EU-Regionalentwicklung Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Schlechte Bilanz für Großbritannien und Frankreich

Wirtschaftliches Zusammenwachsen gehört zu den obersten Zielen der Europäischen Union und ihrer Vorgänger-Organisationen. Bisher ist das nur bedingt geglückt, wie eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln von gut 1.300 europäischen Regionen zeigt.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Angleichung der Lebensstandards innerhalb Europas ist eines der obersten Ziele der Europäischen Union.
  • Auf Länderebene haben sich die Wohlstandsniveaus zwar angenähert, zwischen den Regionen sind die Unterschiede aber teilweise noch größer geworden.
  • Auch für die zweitgrößte Volkswirtschaft der EU, Frankreich, und für Noch-Mitglied Großbritannien fällt die Regionalbilanz eher negativ aus.
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Den Frieden sichern und Wohlstand bringen – das waren die Hauptmotive, die seinerzeit zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft führten und die auch für ihre Nachfolgerin, die Europäische Union, gelten. Die Angleichung der Lebensstandards, Ökonomen sprechen von „Konvergenz“, ist eines der wichtigsten übergeordneten Ziele der Europäischen Union. Erreicht werden soll es unter anderem mit Hilfe der Regionalförderung – jenem Politikbereich, für den die EU am meisten Geld ausgibt und der, wenn es zum Brexit kommt, mancherorts in Großbritannien schmerzlich vermisst werden wird.

Doch was hat die Europäische Union mit ihrer milliardenschweren Umverteilung über die Strukturfonds bis heute wirklich erreicht? Fest steht: Seit den 1950er Jahren, als mit dem Europäischen Sozialfonds (ESF) der erste Fördertopf installiert wurde, haben sich die Wohlstandsniveaus der Mitgliedsländer angenähert. Das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner ist in ärmeren Ländern überdurchschnittlich gewachsen und in reicheren unterdurchschnittlich.

Das Wohlstandsgefälle ist auch innerhalb der EU-Länder groß, nicht nur zwischen ihnen.

Schaut man allerdings genauer hin, nämlich auf die Regionalebene NUTS 3 der EU-Systematik, die Verwaltungseinheiten mit 150.000 bis 800.000 Einwohnern erfasst und in Deutschland der Kreisebene entspricht, zeigt sich: Die Regionen unterscheiden sich immer noch sehr stark, und zwar nicht nur zwischen unterschiedlichen Ländern, sondern auch innerhalb eines Landes – und teilweise sind sie noch weiter auseinandergedriftet. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat die Wirtschaftsentwicklung von gut 1.300 NUTS-3-Regionen der EU von 2000 bis 2013 analysiert. Dabei ergab sich folgendes Bild auf der Landkarte der Regionalentwicklung (Grafik):

  1. Die Aufstrebenden. Einen großen Fortschritt haben flächendeckend fast alle osteuropäischen Länder gemacht, außerdem einige wenige Gebiete in Spanien und Portugal.
  2. Die Zurückgefallenen. In vielen Regionen Griechenlands, Süditaliens, Frankreichs, Spaniens und sogar Großbritanniens hat statt Konvergenz eher Divergenz stattgefunden. Sie hatten schon im Jahr 2000 ein unterdurchschnittliches Wohlstandsniveau und haben seitdem kaum aufgeholt. Im Gegenteil: Vielerorts ist die Wirtschaftsleistung je Einwohner nicht nur unterdurchschnittlich gestiegen, sondern sogar geschrumpft, so etwa im griechischen Thespotia und im schottischen East Ayrshire and North Ayrshire mainland.
  3. Die Stagnierenden. Fast alle anderen Regionen in Frankreich und Großbritannien verzeichneten im Jahr 2000 zwar ein überdurchschnittliches Wohlstandsniveau – seitdem hat sich jedoch nicht mehr viel getan. Für die beiden nach Deutschland größten Volkswirtschaften der EU lässt sich in Sachen Konvergenz also kein positives Fazit ziehen.
  4. Die Überflieger. Sie laufen fast schon außer Konkurrenz. Regionen, die auch schon im Jahr 2000 vor Wirtschaftskraft nur so strotzten, konnten ihre Stärken – oftmals verkörpert durch die Industrie – anscheinend weiter ausbauen. Das gilt zum Beispiel für die deutschen Autostädte Ingolstadt und Wolfsburg, für Metropolregionen wie London, Amsterdam und Kopenhagen, aber auch für eher ländlich und touristisch geprägte Ecken wie Bludenz-Bregenzer Wald im österreichischen Vorarlberg und das nordschwedische Norbotten.

Für Frankreich und Großbritannien lässt sich in Sachen Regionalentwicklung kein positives Fazit ziehen.

Was den Unterschied ausmacht

Diese Typisierung deutet schon daraufhin, was letztlich den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmacht: Die Industrie legt eine gute Basis für Wachstum und Wohlstand, und auch die Regionalförderung spielt eine Rolle. Diese kann allerdings nur wirken, wenn sie in die richtigen Bereiche investiert wird. Dafür gibt es kein Patentrezept, sondern jede Region muss ihre spezifischen Voraussetzungen berücksichtigen. Was bisher in der EU gut funktioniert hat, ist der Ausbau der Verkehrs-und Umweltinfrastruktur, die Fokussierung auf Tourismus und die Förderung von großen Unternehmen.

Weniger gut angeschlagen haben dagegen jene Fördergelder, die in den Bereich Gesundheit und in die Entwicklung ländlicher Regionen geflossen sind.

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