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„Schwache Gewerkschaften bringen uns nicht weiter“

Die Gewerkschaften in Europa haben einen schweren Stand, in fast allen Ländern sinken die Mitgliederzahlen – zum Teil rapide. Warum das eine brisante Entwicklung ist, erläutert Hagen Lesch, Tarifexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, im iwd-Interview.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Mitgliederschwund in den Gewerkschaften ist problematisch, weil dadurch die Durchsetzungskraft der Gewerkschaften sinkt und die Tarifbindung abnimmt.
  • Die Gewerkschaften haben zu wenige jüngere Mitglieder, zu wenige befristet Beschäftigte und Teilzeitkräfte, und sie organisieren zu wenige Arbeitnehmer aus Kleinbetrieben.
  • Viele Bürger halten Gewerkschaften für notwendig – die Bereitschaft mitzumachen, ist aber oft nicht sehr hoch.
Zur detaillierten Fassung

Als Wissenschaftler eines Instituts, das von Unternehmen und Unternehmensverbänden getragen wird, müssten Sie sich über den Mitgliederschwund der Gewerkschaften doch freuen.

Nein, ganz im Gegenteil. Der Mitgliederschwund ist problematisch, weil dadurch die Durchsetzungskraft der Gewerkschaften sinkt und die Tarifbindung abnimmt. Infolgedessen greift der Staat verstärkt in die Tarifautonomie ein. Der Gesetzgebungsprozess ist aber träger, als Tarifparteien es sind. Wohin das führt, lässt sich ganz gut in Frankreich beobachten. Dort gibt es kein funktionierendes Tarifsystem, der Staat greift deshalb massiv ein. Am Ende kommt es zu einem Reformstau und wenn der dann endlich aufgelöst werden soll, richtet sich der Zorn gegen den Staat. Der Staat kennt auch die Belange einzelner Branchen nicht so gut wie die Tarifparteien. Er schert alles über einen Kamm, während die Tarifparteien differenzieren.

Was haben die Gewerkschaften in den letzten Jahren versäumt?

Wir haben die strukturellen Defizite der Gewerkschaften in Europa untersucht. Und die lauten fast überall: Die Gewerkschaften haben zu wenige jüngere Mitglieder, zu wenige befristet Beschäftigte und Teilzeitkräfte, und sie organisieren zu wenige Arbeitnehmer aus Kleinbetrieben. Kurz gesagt: Die Gewerkschaften haben die Veränderungen in der Arbeitswelt ein Stück weit verschlafen.

Die Gewerkschaften haben die Veränderungen in der Arbeitswelt ein Stück weit verschlafen.

Wie könnten die Gewerkschaften das ändern?

Die IG Metall hat vor ein paar Jahren ein Studierendenprojekt an den Hochschulen gestartet und anschließend tatsächlich einen Zuwachs bei den jüngeren Mitgliedern verzeichnet. Wie sich andere Gruppen stärker organisieren lassen, kann man in Skandinavien sehen. In Schweden etwa gibt es eine eigenständige Gewerkschaft nur für Akademiker.

Lassen sich die sinkenden Mitgliederzahlen der Gewerkschaften in Deutschland nicht auch dadurch erklären, dass angesichts des akuten Fachkräftemangels die Arbeitsbedingungen immer besser werden?

Ja, eine hohe Arbeitszufriedenheit macht es für die Gewerkschaften tatsächlich schwieriger, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Sie haben es nachgewiesenermaßen in solchen Betrieben leichter, wo es hakt.

Und wie steht es nach den vielen Streiks der vergangenen Jahre um die Akzeptanz der Gewerkschaften in der Bevölkerung?

Die Streiks einzelner Spartengewerkschaften haben den Blick auf die Sinnhaftigkeit von Gewerkschaften insgesamt kaum beeinflusst. Man sieht die Notwendigkeit, aber die Bereitschaft, in einer Gewerkschaft mitzumachen, ist tatsächlich oft nicht sehr hoch. Wir haben bei Gewerkschaften das typische Trittbrettfahrerproblem: Von Tarifabschlüssen profitieren alle – auch jene, die gar nicht in der Gewerkschaft sind.

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