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Sozialpolitik Lesezeit 3 Min.

Psychische Krankheiten: Frühe Prävention verhindert volkswirtschaftliche Kosten

Psychische Belastungen im Kinder- und Jugendalter können zu einer geringeren Bildung, abgebrochener Ausbildung, hohen Fehlzeiten im Berufsleben oder sogar zur Frühverrentung führen. All das zieht enorme volkswirtschaftliche Kosten nach sich. Deshalb lohnt es sich, in Maßnahmen zu investieren, die die psychische Gesundheit von Schülern verbessern.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Hälfte aller psychischen Erkrankungen tritt erstmals vor dem 15. Lebensjahr auf und drei Viertel vor dem 25. Lebensjahr.
  • Die Lage hat sich nach der Coronapandemie zwar wieder verbessert, doch viele Krankheitsbilder kommen bei Schülern heute häufiger vor als vor der Pandemie.
  • Mentale Probleme können die Motivation und Leistungsfähigkeit senken und zudem körperliche Symptome auslösen, die einen Schulbesuch oder eine Ausbildung verhindern. Deshalb sollte die Politik eine nationale Strategie zur Stärkung der mentalen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auf den Weg bringen.
Zur detaillierten Fassung

Panikattacken, Depressionen, Zwangsstörungen: Psychische Erkrankungen kommen immer häufiger vor und beeinträchtigen nicht nur massiv den Alltag der Betroffenen, sondern auch das Wirtschaftsleben. So entfielen im Jahr 2024 die drittmeisten Krankheitstage in Deutschland auf psychische Störungen. Zudem fallen Arbeitnehmer, die aufgrund eines psychischen Leidens krankgeschrieben sind, häufig besonders lange aus: im Schnitt 33 Tage.

Psychische Krankheiten belasten die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und die öffentlichen Haushalte stark. Da die Hälfte aller psychischen Erkrankungen erstmals vor dem 15. Lebensjahr auftritt, lohnen sich Maßnahmen zur Verbesserung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen für den Staat auf lange Sicht.

Welche Kosten psychische Erkrankungen im Detail verursachen, wird in Deutschland nur unvollständig erfasst. Die direkten Kosten im Gesundheitswesen durch diese Krankheiten betrugen im Jahr 2020 nach Angaben der Leopoldina gut 56 Milliarden Euro, hinzu kommen Aufwendungen für die medizinische Versorgung sowie Sozialleistungen und Produktivitätseinbußen. Die jüngste Zahl zu den Gesamtkosten von psychischen Erkrankungen stammt aus dem Jahr 2015: Damals beliefen sie sich auf rund 147 Milliarden Euro – das entsprach knapp 5 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts.

Da die Hälfte aller psychischen Erkrankungen erstmals vor dem 15. Lebensjahr auftritt und drei Viertel vor dem 25. Lebensjahr, lohnen sich Maßnahmen zur Verbesserung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen für die öffentlichen Haushalte auf lange Sicht. Zwar hat sich die Lage nach der Coronapandemie wieder verbessert, doch viele Krankheitsbilder kommen bei Schülern heute häufiger vor als vor der Pandemie (Grafik):

Im Herbst 2024 litten in Deutschland mehr 7- bis 22-Jährige unter Angstsymptomen (23 Prozent) und psychischen Auffälligkeiten (22 Prozent) als im Zeitraum 2014 bis 2017.

So viel Prozent der 7- bis 22-Jährigen in Deutschland waren von diesen Lebensumständen und Symptomen betroffen Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Auch die Zukunftsängste unter Kindern und Jugendlichen nehmen zu. Ein Drittel der Kinder in Deutschland leidet zudem unter Einsamkeit.

Mentale Probleme können die Motivation und Leistungsfähigkeit senken und zudem körperliche Symptome auslösen, die einen Schulbesuch verhindern. So ist etwa die Schulversäumnisquote von Kindern mit psychischen Erkrankungen fast dreimal so hoch wie von Kindern ohne solche Erkrankungen (16 Prozent gegenüber 6 Prozent). In der Folge erhöhen psychische Belastungen die Wahrscheinlichkeit, die Schule sogar ganz abzubrechen. Daher sollten die Schulträger die Schulsozialarbeit sowie die Schulpsychologie dringend ausbauen, um die Schülerschaft vor Ort zu unterstützen.

Psychisch Beeinträchtigten fällt es schwerer, ein Studium oder eine Ausbildung zu beenden

Wer unter Depressionen oder anderen psychischen Beeinträchtigungen leidet, hat es auch im weiteren Verlauf des Bildungswegs schwerer, ein Studium oder eine Berufsausbildung erfolgreich zu Ende zu bringen. Es ist allerdings noch viel zu wenig über die Bildungsbiografien junger Menschen mit psychischen Problemen bekannt, um abschätzen zu können, wie sich bessere Unterstützungsangebote in diesem Lebensabschnitt auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands auswirken könnten.

Für den Arbeitsmarkt allerdings gibt es recht aussagekräftige Daten – wie die Zahl der Krankheitstage und deren Ursachen oder die Angaben der Deutschen Rentenversicherung zur Frühverrentung, die ein alarmierendes Bild liefern (Grafik):

Rund 43 Prozent aller Personen, die 2024 erstmals eine Erwerbsminderungsrente bezogen, erhielten sie aufgrund psychischer Einschränkungen; bei den unter 30-Jährigen waren es sogar annähernd 66 Prozent.

So viele Personen in Deutschland erhielten im Jahr 2024 erstmals eine Erwerbsminderungsrente Download: Grafik (JPG) herunterladen Grafik (EPS) herunterladen Tabelle (XLSX) herunterladen

Es steht also außer Frage, dass psychische Krankheiten die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und die öffentlichen Haushalte langfristig stark belasten. Da diese Störungen in der Regel ihren Anfang in der Kinder- und Jugendzeit der Betroffenen nehmen, sollte die Politik eine nationale Strategie zur Stärkung der mentalen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auf den Weg bringen. Diese sollte unter anderem ein groß angelegtes Gesundheitsmonitoring beinhalten sowie den Ausbau der entsprechenden therapeutischen Versorgungskapazitäten, was eine verstärkte Ausbildung von Kinder- und Jugendpsychotherapeuten erfordert. Mithilfe der Daten können dann Programme entwickelt werden, die vorbeugend wirken und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sichern.

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