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Reallöhne: Arbeitnehmer im Plus

Dass sich Deutschlands gute Wirtschaftslage nicht in den Geldbeuteln der Arbeitnehmer niederschlage, ist ein oft zu hörender Vorwurf – insbesondere aus dem Gewerkschaftslager. Doch die Zeiten sinkender Reallöhne sind lange vorbei.

Kernaussagen in Kürze:
  • Tariflöhne und Effektivlöhne sind in Deutschland seit dem Jahr 2000 stärker gestiegen als die Preise.
  • Der Vergleich des Zeitraums vor und nach 2008 zeigt, dass die Reallöhne in den vergangenen acht Jahren kräftig zugelegt haben, in der Zeit davor aber stagnierten.
  • Ursachen für den jüngsten Anstieg der Reallöhne sind die niedrige Arbeitslosigkeit, die relativ hohen Tarifabschlüsse und die geringe Inflation.
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Das Gerücht hält sich hartnäckig: Auch im Jahr 2017 wurden und werden immer wieder Stimmen laut, die stagnierende Reallöhne beklagen. Doch das geht an den Fakten vorbei (Grafik):

Die Tariflöhne sind von 2000 bis 2016 um 38 Prozent gestiegen, die tatsächlichen Bruttostundenlöhne einschließlich Sonderzahlungen und Zuschlägen sogar um 39 Prozent – die Inflation dagegen lag im selben Zeitraum nur bei knapp 26 Prozent.

Entwicklung der Tariflöhne, der Effektivlöhne und der Verbraucherpreise seit dem Jahr 2000

Unterm Strich bedeutet das, dass die Kaufkraft der Tariflöhne seit dem Jahr 2000 um 10 Prozent zugenommen hat und die der Effektivlöhne sogar um 11 Prozent.

Differenzierter wird das Bild allerdings, wenn man den Zeitraum vor und nach 2008 getrennt betrachtet. Denn das Jahr, in dem die Finanzkrise ihren Lauf nahm, markierte auch eine lohnpolitische Zäsur. Zwar konnte die IG Metall damals ihre Lohnforderung von 8 Prozent nicht durchsetzen, für den sich abzeichnenden Einbruch der Konjunktur fiel der Lohnabschluss aber immer noch relativ großzügig aus – vom damaligen Gewerkschaftschef Berthold Huber ist der Ausspruch überliefert, man sei mit 180 Sachen in die Garage gefahren.

Von 2008 bis 2016 sind die Reallöhne in Deutschland um 13,5 Prozent gestiegen.

Weil die Finanzkrise 2009 auf den Arbeitsmarkt durchschlug, übten sich die Arbeitnehmervertretungen 2010 noch einmal in Lohnzurückhaltung, die IG Metall etwa verzichtete ganz auf Lohnerhöhungen. Danach schritt der Rückgang der Arbeitslosenzahlen, der 2006 begonnen hatte, jedoch weiter voran. Für die Gewerkschaften war dies das Signal zum Aufbruch – ihre Lohnforderungen wurden ausgesprochen forsch:

Die IG Metall verlangte in den Jahren von 2008 bis 2016 durchschnittlich 6,4 Prozent mehr Lohn – in den acht Jahren davor, mit bis zu fünf Millionen Arbeitslosen, waren es nur 5,5 Prozent.

Noch offensichtlicher ist die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di umgeschwenkt. Während ihre Lohnforderungen von 2000 bis 2007 im Schnitt bei 2,7 Prozent lagen, ging es danach um ein mehr als doppelt so hohes Gehaltsplus.

Der Wandel der Lohnpolitik fand seinen Niederschlag in den Tarifabschlüssen: Vor 2008 stiegen die Tarifverdienste jahresdurchschnittlich um 1,8 Prozent, danach um 2,3 Prozent. Daran orientierten sich auch die nicht tarifgebundenen und übertariflich zahlenden Unternehmen. Waren die effektiven Bruttostundenlöhne bis zur Finanzkrise im Mittel nur 1,5 Prozent pro Jahr gestiegen, ging es im Aufschwung danach hoch auf 2,3 Prozent.

Dass sich daraus schließlich für die Arbeitnehmer ein spürbarer Gewinn an Kaufkraft ergeben hat, liegt aber auch an der weiterhin extrem niedrigen Geldentwertung von durchschnittlich 1,1 Prozent pro Jahr. Vor der Krise dagegen betrug die jährliche Inflation im Schnitt immerhin 1,8 Prozent. Aus diesem Grund sind die Reallöhne von 2000 bis 2008 tatsächlich um insgesamt 2,4 Prozent gesunken. In der Zeit danach allerdings – und um die geht es in den meisten Diskussionen – sind sie um 13,5 Prozent gestiegen.

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