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Rente realistisch gerechnet

Ein Jahr vor der Bundestagswahl scheint klar, dass die Rente wohl das alles beherrschende Wahlkampfthema sein wird. Deshalb wird die Bundesregierung nicht müde, den Bundesbürgern zu vermitteln, dass das gesetzliche Rentenniveau bis 2030 nicht unter 43 Prozent sinkt. Aller Voraussicht nach wird es tatsächlich höher sein – erst recht, wenn man berücksichtigt, dass die Menschen künftig länger arbeiten.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der Standardrentner hat 45 Beitragsjahre auf dem Buckel und erreicht ein Rentenniveau von 47,5 Prozent.
  • Laut Rentenversicherungsbericht sinkt das Rentenniveau eines solchen Durchschnittsrentners bis zum Jahr 2029 auf 44,6 Prozent.
  • Würde man jedoch nicht 45, sondern 47 Beitragsjahre unterstellen, läge des Rentenniveau eines Standardrentners im Jahr 2030 bei 46,6 Prozent.
Zur detaillierten Fassung

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) hat die Bundesregierung in seinem jüngsten Jahresgutachten dringend zu einer Reform der Rentenpolitik ermahnt. Die fünf Wirtschaftsweisen fordern, das Renteneintrittsalter ab 2030 von dann 67 auf 71 Jahre anzuheben – ansonsten würden die Beiträge weiter steigen und das Rentenniveau weiter sinken.

Bundessozialministerin Andrea Nahles plädiert für eine „Haltelinie“

Auch Andrea Nahles treibt das Thema Rente um, allerdings geht es der Bundessozialministerin eher darum, den Bundesbürgern die – größtenteils unberechtigten – Ängste vor einer zunehmenden Altersarmut zu nehmen. „Statt eines stetig sinkenden Rentenniveaus muss es eine verlässliche Haltelinie geben“, lautet Nahles' Parole.

Tatsächlich wird das Rentenniveau (Kasten) vor Steuern laut Berechnungen ihres Ministeriums nach 2030 unter 43 Prozent fallen. Für das Jahr 2045 droht laut Presseberichten sogar ein Rückgang auf 41,6 Prozent. Ein Jahr vor der Bundestagswahl 2017 soll nun eine längerfristig festgelegte Untergrenze für Vertrauen sorgen. Die Frage ist allerdings, wie hoch diese Haltelinie angesetzt werden soll.

Der Standardrentner erreicht aktuell ein Rentenniveau von 47,5 Prozent

Bislang wird das gesetzliche Rentenniveau für einen Modellfall berechnet, den sogenannten Standard- oder Eckrentner. Er hat 45 Beitragsjahre in der gesetzlichen Rentenversicherung auf dem Buckel und jeweils genau so viel verdient wie ein Durchschnittsarbeitnehmer. Dem Rentenversicherungsbericht der Bundesregierung von 2015 zufolge ergibt sich für diesen Modellfall aktuell ein Rentenniveau vor Steuern von 47,5 Prozent, das nach 2020 sinkt, bis es im Jahr 2029 bei 44,6 Prozent landet.

Die geplante Haltelinie in der Rentenversicherung sollte nicht dafür genutzt werden, das Versorgungsniveau durch die Hintertür anzuheben.

Allerdings berücksichtigen diese Prognosen nicht, dass der Gesetzgeber die Regelaltersgrenze von derzeit 65 Jahren und vier Monaten bis 2029 schrittweise auf 67 Jahre anhebt – verbunden mit der Erwartung, dass die Menschen entsprechend länger arbeiten. Eigentlich müsste der Standardrentner des Jahres 2020 also 45,8 Beitragsjahre haben – und ab 2030 wären 47 Beitragsjahre zu unterstellen.

Nun könnte man einwenden, dass doch schon heute nur ein Bruchteil der Arbeitnehmer bis zum Erreichen der gesetzlichen Regelaltersgrenze arbeitet. Wie soll denn dann eine um zwei Jahre längere Arbeitsphase erreicht werden?

Diese Skepsis verfängt aus zweierlei Gründen nicht:

  1. Erstens wird das Rentenniveau auch heute mit modellhaften 45 Beitragsjahren berechnet, obwohl Männer zuletzt lediglich auf durchschnittlich 42 Versicherungsjahre kamen und Frauen sogar nur auf rund 28 Jahre. Ob Rente mit 65 oder mit 67 Jahren – der Standardrentner ist immer ein Modell.
  2. Zweitens ist die Zahl der Versicherungsjahre von 2005 bis 2014 bei den Männern um 2,1 und bei den Frauen um 2,9 Jahre gestiegen. Das lässt für die Zukunft hoffen.

Das IW Köln hat ausgerechnet, wie hoch das Rentenniveau sein wird, wenn man die zusätzlichen Beitragsjahre berücksichtigt (Grafik):

Weist der Standardrentner im Jahr 2030 aufgrund der Rente mit 67 zwei Beitragsjahre mehr auf als heute, steigt das Rentenniveau vor Steuern von 44,6 auf 46,6 Prozent.

Ein Standardrentner könnte also durch die Verlängerung seiner Lebensarbeitszeit zwei Drittel der drohenden Versorgungslücke schließen. Übrigens läge das Sicherungsniveau vor Steuern dann auch im Jahr 2045 voraussichtlich noch über 43 Prozent.

Gegen die Idee einer längerfristigen Haltelinie, wie sie die Bundesarbeitsministerin ins Spiel gebracht hat, ist also grundsätzlich nichts einzuwenden, schließlich wird der demografische Wandel auch nach 2030 noch auf der umlagefinanzierten Rentenversicherung lasten. Diese Haltelinie sollte aber nicht genutzt werden, um das Versorgungsniveau durch die Hintertür anzuheben. Dazu besteht aufgrund der vorliegenden Fakten keinerlei Veranlassung.

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