrt: Relativ wenige Erwerbstätige sind selbstständig und es gibt wenige Gründungen im Gast- oder Kleingewerbe, dafür mehr innovative Start-ups. In der Statistik von 2014 wird dieser Unterschied aber kaum deutlich, zumal die Gründungszahlen in Südeuropa noch unter den Folgen der seit Jahren andauernden Krise leiden.

Die langfristige Entwicklung zeigt allerdings, dass es um den europäischen Gründungseifer insgesamt nicht gut bestellt ist. Zwar gibt es positive Ausnahmen wie Großbritannien und kleine Staaten wie Lettland, Zypern und Slowenien, die hohe zweistellige Zuwächse vorweisen. EU-weit aber war das Gründungsgeschehen von 2008 bis 2013 rückläufig. In Deutschland zum Beispiel gab es laut Eurostat – gemessen in Gründungen je 1.000 Erwerbsfähige – ein Minus von 18 Prozent. Die deutsche Statistik bestätigt diesen Befund (Grafik):

Die Zahl der Unternehmensgründungen in Deutschland ist seit dem letzten Höhepunkt im Jahr 2004 um fast die Hälfte auf 300.000 im Jahr 2015 zurückgegangen.

Zudem entfällt nur ein geringer Anteil der Gründungen in Europa auf Start-ups in den Hochtechnologiebranchen und der Digitalwirtschaft, also auf junge Firmen, die innovative Technologien oder Geschäftsmodelle entwickeln und ein hohes Umsatz- und Beschäftigungswachstum anstreben. Dies hängt vor allem mit der relativ schwachen Ausstattung europäischer Start-ups mit Wagniskapital zusammen:

Seit dem Jahr 2000 sind in den USA rund 500 Milliarden Dollar in innovative Start-ups investiert worden, dagegen kommt Europa je nach Abgrenzung nur auf 88 bis 175 Milliarden Dollar Venture Capital.

Die Gründe für den europäischen Rückstand gegenüber den USA – aber auch gegenüber Israel, China und Singapur – sind nicht nur in den schlechteren staatlichen Rahmen­bedingungen zu suchen, sondern auch und vor allem in der schwach ausgeprägten Gründerkultur.

Das Beispiel Deutschland verdeutlicht, was damit gemeint ist. Laut Global Entrepreneurship Monitor (GEM) müssen in der größten Volkswirtschaft Europas Gründer zum einen bürokratische Hindernisläufe absolvieren und die staatliche Förderung gilt nicht gerade als transparent. Zum anderen hat ein großer Teil der Bevölkerung offenbar diffuse Ängste vor den Risiken einer Selbstständigkeit – und bevorzugt deshalb ein Leben als abhängig Beschäftigter.

Um den Bundesbürgern die optimistische Can-do-Haltung der Amerikaner nahezubringen, müsste einiges getan werden. Drei Beispiele:

Gründerkultur schon in der Schule stärken. Das Thema Unternehmertum kommt in den Schulen nicht oder nur rudimentär vor. Das können Angebote wie das Schülerfirmenprogramm JUNIOR ändern, bei denen sich Jugendliche spielerisch mit der Selbstständigkeit vertraut machen (vgl. iwd 28/2015). Zudem ist der Lehrstoff zu reformieren, um den Blick stärker auf die positiven Seiten der Marktwirtschaft und des Unternehmertums zu richten.

Gründungsinitiativen fördern. Für den Aufbau einer ausgeprägten Gründerkultur braucht es unter anderem regionale Netzwerke, persönliche Kontakte zu Vorbildern und Mentorenprogramme.

Zuwanderungspotenzial nutzen. Schon fast jeder fünfte Teilnehmer an den Beratungsgesprächen der Industrie- und Handelskammern hat einen Migrationshintergrund, dennoch wird die Möglichkeit der Integration in den Arbeitsmarkt über eine Selbstständigkeit zu wenig genutzt – sonst würden die Zahlen der Gründungen und Selbstständigen nicht sinken, sondern steigen.

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