Rentenreform Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Rolle rückwärts

Die zusätzliche Mütterrente sowie die abschlagsfreie Rente mit 63 für langjährig Versicherte stellen die Rentenreformen der vergangenen Jahre auf den Kopf. Die Kosten tragen vor allem junge Beitragszahler. Aber auch ein Teil der heutigen Rentner kommt nicht ungeschoren davon.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die zusätzliche Mütterrente sowie die abschlagsfreie Rente mit 63 für langjährig Versicherte stellen die Rentenreformen der vergangenen Jahre auf den Kopf.
  • Diese neue Frühverrentungsoption führt die Rente mit 67 ad absurdum, die bis 2029 stufenweise eingeführt wird, um die Rentenversicherung demografiefest zu machen.
  • Zukünftig muss das Geld über weitere Beitragssatzerhöhungen aufgebacht werden.
Zur detaillierten Fassung

Mit ihrem Gesetzentwurf über Leistungsverbesserungen in der gesetzlichen Rentenversicherung geht die frisch gekürte Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles gleich vier rentenpolitische Maßnahmen an (Kasten). In der Kritik stehen vor allem zwei Projekte:

1. Zusätzliche Mütterrente. Ab Juli 2014 werden Erziehungsleistun­gen von Müttern aufgewertet, deren Kinder vor 1992 geboren wurden. Nach heutigem Stand werden dann pro Kind in Westdeutschland nicht mehr bis zu 28,14 Euro pro Monat gezahlt (1 Entgeltpunkt), sondern bis zu 56,28 Euro (2 Entgeltpunkte). In Ostdeutschland sind es aufgrund der abweichenden Rentenberechnung 51,48 Euro statt 25,74 Euro.

Allerdings müssen Mütter und Väter von ihrer zusätzlichen Rente Sozialabgaben zahlen – derzeit liegen die Sätze bei 8,2 Prozent für die gesetzliche Krankenversicherung und 2,05 Prozent für die gesetzliche Pflegeversicherung.

Die Kosten dieser sozialpolitischen Wohltat gehen in die Milliarden, wobei das Sozialministerium den Aufwand noch schönrechnet. Denn es wird nicht bei den offiziell genannten Mehrausgaben von rund 6,5 Milliarden Euro pro Jahr bleiben. Mit jeder künftigen Rentenanpassung erhöht sich die Mütterrente, und damit steigen auch die Kosten (Grafik).

Das Projekt ist aber nicht nur teurer als angegeben. Nach wie vor gibt es auch keine stichhaltige Begründung dafür. Es ist zwar richtig, dass Mütter von jüngeren und älteren Kindern unterschiedlich behandelt werden. Wenn die Kinder 1992 oder später geboren wurden, erhält ein Elternteil bis zu drei statt nur einen Entgeltpunkt. Nicht jede Ungleichbehandlung ist aber ungerecht. Denn Mütter mit vor 1992 geborenen Kindern hatten bzw. haben in der Rentenversicherung andere Privilegien:

  • Rentnerinnen aus älteren Jahrgängen, die früher unterdurchschnittlich verdient haben, bekommen nach wie vor einen Aufschlag auf die Rente.
  • Arbeitnehmerinnen konnten in der Vergangenheit teilweise schon mit 60 Jahren in Rente gehen – ohne Abschlag. Jüngere Frauen werden dagegen bald wie die Männer bis 67 arbeiten müssen. Gehen sie früher, müssen sie Abschläge akzeptieren.
  • Die heutigen Seniorinnen haben ein wesentlich höheres Versorgungsniveau als künftige Rentnerinnen.

Selbst der Hinweis, die zusätzliche Mütterrente schütze vor Altersarmut, kann nicht überzeugen. Denn die Mittel werden mit der Gießkanne verteilt, statt wirklich Hilfsbedürftigen gezielt unter die Arme zu greifen. Sogar jene Seniorinnen, die auf Grundsicherung angewiesen sind, bekommen nicht mehr Geld als bisher – denn der höhere Rentenanspruch wird mit der steuerfinanzierten Hilfe verrechnet.

2. Abschlagsfreie Rente mit 63. Was die Mütterrente für die Union, ist den Sozialdemokraten die abschlagsfreie Frühverrentung für langjährig Versicherte: Wer 45 Beitragsjahre auf dem Buckel hat, soll künftig nicht bis zum 65. Geburtstag warten müssen, sondern bereits mit 63 Jahren ohne Abschläge in den Ruhestand gehen dürfen.

Diese neue Frühverrentungsoption führt die Rente mit 67 ad absurdum, die bis 2029 stufenweise eingeführt wird, um die Rentenversicherung demografiefest zu machen.

Dass von der Regelung nicht nur ein kleiner Kreis an Versicherten profitieren dürfte, zeigt ein Blick auf die heutigen Rentner. Immerhin hat ein Viertel von ihnen mindestens 45 Versicherungsjahre vorzuweisen – vor allem Männer (Grafik). Das hat wohl viel mit der traditionellen Rollenverteilung in der Familie zu tun. Außerdem dürften viele Facharbeiter in den Genuss der neuen Regelung kommen. Denn wer mit 16 in die Lehre gegangen ist und seitdem durchmalocht hat, bekommt die 45 Beitragsjahre leicht vor der Altersgrenze voll.

Aber nicht nur Beitragsjahre sollen gezählt werden. Nach den Plänen der Bundesarbeitsministerin sollen auch Zeiten der Arbeitslosigkeit zumindest teilweise angerechnet werden. Je großzügiger am Ende die Regelung, desto mehr Arbeitnehmer werden sich vor der Regelaltersgrenze aus dem Arbeitsmarkt verabschieden können.

Unter dem Strich sind vor allem die jüngeren Beitragszahler gelackmeiert. Denn zur Finanzierung des Reformpakets hat die Bundesregierung bereits vorsorglich auf eine mögliche Beitragssatzsenkung in diesem Jahr verzichtet. Zukünftig muss das Geld über weitere Beitragssatzerhöhungen aufgebacht werden (vgl. iwd 45/2013).

Die Reform wird allerdings auch von so manchem Rentner mitfinanziert – dafür sorgt die Rentenformel (Erklärung siehe Grafik). Zwar werden Rentnerinnen und Mütter mit älteren Kindern sowie langjährig Versicherte unter dem Strich zu den Gewinnern gehören – weil die schwächere Rentenentwicklung durch die neuen Geschenke der Bundesregierung mehr als kompensiert wird. Kinderlose Rentner und Versicherte mit kürzeren Beitragszeiten sind dagegen gekniffen.

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