Lohnpolitik Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Rollen lassen

Die Bundesbank und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fordern höhere Löhne. In der Industrie sind die Lohnstückkos­ten in den vergangenen Jahren aber bereits kräftig gestiegen.

Kernaussagen in Kürze:
  • In der Industrie sind die Lohnstückkosten in den vergangenen Jahren aber bereits kräftig gestiegen.
  • In den vergangenen Jahren sind die industriellen Lohnstückkosten stärker gestiegen als die Produktivität.
  • Die Lohnstückkosten in der Industrie gingen von 2003 bis 2007 um gut 16 Prozent zurück und Deutschland wurde vom kranken Mann Europas zur Zugmaschine der Eurozone.
Zur detaillierten Fassung

Als „sick man of Europe“ – als kranken Mann Europas – bezeichnete die britische Wirtschaftszeitung The Economist Deutschland 1999. Die schwache Wirtschaft sei eine Gefahr für den noch jungen Euro.

Heute, 15 Jahre später, zeigt sich ein anderes Bild: Selbst die Bundesbank ermuntert die Gewerkschaften, kräftigere Lohnerhöhungen zu fordern, und das DIW betont, der Verteilungsspielraum in der Industrie werde nicht ausgeschöpft. Die Fakten zeigen aber, dass die Forderungen unbegründet sind (Grafik):

In den vergangenen Jahren sind die industriellen Lohnstückkosten stärker gestiegen als die Produktivität.

Damit hat die Lohnpolitik den Ende der 1990er Jahre eingeleiteten Kurs verlassen:

Zwischen 1999 und 2003 waren die Lohnstückkosten – also die durchschnittlichen Arbeitskosten je Produktionseinheit – noch annähernd konstant. Aufgrund der seinerzeit stark gestiegenen Arbeitslosigkeit schwenkten die Tarifpartner dann auf den Pfad einer beschäftigungsorientierten Lohnpolitik ein und die Unternehmen strukturierten um. Die Produktivität stieg wieder, während sich die Arbeitskosten nur moderat erhöhten. Die Folge:

Die Lohnstückkosten in der Industrie gingen von 2003 bis 2007 um gut 16 Prozent zurück und Deutschland wurde vom kranken Mann Europas zur Zugmaschine der Eurozone.

Als dann die globale Wirtschaftskrise 2008/2009 die Investoren verunsicherte, traf dies die deutsche Industrie mit ihrem Schwerpunkt auf Investitionsgütern zwar besonders hart. Doch durch ihre wieder erstarkte Wettbewerbsfähigkeit und wegen des sich abzeichnenden Fachkräftemangels konnten die meisten Firmen die Krise überstehen und dabei auch die überwiegende Zahl der Beschäftigten halten, sodass der Nachfragerückgang auf dem Arbeitsmarkt kaum Spuren hinterließ. Mit der stabilen Beschäftigung brach auch der Konsum nicht ein. Doch das Ganze hatte eine Kehrseite:

Die Lohnstückkosten schnellten von 2007 bis 2009 um fast 27 Prozent nach oben.

Zuletzt lagen sie 13 Prozent höher als im Vorkrisenjahr 2007. Selbst wenn man – wie das DIW – Produktivitätszuwachs und Preiserhöhung einbezieht, ergibt sich für die preisbereinigten Lohnstückkosten noch ein Anstieg von knapp 7 Prozent.

Auch in der DIW-Rechnung wurde der Verteilungsspielraum also in den vergangenen sechs Jahren im Durchschnitt um 1 Prozentpunkt überzogen. Anstatt lohnpolitisch weiter Gas zu geben, ist es an der Zeit, es einfach mal rollen zu lassen.

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