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Raus - und runter

Seit sich die Briten im Juni für den Austritt aus der EU entschieden haben, spielen die Märkte verrückt. Während das Pfund Sterling gegenüber dem Dollar und dem Euro immer mehr an Wert verliert, ist der britische Aktienmarkt auf dem Weg zu einem neuen Allzeithoch.

Kernaussagen in Kürze:
  • Seit der Brexit-Abstimmung im Juni sind die britischen Märkte extrem nervös.
  • Das Pfund verliert gegenüber Dollar und Euro massiv an Wert.
  • Inzwischen formiert sich Widerstand gegen einen „harten“ Brexit – auch aus der Partei von Premierministerin May.
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Es war zwar kein Schwarzer Freitag wie der 25. Oktober 1929, als die New Yorker Börse nach tagelangen Kursrückgängen zusammenbrach und eine Weltwirtschaftskrise auslöste, und es ging auch nicht um Aktienkurse. Doch schockierend war es schon, was in der Nacht zum vergangenen Freitag um 1:07 Uhr mitteleuropäischer Zeit auf dem Devisenmarkt geschah: Innerhalb von nur zwei Minuten verlor das Pfund Sterling 6 Prozent gegenüber dem Dollar.

Nach der Brexit-Abstimmung stürzte das Pfund innerhalb weniger Tage um 10 Prozent ab.

Nach Informationen des Finanzdienstleister Bloomberg sprang der sogenannte Bid-ask Spread, das ist die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis, auf das 250-Fache seines Jahresmittelwerts. Der Kursverfall lässt sich somit durch einen massiven Angebotsüberschuss von Pfund im Markt erklären, der kurzfristig keine Abnehmer finden konnte.

Weil sich die britische Währung aber schon ein paar Minuten später wieder fast vollständig erholt hatte, bekam der Vorfall das Etikett „Flash Crash“ aufgeklebt – doch warum es dazu kommen konnte, ist den Devisenhändler nach wie vor ein Rätsel.

Das Pfund steht massiv unter Druck

Heiß diskutiert werden derzeit zwei Möglichkeiten: Zum einen eine versehentlich eingetippte größere Verkaufsanweisung – Händler nennen das einen „Fat Finger“. Zum anderen meldete die Nachrichtenagentur Reuters drei Stunden vor dem Crash, der französische Präsident Francois Holland fordere eine „unnachgiebige Brexit-Verhandlung der Europäer“.

Doch egal, was diesen plötzlichen Kursrutsch letztlich ausgelöst hat, begünstigt wurde er dadurch, dass um 1:07 Uhr mitteleuropäischer Zeit weder die amerikanischen noch die britischen Banker aktiv waren. Einzelakteure haben während dieser Zeit klassischerweise einen viel größeren Einfluss auf den Markt als unter normalen Umständen. Fällt ein Kurs dann unter einen bestimmten Schwellenwert, werden automatisierte Algorithmen aktiviert, die den Absturz beschleunigen.

Hinzu kommt die hohe Unsicherheit, die die britischen Märkte seit dem Referendum begleitet:

Allein vom Tag der Brexit-Abstimmung, also Donnerstag, dem 23. Juni, bis zum darauffolgenden Montag wertete das Pfund gegenüber Dollar und Euro um je rund 10 Prozent ab.

Seitdem ist die Nervosität hoch. Und die nächste Schockwelle ging vom Parteitag der Konservativen am ersten Oktober-Wochenende aus. Dort hatte Premierministerin Theresa May zum einen die letzten Zweifel daran beseitigt, dass die Briten tatsächlich aus der EU austreten – der entsprechende Artikel 50 des Vertrags über die Europäische Union soll bis Ende März 2017 gezogen werden. Und zum anderen machte May unmissverständlich klar, dass sie in den dann folgenden Verhandlungen mit der EU eine harte Linie verfolgen werde. „Die Gültigkeit der EU-Vorschriften wird enden“, sagte May.

Die Brexit-Gegner, insbesondere die Unternehmen, hatten bis dahin immer noch auf einen sanften Brexit gehofft, also auf eine Scheidung, nach der im Großen und Ganzen alles so bleibt, wie es vorher war – das gilt vor allem für den Zugang zum Binnenmarkt.

Brexit: Raus aus der EU – runter mit den Kursen

Den Brexit-Befürwortern dagegen geht es vor allem darum, die Einwanderung zu begrenzen, und offenbar sind sie bereit, dafür sogar die EU-Zollunion zu verlassen und einen eingeschränkten Zugang zum Binnenmarkt in Kauf zu nehmen. Der Preis dafür wäre allerdings hoch:

Nach Berechnungen des Finanzministeriums in London würde die britische Wirtschaftsleistung ohne den Zugang zum Binnenmarkt nach 15 Jahren um bis zu 8 Prozent niedriger liegen als bei einem Verbleib in der EU.

Kein Wunder also, dass sich inzwischen Widerstand gegen den harten Brexit formiert: Eine Gruppe von Abgeordneten – auch aus der konservativen Partei – fordert eine Parlamentsabstimmung darüber, ob Großbritannien im Binnenmarkt bleibt oder nicht. Mit anderen Worten: Die Abgeordneten wollen das Votum des Volkes nicht akzeptieren und beharren darauf, dass Premierministerin May für ihre Verhandlungen mit der EU die parlamentarische Zustimmung braucht.

Die Devisenmärkte reagierten auf Mays harten Brexit-Kurs prompt und schickten das Pfund noch tiefer in den Keller (Grafik):

Im Vergleich zum Tag der Brexit-Abstimmung hat das Pfund inzwischen rund 15 Prozent gegenüber dem Euro und 16 Prozent gegenüber dem Dollar verloren.

Das britische Pfund ist derzeit so wenig wert wie seit 31 Jahren nicht mehr: Es steht bei 1,23 Dollar.

Britische Aktien boomen

Während die britische Währung abstürzt, ist der britische Leitindex FTSE 100 auf dem Weg zu einem neuen Allzeithoch. Mit gut 7.100 Punkten steht er derzeit – in britischen Pfund bewertet – rund 12 Prozent höher als am Tag der Brexit-Entscheidung.

Auf den ersten Blick mag dies widersprüchlich erscheinen, doch der Höhenflug der Aktien spiegelt letztlich jene Preisvorteile wider, die exportorientierte britische Konzerne aufgrund des schwachen Pfunds auf dem Weltmarkt haben – Brexit hin oder her. Verstärkt wird die Hausse zudem von der Entscheidung der Bank of England, die Leitzinsen als Reaktion auf das Brexit-Referendum noch einmal zu senken.

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