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Schuften für 1,33?

Seit Januar gibt es für Empfänger von Arbeitslosengeld II monatlich 8 Euro mehr, sodass der Regelsatz nun 382 Euro beträgt. Dadurch wird ein altes Problem verschärft: der geringe finanzielle Anreiz, aus der Arbeitslosigkeit in einen Vollzeitjob der unteren Lohngruppen zu wechseln.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Erhöhung des Arbeitslosengeldes II schafft keinen finanziellen Anreiz aus der Arbeitslosigkeit in einen Vollzeitjob zu wechseln.
  • Haushalte mit ALG II haben oft mehr Geld in der Kasse als jene, in denen ein Haushaltsmitglied für 8 Euro brutto je Stunde Vollzeit arbeiten geht und die keine zusätzlichen staatlichen Transfers beziehen.
  • Beim Wechsel vom Minijob zur Vollzeitstelle erhöht jede zusätzliche Arbeitsstunde das verfügbare Einkommen gerade einmal um 1,33 Euro.
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Hartz IV ist nicht gleich Hartz IV – je nach Familiensituation und Wohnort steht einem ALG-II-Empfänger unterschiedlich viel zu (Kas­ten). Wer etwa in Berlin wohnt und alleinstehend ist, hat monatlich maximal 780 Euro zur Verfügung. Ein Alleinerziehender mit einem Kind kann mit rund 1.200 Euro, eine Familie mit zwei Kindern mit gut 1.800 Euro rechnen. Ob dies viel oder wenig ist, darüber mag man streiten. „Schuften statt hartzen“ lohnt sich jedenfalls nicht unbedingt (Grafik):

Haushalte mit ALG II haben oft mehr Geld in der Kasse als jene, in denen ein Haushaltsmitglied für 8 Euro brutto je Stunde Vollzeit arbeiten geht und die keine zusätzlichen staatlichen Transfers beziehen.

Nun können Geringverdiener durchaus aufstockendes ALG II beziehen. Dieses sinkt zwar mit steigendem Arbeitseinkommen, aber unterm Strich bringt mehr Arbeit grundsätzlich auch mehr Geld.

Der Teufel steckt jedoch im Detail – die geltende Regelung verleitet nämlich dazu, höchstens eine geringfügige Beschäftigung anzunehmen. Ein Beispiel: Nimmt eine zuvor arbeitslose Alleinerziehende für 8 Euro je Stunde einen 400-Euro-Job an, steigt ihr verfügbares Einkommen um 160 Euro. Pro Stunde Arbeit hat sie 3,20 Euro mehr im Portemonnaie. Wechselt sie dann – bei gleichem Stundenlohn – in eine Vollzeittätigkeit, bringt das lediglich weitere 150 Euro. Das heißt:

Beim Wechsel vom Minijob zur Vollzeitstelle erhöht jede zusätzliche Arbeitsstunde das verfügbare Einkommen gerade einmal um 1,33 Euro.

Dabei sind die durch die Mehr­arbeit gestiegenen Ausgaben – etwa höhere Fahrtkosten – noch nicht berücksichtigt.

Die Konsequenz dieser Transferregeln: Von den 1,3 Millionen Menschen, die arbeiten und zusätzlich ALG II beziehen, sind nur 300.000 vollzeitbeschäftigt. Um das zu ändern, hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln schon vor längerem für eine Änderung der Freibetragsregelungen plädiert (vgl. iwd 8/2010): Damit hätten ALG-II-Aufstocker bei einem steigenden Bruttoeinkommen tatsächlich deutlich mehr Geld in der Tasche.

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