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Regionale Schwäche hat viele Ursachen

Die Landkreise mit dem niedrigsten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf konzentrieren sich in Westdeutschland vor allem auf Rheinland-Pfalz. Im Osten sind die wirtschaftsschwächsten Kreise über alle Bundesländer verteilt. Die Gründe für die geringe Wirtschaftsleistung sind unterschiedlich – neben der Unternehmensstruktur spielen Pendlerströme sowie der Zuschnitt der Kreise eine Rolle.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die drei Kreise mit dem niedrigsten Bruttoinlandsprodukt je Einwohner liegen allesamt im Westen Deutschlands – und zwar in Rheinland-Pfalz.
  • Im Osten sind die wirtschaftlichen Sorgenkinder dagegen recht gleichmäßig über die Länder verstreut.
  • Gründe für die Wirtschaftsschwäche in den Kreisen sind unter anderem Pendlerströme und die Wirtschaftsstruktur.
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Auch ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung hat der Osten Deutschlands bei vielen noch das Image des Armenhauses der Republik. Und tatsächlich ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Ostdeutschland je Einwohner nach wie vor um ein Drittel geringer als das westdeutsche. Umso mehr erstaunt ein Blick auf die wirtschaftsschwächsten Regionen (Grafik):

Die drei Kreise mit dem niedrigsten Bruttoinlandsprodukt je Einwohner liegen allesamt im Westen – und zwar in Rheinland-Pfalz.

Die Südwestpfalz kommt als Schlusslicht auf ein Pro-Kopf-BIP von weniger als 15.000 Euro, im Rhein-Pfalz-Kreis und im Kreis Kusel sind es knapp 16.000 Euro. Der wirtschaftsschwächste Kreis in Ostdeutschland, Havelland, erreicht immerhin fast 17.500 Euro.

Unter den zehn westdeutschen Regionen mit der geringsten Wirtschaftskraft finden sich noch zwei weitere rheinland-pfälzische Kreise, die übrigen liegen in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bayern. Im Osten sind die wirtschaftlichen Sorgenkinder dagegen recht gleichmäßig über die Länder verstreut – generell fallen die Unterschiede beim BIP je Einwohner dort deutlich geringer aus als im Westen.

Doch was sind die Gründe dafür, dass bestimmte Kreise in wirtschaftlicher Hinsicht anderen Regionen hinterherhinken? Zunächst mag die Frage trivial erscheinen. Denn das BIP eines Kreises ergibt sich im Wesentlichen aus der Bruttowertschöpfung der dort ansässigen Unternehmen, wobei in die Wertschöpfung vor allem die Löhne und Gewinne einfließen. Gibt es gemessen an der Einwohnerzahl nur wenige und/oder kleine Betriebe, ist auch das BIP pro Kopf niedrig.

Die Vermutung liegt nahe, dass in solchen Kreisen mangels ausreichender Jobs auch die Arbeitslosigkeit hoch sein müsste. Dies ist jedoch längst nicht immer der Fall:

In der Südwestpfalz zum Beispiel lag die Arbeitslosenquote zuletzt nur bei 4 Prozent.

Eine solche Konstellation – eine schwache Wirtschaftsleistung trotz guter Arbeitsmarktlage – kennzeichnet vielfach jene Landkreise, die an Wirtschaftszentren angrenzen. Dort wohnen viele Pendler, die in der benachbarten Stadt beschäftigt sind und dort zur höheren Wirtschaftskraft beitragen.

Dies gilt zum Beispiel in Niedersachsen für Gifhorn, Wolfenbüttel und Osterholz, deren Einwohner zum großen Teil in die Autostadt Wolfsburg beziehungsweise nach Bremen pendeln.

Wer im rheinland-pfälzischen Kreis Trier-Saarburg wohnt, arbeitet oft in Trier oder in Luxemburg. Und die Einwohner des Landkreises Kaiserslautern pendeln in die namensgebende Stadt oder nach Ludwigshafen, dessen großes Chemiewerk das wirtschaftliche Herz des gesamten Bundeslands ist.

Eine vergleichbare Situation gibt es etwa im Kreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge. Er gehört zum Dresdener Umland, deshalb haben viele Einwohner des Kreises ihren Arbeitsplatz in der Landeshauptstadt.

Und auch Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern ist eine Pendler-Hochburg – die Menschen fahren zur Arbeit nicht nur in die Landeshauptstadt Schwerin, sondern vor allem in die Wirtschaftsmetropole Hamburg. Dadurch weist die Region trotz ihres geringen BIP je Einwohner die niedrigste Arbeitslosenquote des gesamten Bundeslands auf – zuletzt waren es nur rund 7 Prozent.

Für die Südwestpfalz gilt dieses Erklärungsmuster allerdings nur bedingt, denn die angrenzenden kreisfreien Städte Pirmasens und Zweibrücken sind beide klein und haben selbst wirtschaftliche Probleme. Einer solch strukturschwachen Region kehren arbeitswillige junge Menschen oft den Rücken. In der Südwestpfalz gibt es dieses Phänomen seit langem, sodass es offenbar keinen Überschuss an Arbeitskräften (mehr) gibt und die Arbeitslosigkeit trotz der geringen Wirtschaftskraft niedrig ist.

Auch im wirtschaftsschwächsten Kreis des hohen Nordens, Plön in Schleswig-Holstein, dürften trotz der Nähe zur Landeshauptstadt Kiel nicht die Pendlerströme ausschlaggebend sein. Hier spielt die Wirtschaftsstruktur die zentrale Rolle:

Die Region an der holsteinischen Ostküste ist stark auf Tourismus und Landwirtschaft ausgerichtet – in beiden Sektoren wird in der Regel keine allzu hohe Wertschöpfung erzielt.

Eine zu geringe Wertschöpfung ist auch das Problem der Betriebe im Kreis Altenburger Land in Thüringen sowie im sächsischen Erzgebirgskreis: Dort sind zwar durchaus einige Industriefirmen angesiedelt, sie sind jedoch zu klein, um der Wirtschaftsleistung der Region den nötigen Schub zu geben.

Einfluss auf die Wirtschaftskraft hat zudem die Kreisgröße: In Ostdeutschland sind durch Gebiets­reformen oft Großkreise aus schwächeren und stärkeren Regionen gebildet worden. Das nivelliert den Pro-Kopf-Wert. In Rheinland-Pfalz und Bayern existieren dagegen weiterhin kleine kreisfreie Städte umgeben von oft sehr wirtschaftsarmen Landkreisen. Dies trifft auch für den Landkreis Bayreuth zu, der als einzige Region des ansonsten so starken Bayerns auf der Liste der wirtschaftsschwächsten Kreise steht.

Ähnliche Probleme haben die beiden schwächsten ostdeutschen Kreise, Havelland und Märkisch-Oderland in Brandenburg: Die dortigen Landkreise sind zwar groß, aber dünn besiedelt und überwiegend wie Tortenstücke rund um Berlin arrangiert. Die Spitze ragt in den Berliner Speckgürtel, das breite Ende liegt in der Peripherie. Da die wenigen umsatzstarken Firmen – wie das Lkw-Werk in Ludwigsfelde oder der Hersteller von Flugzeugtriebwerken in Dahlewitz – ungleichmäßig im Berliner Umland verteilt sind, gehen manche Kreise leer aus und bieten in Kleinstädten und Dörfern vor allem Wohnquartiere für Pendler, aber wenig eigene Arbeitsplätze.

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