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Risikogruppen haben es schwer

Die Beschäftigung in Deutschland legt weiterhin kräftig zu. Damit auch Risikogruppen wie Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte davon profitieren, brauchen sie Jobs mit einer entsprechenden Entlohnung und besonderen Beschäftigungsformen. Doch gerade diese Einstiege in den Arbeitsmarkt werden von der Bundesregierung zunehmend verbaut.

Kernaussagen in Kürze:
  • Ob Berufsanfänger, die ihre Ausbildung nur mithilfe von Fördermaßnahmen geschafft haben, ob Wiedereinsteiger, die jahrelang nicht gearbeitet haben, oder ob Langzeitarbeitslose mit persönlichen Handicaps – alle diese Menschen sind auf einfache Jobs angewiesen.
  • Mehr als die Hälfte aller Arbeitslosen, die eine Arbeit gefunden haben, hat im Durchschnitt der Jahre 2005 bis 2012 den Einstieg über den Niedriglohnsektor geschafft.
  • Wer also fordert, atypische Beschäftigungsformen zurückzudrängen oder sogar abzuschaffen und den Niedriglohnsektor stärker zu regulieren, der schüttet das Kind mit dem Bade aus.
Zur detaillierten Fassung

Atypisches zum Einstieg

Anteil der Beschäftigungsform im Durchschnitt der Jahre 2005 bis 2012 in Prozent

Atypisch: Teilzeit, Zeitarbeit, befristete und geringfügige Beschäftigung; Teilzeit: 20 Wochenstunden oder weniger; Kategorien können sich überschneiden; Quellen: SOEP, Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Ob Berufsanfänger, die ihre Ausbildung nur mithilfe von Fördermaßnahmen geschafft haben, ob Wiedereinsteiger, die jahrelang nicht gearbeitet haben, oder ob Langzeitarbeitslose mit persönlichen Handicaps – alle diese Menschen sind auf einfache Jobs angewiesen. Und auch diese Arbeitsplätze müssen sich letztlich rechnen – denn sonst werden sie gar nicht erst angeboten.

Die Einstiegswege werden vielfach von staatlichen Regulierungen beeinflusst. Der strenge Kündigungsschutz etwa schützt zwar bestehende Beschäftigungsverhältnisse. Und die Möglichkeit, befristete Arbeitsverträge abzuschließen, ist auf Neueinstellungen beschränkt und verhindert Kettenbefristungen. Beides führt jedoch auf der anderen Seite dazu, dass so mancher Job wegen der staatlichen Auflagen erst gar nicht geschaffen wird.

Diese Zusammenhänge hatte die rot-grüne Bundesregierung erkannt und den Risikogruppen mit ihren Agenda-Reformen den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtert.

Die aktuelle Bundesregierung dagegen dreht das Rad der Zeit zurück: So wurde der Mindestlohn beschlossen, die Zeitarbeit soll noch stärker eingeschränkt werden, als es vor den Hartz-Reformen der Fall war, und bei Werkverträgen, Befris­tungen, Minijobs und dem dritten Arbeitsmarkt wird über weitere Beschränkungen nachgedacht.

Wie wichtig es ist, dass es weiterhin niedrigschwellige Einstiegsmöglichkeiten gibt, zeigt eine Studie des IW Köln im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Die Untersuchung basiert auf einer Auswertung des Sozio-oekonomischen Panels für 2005 bis 2012 und zeigt, dass insbesondere die vieldiskutierten atypischen Beschäftigungsformen und der Niedriglohnsektor für Risikogruppen geradezu unerlässlich sind – sie erfüllen mutmaßlich eine Brückenfunktion (Grafik):

Mehr als die Hälfte aller Arbeitslosen, die eine Arbeit gefunden haben, hat im Durchschnitt der Jahre 2005 bis 2012 den Einstieg über den Niedriglohnsektor geschafft – insgesamt arbeiten jedoch nur etwas mehr als 20 Prozent aller Beschäftigten in diesem Segment.

Fast zwei Drittel der Arbeitslosen, die eine Stelle gefunden haben, sind über eine atypische Beschäftigung in den Arbeitsmarkt gekommen – von allen Beschäftigten arbeitet dagegen nur ein Viertel in Teilzeit, ist befris­tet, geringfügig oder als Zeitarbeiter beschäftigt.

Wer also fordert, atypische Beschäftigungsformen zurückzudrängen oder sogar abzuschaffen und den Niedriglohnsektor stärker zu regulieren, der schüttet das Kind mit dem Bade aus. Es dürfte ziemlich unwahrscheinlich sein, dass diese Jobs dann in Normalarbeitsverhältnisse umgewandelt werden – es wird wohl eher weniger Beschäftigung und mehr Arbeitslose bzw. eine längere Arbeitslosigkeitsdauer geben.

Jobs für Arbeitslose

Anteil der Beschäftigungsform von ehemals Arbeitslosen im Jahr nach der Arbeitslosigkeit im Durchschnitt der Jahre 2005 bis 2012 in Prozent

Atypisch: Teilzeit, Zeitarbeit, befristete und geringfügige Beschäftigung; höher Qualifizierte: alle außer Geringqualifizierte; Teilzeit: 20 Wochenstunden oder weniger; Kategorien können sich überschneiden; nur abhängige Beschäftigung; Langzeitarbeitslose: mindestens 12 Monate Arbeitslosigkeit am Stück (Daten nur bis 2011 verfügbar); Quellen: SOEP, Institut der deutschen Wirtschaft Köln; diese Grafiken können Sie kostenlos auf Ihrer Website einbetten – schicken Sie eine Mail an onlineredaktion@iwkoeln.de

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