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Sauberes Portfolio

Wenn Unternehmen, Stiftungen und Kirchen ihr Geld aus fossilen Energien und Techniken abziehen, hat das nicht nur ethische und ökologische Gründe. Auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sind Investments in Kohle, Öl und Gas inzwischen heikel.

Kernaussagen in Kürze:
  • Weltweit haben sich mehr als 500 Institutionen dazu bekannt, ihr Kapital aus Kohle oder anderen fossilen Energien abzuziehen.
  • Ein Viertel dieser Organisationen sind Stiftungen, darunter die Rockefeller Stiftung.
  • Neben Klimaschutzaspekten gibt es auch wirtschaftliche Aspekte für den Ausstieg aus fossilen Investments.
Zur detaillierten Fassung

Leonardo DiCaprio tut es, die Stadt Münster tut es und sogar einer der größten Versicherer der Welt, die Allianz, ist dabei: Sie alle haben sich dem Divestment verpflichtet.

Die Divestment-Bewegung, im Jahr 2012 von US-Umweltschutzorganisationen ins Leben gerufen, fordert dazu auf, dem Abbau von Kohle, Gas und Öl die finanzielle Grundlage zu entziehen. Der Kapitalabzug soll dazu beitragen, die globale Erwärmung zu bremsen.

Die Allianz steigt zunächst einmal nur aus der Kohle aus: Im November 2015 kündigte der Konzern an, sich aus der Finanzierung kohlebasierter Geschäftsmodelle zurückzuziehen. Konkret gemeint sind damit Unternehmen des Bergbaus, die mehr als 30 Prozent ihrer Einnahmen mit Kraftwerkskohle erwirtschaften, sowie Stromproduzenten, die 30 Prozent und mehr ihrer Energie mittels Kohle erzeugen.

Laut Branchenkennern beläuft sich das davon betroffene Anlagevolumen der Allianz auf 4 Milliarden Euro und ist vor allem in Anleihen investiert. Diese werden bis zur Fälligkeit gehalten, während Aktien bis Ende März 2016 abgestoßen werden sollen.

Oscar-Preisträger DiCaprio geht mit seiner Divestment-Strategie noch einen Schritt weiter: Der UN-Friedensbotschafter legt weder sein privates noch sein Stiftungsgeld in fossilen Energieträgern an – er schließt also nicht nur Investments in Kohle aus, sondern auch jene in Öl und Gas.

Noch konsequenter betreibt Münster seine Divestment-Strategie. Als erste deutsche Kommune will die 300.000 Einwohner zählende Stadt ab dem 1. April 2016 keine Investitionen mehr in Unternehmen halten, die „Atomenergie erzeugen oder auf nicht nachhaltige und klimaschädliche Energien setzen“. Ausgeschlossen sind auch Unternehmen, die Kinderarbeit zulassen, die Militärwaffen herstellen oder vertreiben, sowie Firmen, die Fracking betreiben. Von den Standards sind zwei Fonds betroffen, in die die Stadt Münster insgesamt 62 Millionen Euro investiert hat.

Weltweit haben sich laut dem Netzwerk Fossil Free mittlerweile rund 500 Institutionen öffentlich dazu bekannt, ihr Kapital aus Kohle oder anderen fossilen Energien abzuziehen.

Ein Viertel der Organisationen, die konkrete Zusagen in diese Richtung gemacht haben, sind Stiftungen (Grafik) – darunter die Rockefeller Stiftung mit einem Vermögen von 860 Millionen Dollar, das sie nicht zuletzt den Ölförderungsaktivitäten der Stiftungsgründer verdankt. Doch mit Öl möchte man heute nichts mehr zu tun haben. Stephen Heintz, Präsident der Rockefeller Stiftung, die mehr als 40 Prozent ihrer Mittel für die Rettung des Klimas einsetzt, hofft sogar darauf, „das Ende des Ölzeitalters zu beschleunigen“.

Ähnlich ist es mit Norwegens staatlichem Pensionsfonds. In den zweitgrößten Pensionsfonds der Welt fließt der Großteil der staatlichen Öleinnahmen – mit einem Kapitalstock von umgerechnet ungefähr 820 Milliarden Euro gehörte er zu den Top-Ten-Investoren in der globalen Kohleindustrie. Doch seit vergangenem Sommer verkauft der Staatsfonds Anteile von Unternehmen, die mehr als 30 Prozent ihrer Erlöse oder ihrer Produktion aus Kohle generieren.

Der Verzicht auf fossile Investments setzt sicherlich ein starkes Statement mit Signalwirkung – aber hilft er auch dem Klima? Kurzfristig wohl kaum, denn der Treibhausgasausstoß reduziert sich ja nicht, bloß weil Wertpapiere von Kohle- oder Ölfirmen den Besitzer wechseln. Die Entwicklung der Treibhausgase ist weiterhin nachfrageabhängig: Fossile Energieträger werden für die Befriedigung des weltweiten Energiehungers wahrscheinlich noch einige Jahrzehnte lang eine große Rolle spielen – vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Neben Klimaschutzaspekten gibt es aber auch noch einen weiteren Grund für den Ausstieg aus fossilen Investments – nämlich wirtschaftliche Aspekte: Der Preis für Kohle ist in den vergangenen vier Jahren um mehr als die Hälfte gesunken. Auch Öl ist so billig wie lange nicht mehr (vgl. iwd 11/2016). Der Preisverfall der Rohstoffe zieht auch die Aktienkurse der Öl- und Kohle­Konzerne nach unten (Grafik):

In den vergangenen drei Jahren ist der Börsenwert vieler großer Öl- und Kohlekonzerne beträchtlich gefallen, zum Teil hat er sich sogar halbiert.

Noch düsterer dürften die Aussichten für die Förderer fossiler Energien werden, wenn die Staatengemeinschaft tatsächlich Ernst macht mit jenen Klimazielen, die Ende 2015 auf dem Pariser Gipfel vereinbart worden sind.

Um das 2-Grad-Ziel zu erreichen, muss nämlich der größte Teil der Öl-, Gas- und Kohlereserven im Boden bleiben – Umweltexperten gehen von 80 Prozent der Vorräte aus. Damit würden die fossilen Ressourcen zu „stranded assets“, zu nutzlosen Vorräten. Auch aus Anlegerperspektive klingt das Ganze nicht besser: So manche Investoren bezeichnen solche im Preis sinkenden Rohstoffwerte im Portfolio bereits als „toxic assets“ – toxische Aktiva.

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