Achtjähriges Gymnasium Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Qualität schafft Akzeptanz

Das Abitur nach acht Jahren weiterführender Schule ist immer noch umstritten. Doch die Bundesländer dürfen nicht der Versuchung erliegen, das Rad zurückzudrehen. Stattdessen sollten sie die Akzeptanz des achtjährigen Gymnasiums erhöhen, indem sie die Qualität der Schule verbessern.

Kernaussagen in Kürze:
  • Das Abitur nach acht Jahren weiterführender Schule ist immer noch umstritten.
  • Im Durchschnitt unterrichten Lehrer an hessischen Gymnasien formal gut 26 Stunden pro Woche – das sind rund 6 Stunden mehr als in Schleswig-Holstein und Thüringen.
  • Während sich der wöchentliche Unterricht für Berliner Gymnasiasten seit der G8-Einführung auf fast 44 Stunden verlängert hat, sitzen die Jugendlichen aus dem benachbarten Brandenburg nur knapp 37 Stunden im Klassenraum.
Zur detaillierten Fassung

Vor 15 Jahren beschlossen die Bundesländer, die Schüler an Gymnasien in acht statt neun Jahren zum Abitur zu führen. Inzwischen ist die G8-Regelung überall umgesetzt worden und nur in drei Ländern sind die ersten G8-Jahrgänge noch nicht bis zum Abi vorgedrungen.

Doch Schüler, Eltern und Lehrer klagen vielerorts über zu viel Druck durch das „Turbo-Abitur“. Die Politik reagiert hektisch: In Baden-Württemberg laufen Vorbereitungen, Gymnasien die Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit zu ermöglichen; und auch Hessen will die G8-Reform zum Teil rückgängig machen, wohl nicht zuletzt wegen des Unmuts der Lehrer über ihre Unterrichtsbelastung (Grafik):

Im Durchschnitt unterrichten Lehrer an hessischen Gymnasien formal gut 26 Stunden pro Woche – das sind rund 6 Stunden mehr als in Schleswig-Holstein und Thüringen.

Die Unzufriedenheit mit der G8-Regelung dürfte aber auch noch auf anderen Begleiterscheinungen der verkürzten Schulzeit beruhen. So wurde die dreijährige gymnasiale Oberstufe beibehalten. Daher müssen Schüler, die nach sechs Jahren Haupt- oder Realschule aufs Gymnasium wechseln, dort die zehnte Klasse wiederholen. Derzeit dreht immerhin jeder siebte Schüler der Oberstufe eine solche unfreiwillige Extrarunde.

Vor allem aber haben alle Länder die wöchentliche Zahl der Unterrichtsstunden aufgestockt, damit der Lernstoff bewältigt werden kann. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind allerdings groß (Grafik):

Während sich der wöchentliche Unterricht für Berliner Gymnasiasten seit der G8-Einführung um 16 Prozent auf fast 44 Stunden verlängert hat, sitzen die Jugendlichen aus dem benachbarten Brandenburg mit knapp 37 Stunden nur 5 Prozent länger im Klassenraum als früher.

Das Überraschende: Mehr Unterricht führt nicht unbedingt zu besseren Ergebnissen. In Hessen zum Beispiel büffeln die Schüler mit gut 40 Stunden je Woche in der Sekundarstufe I überdurchschnittlich lange. Sie haben zudem in den Klassen fünf bis neun auch mehr Deutschunterricht als ihre Altersgenossen in Bayern und Baden-Württemberg. Trotzdem belegten die hessischen Gymnasiasten beim Deutschtest des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen zuletzt nur den zwölften Platz – Bayern und Baden-Württemberg kamen dagegen aufs Treppchen.

Zwar sind Schüler und Eltern meist zufriedener mit der Schule und akzeptieren die G8-Reform eher, wenn es Ganztagsunterricht gibt. Doch der ist bundesweit erst an jedem zweiten Gymnasium Usus und oft nur freiwillig. Im Jahr 2010 waren zum Beispiel nur 1,7 Prozent der hessischen Gymnasien gebundene Ganztagsschulen, haben also ihre Schüler verpflichtet, an mindestens drei Wochentagen für jeweils mindes­tens sieben Zeitstunden am angebotenen Unterricht teilzunehmen.

Trotz aller Probleme ist eine generelle Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium nicht sinnvoll. Denn für eine kürzere Schulzeit gibt es gute Gründe, schließlich hatte Deutschland im internationalen Vergleich zuletzt die ältesten Abiturienten und Hochschulabsolventen (vgl. iwd 41/2010). Gerade angesichts der alternden Bevölkerung sollten junge Leute – bei gleicher Ausbildungsqualität – früher ins Berufsleben starten können. Damit kommt das erste Gehalt eher aufs Konto, und der Staat kann höhere Steuereinnahmen sowie zusätzliche Sozialversicherungsbeiträge verbuchen.

Folglich sollten die Kultusminis­ter mehr tun, um die Akzeptanz der G8-Regelung zu verbessern. Es kommt vor allem darauf an, dass die Qualität der Schulen und des Unterrichts stimmt.

Hier aber besteht Nachholbedarf. So haben Schulinspektionen in Hessen gezeigt, dass die verschiedenen Methoden, Wissen und Kompetenzen zu vermitteln, an den Gymnasien zu wenig genutzt werden – anderswo sind die Befunde ähnlich. Zudem kommt die individuelle Förderung besonders leistungsstarker und schwächerer Schüler zu kurz. Oft fehlt auch ein funktionierendes Qualitätsmanagement, welches erfordert, dass die Schule systematisch an der Verbesserung des Unterrichts arbeitet und den Erfolg der getroffenen Maßnahmen überprüft.

Vor diesem Hintergrund sollten die Bundesländer z.B. die Schulleitungen mit Personal- und Budgetverantwortung ausstatten, sodass sie etwa Lehrer selbst einstellen und ggf. auch disziplinarische Maßnahmen ergreifen können, wenn das Lehrpersonal die Anforderungen der Schule an den Unterricht nicht erfüllt. Denn nur so könnten die Schulleitungen besser als bisher selbst für eine höhere Unterrichtsqualität sorgen.

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