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Deutsche Rüstungsindustrie: Eine Branche im Umbruch

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist auch die Frage nach der Einsatzfähigkeit der Bundeswehr erneut in den Fokus gerückt. Mit einem 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen soll nun die deutsche Verteidigung gestärkt werden. Davon dürfte auch die heimische Rüstungsindustrie profitieren, die im Jahr 2020 Waffen und Ausrüstung für rund 11,3 Milliarden Euro abgesetzt hat.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die deutsche Rüstungsindustrie hat im Jahr 2020 Waffen und Ausrüstung für rund 11,3 Milliarden Euro abgesetzt.
  • Den mit Abstand meisten Umsatz erzielt die deutsche Rüstungsindustrie im Segment der militärischen Luft- und Raumfahrt. Mit Drohnen, Kampfhubschraubern und -flugzeugen setzte die Branche zuletzt 7,1 Milliarden Euro um.
  • Allerdings ist die Bundesrepublik ein eher ungeliebter Partner bei Rüstungsprojekten, da Deutschland auch Lieferungen von Partnerstaaten in Kooperationsprojekten der deutschen Ausfuhrkontrolle unterwirft.
Zur detaillierten Fassung

Den mit Abstand meisten Umsatz erzielt die deutsche Rüstungsindustrie im Segment der militärischen Luft- und Raumfahrt (Grafik):

Mit komplexen Systemen wie dem Eurofighter, dem Kampfhubschrauber Tiger und dem Transporter A400M setzte die deutsche Verteidigungsindustrie zuletzt 7,1 Milliarden Euro um.

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Seit 2021 hat die Bundeswehr zudem ein Weltraumkommando: Neben der Beobachtung der Aktivitäten anderer Länder stehen sechs Satelliten für Aufklärungs- und Kommunikationszwecke zur Verfügung.

Zudem soll ein Luftkampfsystem aus radarunsichtbaren Kampfflugzeugen und Drohnen gemeinsam mit Frankreich und Spanien entwickelt werden, um auch nach 2040 mit den Fähigkeiten der militärisch führenden Länder mithalten zu können. Da dies momentan nicht der Fall ist, soll als Zwischenschritt ein Kontingent des US-Jets F-35 beschafft werden – eine durch den Ukraine-Krieg bedingte Entscheidung.

Deutschland investierte 2021 rund 47 Milliarden Euro in die Verteidigung, doch das Geld steht größtenteils nicht für Beschaffungen zur Verfügung: Mit rund 41 Prozent entfällt ein Großteil auf Personalausgaben und Versorgungsansprüche, nur 18,5 Prozent fließen in neue Waffen und Fahrzeuge sowie 3,5 Prozent in Forschung und Entwicklung.

Eine Eurofighterversion zur elektronischen Kriegsführung soll ebenfalls in geringer Stückzahl beschafft werden – hier mischen sich Industriepolitik und Verteidigungspolitik, denn ähnliche Fähigkeiten besitzen amerikanische Flugzeuge bereits, deren Kauf zudem kostengünstiger wäre. Doch ist die Beschaffung der bisherigen Eurofighter für die Luftwaffe fast abgeschlossen und das neue europäische Luftkampfsystem noch weit von der Produktion entfernt: Ohne eine Order zur Überbrückung drohen Kenntnisse und Facharbeiter für die Fertigung verloren zu gehen.

Der heimische Marineschiffbau setzte 2020 etwa 1,1 Milliarden Euro um. Die deutsche Werftindustrie bietet ein breites Spektrum an Fahrzeugen vom U-Boot über Minensucher und Patrouillenboote bis hin zu Fregatten.

Marineschiffe wurden nicht rechtzeitig fertig

In den vergangenen Jahren hat der Ruf von „Made in Germany“ hier aber ein paar Kratzer bekommen, da es Qualitätsprobleme gab und Schiffe nicht rechtzeitig fertig wurden. Aus diesem Grund wird die neue Fregatte F126 – mit circa 10.000 Tonnen Verdrängung so groß wie ein Kreuzer aus den 1930er Jahren – nun unter Federführung der niederländischen Damen-Gruppe gebaut. Dies geschieht allerdings mit jahrelanger Verspätung aufgrund von Rechtsstreitigkeiten um die Auftragsvergabe und knappe Mittel. Während andere europäische Länder ihre Marinewerften überwiegend zu nationalen Konsortien zusammengeführt haben, hat Deutschland bislang auf Konkurrenz gesetzt. Nun zeichnet sich aber auch hierzulande eine weitere Konsolidierung ab, zunächst entstehen zwei Werftverbünde.

Auf Panzer und andere Militärfahrzeuge entfiel 2020 in Deutschland ein Umsatz von gut 700 Millionen Euro, doch war dies ein Ausreißer – 2019 wurden noch Kampffahrzeuge für 2,3 Milliarden Euro abgesetzt. Mit dem Abschluss der Lieferung des Schützenpanzers Puma an die Bundeswehr und fehlenden Exportaufträgen werden wohl auch 2021/22 sehr geringe Umsätze erzielt. Gegen Ende des Jahrzehnts könnte ein neuer, mit Frankreich entwickelter Kampfpanzer einen Aufschwung bringen.

Dies verdeutlicht die hohe Schwankungsanfälligkeit in der Verteidigungsindustrie, die vollständig von staatlichen Beschaffungsvorhaben abhängig ist.

Ein immer wichtigerer – aber statistisch nicht abgrenzbarer – Bereich der Verteidigung bildet die elektronische Kriegsführung einschließlich der Cyberabwehr. Bereits im Jahr 2014 wurde der Umsatz für Verteidigungs- und Sicherheitselektronik in einer Untersuchung für das Bundeswirtschaftsministerium auf etwa 2,8 Milliarden Euro beziffert. Neuere Daten liegen nicht vor, doch ist davon auszugehen, dass der Umsatz kräftig gestiegen ist. Zum Teil dürfte es sich dabei aber um Vorleistungen handeln, die in den vier klassischen Rüstungsbereichen enthalten sind.

Mit dem Ende des Kalten Kriegs und seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 sind die deutschen Verteidigungsausgaben stark zurückgefahren worden, da die Bedrohungslage als gering empfunden wurde. Während 1989 noch 2,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Verteidigung ausgegeben wurden, waren es 2014 nur noch 1,1 Prozent beziehungsweise 33,1 Milliarden Euro.

Auch nach der Besetzung der Krim und dem 2014 von Russland angeheizten Donbass-Konflikt wuchsen die realen Verteidigungsausgaben Deutschlands zunächst nicht, erst 2017 begann ein leichter Anstieg (Grafik):

Im Jahr 2021 betrugen die Verteidigungsausgaben rund 47 Milliarden Euro und erreichten mit knapp 1,5 Prozent des BIP ihren höchsten Stand seit 1999.

So viele Milliarden Euro gab Deutschland für die Verteidigung aus

Diese auf den ersten Blick hohe Summe steht jedoch größtenteils nicht für Beschaffungen zur Verfügung: Mit rund 41 Prozent entfällt ein Großteil auf Personalausgaben und Versorgungsansprüche, nur 18,5 Prozent fließen in neue Waffen und Fahrzeuge sowie 3,5 Prozent in Forschung und Entwicklung. Und schon ab 2023 sollten die Ausgaben nach der bisherigen Planung, die nun durch den Ukraine-Krieg über den Haufen geworfen wurde, selbst nominal wieder sinken.

Da die Entwicklungskosten für neue Hightech-Waffensysteme ständig steigen, werden auch die Schiffe, Flugzeuge und Panzer immer teurer. Gegensteuern kann man hier nur durch größere Stückzahlen, die sich durch Exporte oder Kooperationen erzielen lassen. So sind schon die jüngsten beiden Kampfflugzeuggenerationen der Bundeswehr, der Eurofighter und der Tornado, jeweils europäische Kooperationsprojekte.

Im Jahr 2020 wurden Rüstungsausfuhren in Höhe von 5,8 Milliarden Euro genehmigt, 2019 waren es sogar 8 Milliarden Euro. Durch eine restriktive Handhabung von Rüstungsexporten in Länder außerhalb der NATO ist allerdings so manches Waffengeschäft mit zahlungskräftigen Ländern wie Saudi-Arabien nicht zustande gekommen – während europäische Partner, zum Beispiel Frankreich, in diesem Punkt weniger Hemmungen haben.

Deutschland, ein schwieriger Partner für Verteidigungskooperationen

Seitdem Deutschland vor fünf Jahren von der seit den 1970er Jahren geübten Praxis abgewichen ist und auch Lieferungen von Partnerstaaten in Kooperationsprojekten der deutschen Ausfuhrkontrolle unterwirft, ist die Bundesrepublik zu einem eher ungeliebten Partner bei Rüstungsprojekten geworden – teils wurden deutsche Komponenten bereits durch Teile aus anderen Ländern ersetzt. Auf Druck Frankreichs wurde 2019 für das neue Luftkampfsystem nun wieder die frühere Praxis vertraglich fixiert. Ohne eine generelle Rückkehr zur bis 2017 gepflegten Regelung erscheint eine politisch gewünschte engere Verteidigungskooperation in Europa aber schwer vorstellbar, da sich kein anderer Staat in seinen Lieferentscheidungen von der deutschen Ausfuhrkontrolle abhängig machen will.

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