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Pekings politische Problemzonen

Obwohl sich die Konjunktur zuletzt etwas abgeschwächt hat, meldet China immer noch Wachstumsraten, von denen westliche Länder nur träumen können. Dennoch steht die Führung in Peking vor ernsthaften Problemen – dazu zählen vor allem die hohe Inflation und das starke Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land.

Kernaussagen in Kürze:
  • Obwohl sich die Konjunktur abgeschwächt hat, meldet China immer noch atemberaubende Wachstumsraten.
  • Mit 8,5 Prozent dürfte das reale BIP Chinas in diesem Jahr so langsam wachsen wie seit 2001 nicht mehr.
  • Die Direktinvestitionsbestände Chinas beliefen sich Ende 2010 auf nahezu 300 Milliarden Dollar.
Zur detaillierten Fassung

Seit vor 100 Jahren der letzte Kaiser Pu Yi abdankte, hat China tiefe wirtschaftliche Krisen erlebt. Doch als sich die politische Führung ab Mitte der 1970er Jahre zunehmend der Marktwirtschaft öffnete, begann ein epochaler Aufschwung. Allein seit dem Jahr 2000 hat sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner mehr als verfünffacht (Grafik oben).

Mit einem Pro-Kopf-BIP von fast 5.200 Dollar im Jahr 2011 zählt China laut Weltbank heute zu den Ländern mit „höheren mittleren Einkommen“ und schließt nach und nach zu den Hocheinkommensländern auf.

Kaufkraftbereinigt betrug die Wirtschaftsleistung je Einwohner zuletzt sogar rund 8.400 Dollar. Vom Niveau der westlichen Industrienationen ist China allerdings noch ein gutes Stück entfernt – Deutschlands kaufkraftbereinigtes Pro-Kopf-BIP etwa lag 2011 bei 37.900 Dollar.

Dennoch gehört China mittlerweile zu den Motoren der Weltwirtschaft – von 2000 bis 2010 legte das reale BIP im Schnitt um 10,5 Prozent pro Jahr zu. Zum Vergleich: Der Nachbar Japan erzielte in diesem Zeitraum nur ein durchschnittliches Wachstum von 0,7 Prozent, Deutschland kam auf 0,9 Prozent.

Gegen die Folgen der Finanz- und Schuldenkrise in vielen Staaten ist aber auch der chinesische Drache nicht immun (Grafik unten):

Mit 8,5 Prozent dürfte das reale BIP Chinas in diesem Jahr so langsam wachsen wie seit 2001 nicht mehr.

Auch für die kommenden Jahre rechnet der Internationale Währungsfonds nur mit einstelligen Wachstumsraten. Angesichts der bisherigen Überhitzungstendenzen muss dies allerdings nicht schlecht sein. Ein genauerer Blick auf die aktuelle Lage:

  1. Außenhandel.

    Seinen Boom hatte China bislang vor allem den oft zweistellig wachsenden Exporten zu verdanken. In diesem Jahr ist allerdings „nur“ noch mit einem Plus zwischen 8 und 9 Prozent zu rechnen. Dagegen werden die Importe voraussichtlich um 13 Prozent steigen.

Die Chinesen suchen daher eifrig nach Wegen, die Ausfuhren wieder anzukurbeln. Mit Japan zum Beispiel hat Peking vereinbart, die beiderseitigen Handelsgeschäfte künftig in den beiden Landeswährungen anstatt in Dollar abwickeln zu können. Damit sollen die Handelskosten sinken und Wechselkursrisiken verringert werden.

  1. Auslandsinvestitionen.

    In diesem Bereich war China lange Zeit hauptsächlich Empfängerland. Von 2000 bis 2010 zum Beispiel engagierten sich ausländische Firmen mit fast 800 Milliarden Dollar im Reich der Mitte, das damit hinter den USA und Großbritannien das weltweit drittwichtigste Investitionsziel war.

Doch inzwischen stecken auch chinesische Unternehmen immer mehr Geld in ausländische Standorte – vor allem im Rohstoffsektor.

Die Direktinvestitionsbestände Chinas beliefen sich Ende 2010 auf nahezu 300 Milliarden Dollar.

Allein in Afrika und den arabischen Staaten hatten chinesische Firmen rund 100 Milliarden Dollar investiert. Das Auslandsengagement soll auch in China selbst für zusätzliche Wachstumsimpulse sorgen.

  1. Konsum und Investitionen.

    Die chinesischen Verbraucher haben für die Wirtschaft ihres Landes eine wachsende Bedeutung. Im vergangenen Jahr stiegen die realen privaten Konsumausgaben um 8,4 Prozent, für 2012 ist ein ähnlicher Zuwachs zu erwarten. Trotzdem ist noch Luft nach oben: Während der Anteil des privaten Verbrauchs am BIP in China bei rund 40 Prozent liegt, beträgt er in vielen Industrieländern 60 bis 70 Prozent. Für ausländische Lieferanten von Autos, Haushaltsgeräten und anderen Gütern bedeutet dies auch künftig große Absatzchancen.

Die Bruttoanlageinvestitionen haben sich zuletzt langsamer entwickelt und sind im November und Dezember 2011 sogar leicht geschrumpft. Doch die geringere Dynamik ist politisch durchaus gewollt. Denn nach Ansicht der Parteiführung in Peking hat die zuvor exzessive Bautätigkeit unter anderem in vielen Staatsbetrieben zu Überkapazitäten geführt.

  1. Inflation.

    Der konjunkturelle Höhenflug der vergangenen Jahre trieb die Preise kräftig nach oben.

Im Jahr 2011 erreichte die Inflationsrate laut OECD 5,6 Prozent, die Lebensmittelpreise stiegen amtlichen chinesischen Angaben zufolge sogar um fast 12 Prozent.

Zwar schwächt sich der Preisauftrieb derzeit etwas ab, für die ärmeren Bevölkerungsschichten ist die Teuerung aber ein großes Problem.

  1. Staatshaushalt.

    Offiziell beliefen sich die Staatsschulden Chinas 2011 nur auf knapp 20 Prozent des BIP. Doch internationale Beobachter bemängeln die fehlende Transparenz, wenn es um die Schulden der Gebietskörperschaften oder der kommunalen Infrastrukturunternehmen geht. Daher halten einige Konjunkturforscher eher eine gesamtstaatliche Verschuldung von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung für realistisch. Demnach wäre auch China keine Insel im globalen Schuldenmeer und könnte bei künftigen Wachstums­flauten keinesfalls unbegrenzt Konjunkturprogramme finanzieren.
  2. Stadt-Land-Gefälle.

    Eine besondere Herausforderung besteht für Chinas Führung darin, die starken Wohlstandsunterschiede zwischen städtischen und ländlichen Regionen zu verringern und damit sozialen Unruhen entgegenzuwirken. Im Jahr 2011 betrug das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen auf dem Land im Durchschnitt umgerechnet weniger als 900 Euro – gegenüber 2.700 Euro in den Städten. Dies zieht die Menschen auf der Suche nach gut bezahlten Jobs in die Metropolen. Mittlerweile gibt es in China etwa 250 Millionen Wanderarbeiter.

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