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Palästina: Wirtschaften unter schwierigen Bedingungen

Im Gazastreifen und im Westjordanland leben knapp fünf Millionen Menschen, doch viele Palästinenser haben keine Arbeit oder nur ein sehr niedriges Einkommen. Die israelische Besatzung macht es den palästinensischen Unternehmen nicht leicht, doch in der Nähe von Ramallah gibt es einen Ort der Hoffnung.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die palästinensische Wirtschaft besteht zu rund 90 Prozent aus Kleinstunternehmen.
  • Etwa jeder vierte Araber im Westjordanland und im Gazastreifen ist arbeitslos.
  • Nicht nur in Israel, auch in den palästinensischen Gebieten boomt der IT-Sektor.
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Bei Lacoste, Hugo Boss oder Fred Perry einkaufen und anschließend im Straßencafé einen Cappuccino bestellen, das ist in vielen Metropolen nichts Besonderes. Im Westjordanland schon. Doch in Rawabi ist genau das möglich. Die erste auf dem Reißbrett geplante palästinensische Stadt, die auf einem Hügel 15 Kilometer nördlich von Jerusalem liegt, lässt keine Wünsche offen: Neben dem Einkaufszentrum gibt es Wohnungen für 25.000 Menschen, Schulen, ein medizinisches Zentrum, eine Moschee, ein Klärwerk und eine Fläche von 135.000 Quadratmetern für Freizeitaktivitäten. Hier befinden sich ein Fußballstadion, Pferdeställe, Kinos und ein Wasserpark. Nicht zu vergessen das Amphitheater im römischen Stil, das 15.000 Personen Platz bietet und in dem im vergangenen Sommer die ersten Konzerte stattgefunden haben.

Rawabi, das Vorzeigeprojekt der Region

Zwar leben erst 3.500 Menschen in den Appartementhäusern Rawabis, doch das umgerechnet 1 Milliarde Dollar teure Unterfangen, das zum Großteil von Katar finanziert wird, ist das Vorzeigeprojekt der Region schlechthin. Gleichzeitig lassen sich an Rawabi exemplarisch jene Probleme zeigen, mit denen alle Unternehmen in den Palästinensergebieten zu kämpfen haben und die ziemlich oft mit der israelischen Besatzung zusammenhängen.

Die Hauptursache für die schwierige wirtschaftliche Lage in den Palästinensergebieten ist laut UNCTAD in der israelischen Sicherheits- und Besatzungspolitik zu suchen.

Als der palästinensisch-amerikanische Unternehmer Bashar al-Masri 2007 das Rawabi-Projekt startete, suchte er sich wohlweislich Land aus, das in der sogenannten A-Zone liegt. Das Westjordanland ist in die Zonen A, B und C aufgeteilt, wobei nur die A-Areale vollständig von den Palästinensern verwaltet werden. Da aber die Zugangsstraße von Ramallah nach Rawabi auf knapp drei Kilometern durch C-Gebiet führt, in dem Israel für die Sicherheit und Verwaltung zuständig ist, musste al-Masri ein paar Jahre auf die Baugenehmigung für diese Zufahrtsstraße warten.

Drei Jahre Wartezeit für eine Wasserleitung

Ganz ähnlich lief es mit der Wasserversorgung. Da sämtliche Wasserquellen unter israelischer Kontrolle stehen, müssen die Palästinenser einen Großteil ihres Wassers von den Israelis kaufen. Geschlagene drei Jahre dauerte es, bis al-Masri den Wasserzugang für Rawabi von der israelischen Verwaltung erhielt, zweimal musste der Unternehmer sogar Einzugstermine wegen Wassermangels absagen.

UNCTAD, die UN-Organisation für Handel und Entwicklung, stellt regelmäßig fest, dass die Hauptursache für die schwierige wirtschaftliche Lage im Westjordanland und im Gazastreifen in der israelischen Sicherheits- und Besatzungspolitik zu suchen ist. Beispiele dafür gibt es zuhauf: Fischer im Gazastreifen dürfen nur innerhalb einer Drei-Meilen-Zone fischen, auch die landwirtschaftlichen Nutzflächen der Palästinenser in Gaza sind seit 2009 aufgrund israelischer Absperrungen um fast die Hälfte geschrumpft. Hinzu kommen die Belastungen durch den Siedlungsbau, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, die Beschlagnahme von Land und anderen Ressourcen sowie Vandalismus.

Olivenöl für den Eigenbedarf

Schätzungen gehen davon aus, dass allein im Westjordanland durch jüdische Baumaßnahmen mehr als eine halbe Million Olivenbäume abgeholzt worden sind. Das ist eine Menge, wenn man bedenkt, dass Olivenplantagen – neben der Bauindustrie und Steinbrüchen – zu den dominierenden Wirtschaftsbranchen in den palästinensischen Gebieten zählen. So ist fast die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche des Westjordanlands mit Olivenbäumen bepflanzt, in guten Jahren kommen bis zu 30.000 Tonnen Olivenöl zusammen. Der Großteil des Öls wird für den eigenen Markt produziert, kleinere Mengen gehen in die Emirate am Golf.

Die palästinensische Wirtschaft besteht zu mehr als 90 Prozent aus Kleinstunternehmen. Seit 1990 sind der Handel und die landwirtschaftliche Produktion im Gazastreifen und im Westjordanland zurückgegangen. Etwa jeder vierte Palästinenser ist arbeitslos. Entsprechend groß ist das Wohlstandgefälle zu Israel (Grafik):

In den Palästinensergebieten belief sich das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner 2016 auf rund 2.900 Dollar – in Israel ist es mehr als zwölfmal so hoch. Bruttoinlandsprodukt je Einwohner in den Palästinensergebieten und in Israel

Einer der wenigen hoffnungsvollen Wirtschaftszweige der Palästinensergebiete ist der IT-Sektor. Jedes Jahr verlassen viele Hunderte Programmierer und Ingenieure die Universitäten, und so mancher von ihnen heuert in der aufstrebenden Hightechindustrie in und um Ramallah herum an oder gründet gleich selbst ein Start-up. Denn einen Vorteil hat diese Branche, der in diesem Teil der Welt von besonderem Nutzen ist: Daten können Grenzen mühelos überwinden.

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