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Salade Niçoise

Die Franzosen haben jetzt zwar einen neuen Präsidenten gewählt, doch die wenigsten verbinden damit die Hoffnung, dass dieser die lahmende Wirtschaft ankurbeln kann und die Staatsverschuldung in den Griff bekommt. So mancher schielt daher neidvoll auf das prosperierende Deutschland.

Kernaussagen in Kürze:
  • Frankreichs Wirtschaft wuchs 2011 nur um 1,7 Prozent, Deutschland kam fast auf das Doppelte.
  • Die französischen Staatsausgaben beanspruchten im Jahr 2011 nahezu 56 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
  • Die Wirtschaft Frankreichs zeigt vor allem in der Industrie und beim Export große Schwächen.
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Wer macht das Rennen: der amtierende Präsident Nicolas Sarkozy oder sein Herausforderer, der Sozialist François Hollande? In der zweiten Runde der Präsidentenwahl stellen die Franzosen am 6. Mai wichtige Weichen für ihre Zukunft. Zwar kann Frankreich mit ein paar Pfunden wuchern – etwa der höchsten Geburtenrate Europas, einer Reihe von erfolgreichen Großunternehmen (Danone, L´Oréal, AXA) und einer exzellenten Verkehrsinfrastruktur –, dennoch gibt es zuhauf wirtschaftliche Probleme, die mehr und mehr der 65 Millionen Einwohner tangieren (Grafik):

Frankreichs Wirtschaft wuchs 2011 nur um 1,7 Prozent, Deutschland kam fast auf das Doppelte.

So ist es kein Wunder, dass Deutschland immer wieder als Vorbild genannt wird. Im Vorwahlkampf zitierte vor allem Sarkozy die Reformen der rot-grünen Bundesregierung, mit denen die Wachstums- und Beschäftigungschancen nachhaltig gestärkt wurden. Doch lassen sich die beiden größten Wirtschaftsnationen Europas überhaupt über einen Kamm scheren? Ein Vergleich:

  • Der Staat spielt im zentralistisch organisierten Frankreich eine weit größere Rolle als im föderalistischen Deutschland. So arbeitet in Frankreich jeder fünfte Beschäftigte – das sind 5,5 Millionen – im öffentlichen Dienst. Deutschland dagegen hat zwar rund 20 Millionen Einwohner mehr als Frankreich, kommt aber mit 5 Millionen Staatsbediensteten aus – das sind weniger als 10 Prozent der Beschäftigten. Diese Unterschiede schlagen sich in wichtigen ökonomischen Kennziffern der beiden Länder nieder (Grafik):

Die französischen Staatsausgaben beanspruchten im Jahr 2011 nahezu 56 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), Deutschland reichten knapp 46 Prozent.

Mit der Finanzkrise hat das übrigens wenig zu tun – auch vorher bewegte sich die französische Staatsquote mit rund 52 Prozent des BIP auf konstant hohem Niveau.

Relativ schlecht schneidet Paris auch beim Vergleich der Staatshaushalte ab. Das Defizit summierte sich 2011 auf rund 5 Prozent des BIP und war damit fünfmal so hoch wie das deutsche. Zusammen mit dem schwächeren Wirtschaftswachstum hievte das die öffentliche Verschuldung auf fast 86 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Bundesrepublik dagegen konnte ihren Schuldenstand 2011 erstmals seit der Finanzkrise leicht senken – auf rund 81 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

  • Die Wirtschaft Frankreichs zeigt vor allem in der Industrie und beim Export große Schwächen: Von 1999 bis 2008 sank der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung von gut 16 Prozent auf knapp 12 Prozent – in Deutschland ist der Industrieanteil fast doppelt so hoch.

Zudem steckt Frankreich vergleichsweise wenig Geld in die Entwicklung von Innovationen: Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung machen seit 1999 ungefähr 2,2 Prozent des BIP aus, während sie in Deutschland von 2,4 auf 2,8 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2010 gestiegen sind.

Beide Entwicklungen – die schwächelnde Industrie und die geringen Forschungsaufwendungen – haben das französische Angebot an Waren und Dienstleistungen nicht gerade attraktiver gemacht. So nahmen die realen Exporte in den vergangenen zwölf Jahren nur um durchschnittlich 2,8 Prozent pro Jahr zu – in Deutschland dagegen um 6,7 Prozent. Bei der ohnehin wachsenden Konkurrenz auf dem Weltmarkt heißt das:

Während die Bundesrepublik ihren Anteil am globalen Export von Waren und Dienstleistungen seit 1999 bei rund 8 Prozent halten konnte, sank der französische Anteil um mehr als ein Drittel auf nur noch 3,3 Prozent.

Zudem führen die Franzosen mehr Waren ein als aus, was 2011 zu einem negativen Leistungsbilanzsaldo in Höhe von 2,2 Prozent des BIP führte; Deutschland verzeichnete dagegen einen positiven Saldo von 5,7 Prozent.

  • Der Arbeitsmarkt bleibt von all dem nicht unberührt. Während Deutschland dank seiner Agenda-2010-Reformen Beschäftigungszuwächse erzielen konnte, kletterte in Frankreich die Arbeitslosenquote auf fast 10 Prozent, unter Jugendlichen ist sie sogar mehr als doppelt so hoch.

Patentrezepte, um die französische Malaise zu beheben, hat keiner der beiden Präsidentschaftskandidaten. Ob Sarkozy oder Hollande die Stichwahl gewinnt, ist deshalb vielen Franzosen fast egal, denn Opfer werden sie so oder so bringen müssen. Wahrscheinlich bekommen sie ohnehin eher eine pragmatische Mischung aus den Wahlkampfversprechen von Nicolas und François vorgesetzt, einen Salade Niçoise.

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