Altersarmut Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Sehr viele Ältere haben Vermögen

Wenn man nicht nur das Einkommen, sondern auch das Vermögen berücksichtigt, sind längst nicht mehr so viele ältere Menschen von Armut betroffen wie von der amtlichen Statistik ausgewiesen. Zu diesem Ergebnis kommen Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Anteil der Bevölkerung, der 2012 über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügte, beträgt laut SOEP 14,4 Prozent, der Anteil der armutsgefährdeten Senioren aber nur 13,5 Prozent.
  • Jeder 65- bis 74-Jährige hat im Schnitt 136.000 Euro auf der hohen Kante, bei den über 74-Jährigen sind es immerhin noch 109.000 Euro.
  • Die Hälfte der über 64-Jährigen verfügt über ein Nettovermögen von mindestens 55.000 Euro und ein Drittel über mehr als 120.000 Euro.
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Von einer „stetig tiefer werdenden sozialen Spaltung“ spricht der Paritätische Gesamtverband in seinem Jahresgutachten zur sozialen Lage Deutschlands. Als „Verlierer“ werden neben Langzeitarbeitslosen und Kindern in einkommensschwachen Haushalten Rentner ausgemacht.

Sein Urteil untermauert der Wohlfahrtsverband mit dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamts. Demnach ist der Anteil der armutsgefährdeten älteren Bundesbürger in den Jahren 2005 bis 2013 von 11 auf 14,2 Prozent gestiegen – und damit stärker als im Durchschnitt der Bevölkerung (14,7 auf 15,5 Prozent).

Dieser Befund ist allerdings weniger alarmierend, als es auf den ersten Blick aussieht. Er belegt auch keineswegs, dass Senioren über Nacht ärmer geworden sind. Denn die Armutsgefährdungsquote misst nicht Armut im Sinne von materieller Entbehrung. Vielmehr geht es darum festzustellen, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Pro-Kopf-Einkommens verdient.

Wie wenig sich das Maß zur Dramatisierung eignet, macht ein Beispiel deutlich: Wenn Fachkräfte nach einer Lohnrunde mehr im Geldbeutel haben, treiben sie das mittlere Pro-Kopf-Einkommen nach oben und sofort fallen mehr Menschen unter die 60-Prozent-Grenze – auch wenn sich bei ihnen selbst materiell nichts geändert hat. Deshalb kann mit der Armutsgefährdungsquote lediglich die Frage beantwortet werden, ob die Einkommensschwachen von der allgemeinen Entwicklung abgekoppelt werden.

Zudem sorgt die Befragungstechnik des Mikrozensus dafür, dass die Einkommen zu niedrig angesetzt sind. Denn es wird nach dem monatlichen Nettoeinkommen gefragt – Sonderzahlungen wie das Weihnachts- oder Urlaubsgeld sowie Zinsen werden dann oft nicht angegeben oder vergessen.

Deshalb greifen Verteilungsforscher lieber auf die Haushaltsbefragungen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zurück. Hier werden die Einkommenskomponenten einzeln abgefragt – angefangen vom Gehalt über Renten und Kindergeld bis hin zu Miet- und Zinseinkünften.

Zwar haben die SOEP-Daten den Nachteil, dass sie nicht so aktuell sind wie die des Mikrozensus. Weil aber viele Einkommen – zum Beispiel Gewinne aus Beteiligungen – erst mit Zeitverzögerung beim Empfänger landen (jeder kennt das vom eigenen Sparbuch), können sie im SOEP (Frage: Was haben Sie im vergangenen Jahr verdient?) wesentlich genauer abgebildet werden als vom Mikrozensus.

Darüber hinaus berücksichtigt das Sozio-oekonomische Panel auch selbst genutztes Wohneigentum. Gerade Ältere, die ihr Haus bereits bezahlt haben und nur noch wenig in seine Instandhaltung investieren, sparen im Vergleich zu Mietern eine Menge Geld. Dieser Nettomietvorteil wird im SOEP als Einkommen verbucht.

Aus all diesen Gründen weist das SOEP für die Bundesbürger – gerade für die älteren – eine geringere Armutsgefährdungsquote aus als der Mikrozensus (Grafik):

Der Anteil der Bevölkerung, der 2012 über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügte, beträgt laut SOEP 14,4 Prozent und der Anteil der armutsgefährdeten Senioren 13,5 Prozent.

Ohne Berücksichtigung des Netto­mietvorteils läge zum Beispiel die Armutsgefährdungsquote der 65- bis 74-jährigen Bundesbürger bei 14,1 statt 13,4 Prozent und die Quote der über 74-Jährigen bei 16,3 statt 13,7 Prozent.

Dass in der Altersgruppe 75plus die Armutsquote höher ist als bei den jüngeren Senioren, hat einen leicht nachvollziehbaren Grund. In dieser Altersgruppe sind viele Alleinlebende wie verwitwete Frauen, die ihre Lebenshaltungs- und Wohnkosten alleine tragen müssen.

Wenn man wissen möchte, wie es um die Senioren wirklich finanziell bestellt ist, darf man aber nicht nur die Einkommen betrachten, sondern muss auch die Vermögen berücksichtigen. Denn Immobilien oder Wertpapiere können im Alter als finanzielles Polster dienen. Und dabei geht es nicht nur um Kleckerbeträge:

Jeder 65- bis 74-Jährige hat im Schnitt 136.000 Euro auf der hohen Kante, bei den über 74-Jährigen sind es immerhin noch 109.000 Euro.

Gegen diesen Durchschnittswert wird immer wieder vorgebracht, dass er wenig über die tatsächliche Verteilung der Vermögen aussagt – es könnte ja sein, dass einige wenige Vermögensmillionäre vielen Habenichtsen gegenüberstehen. Dem ist aber nicht so. Denn bei den Älteren ist das Vermögen wesentlich gleichmäßiger verteilt als im Bevölkerungsdurchschnitt:

Die Hälfte der über 64-Jährigen verfügt über ein Nettovermögen von mindestens 55.000 Euro und ein Drittel über mehr als 120.000 Euro.

Dabei können auch viele von jenen Älteren, die nur eine geringe Rente oder Pension bekommen, auf finanzielle Reserven zurückgreifen: Immerhin hat jeder Vierte über 64-Jährige, der 2011 einkommensarm war, so viel gespart, dass er sich damit für mindestens zehn Jahre finanziell über Wasser halten kann.

Bei der kombinierten Betrachtung von Einkommen und Vermögen betrug die Armutsquote der über 64-Jährigen deshalb 2011 nur 9,4 Prozent. Sie liegt damit deutlich unter der Gesamtquote, da im Durchschnitt der Bevölkerung weitaus weniger Personen auf nennenswerte Vermögen zurückgreifen können.

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