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Ohne Männer keine Geburten

Wie viele Kinder in einer Region geboren werden, hängt signifikant mit dem Geschlechterverhältnis vor Ort zusammen. Dem trägt die Statistik bislang allerdings kaum Rechnung, weil sie nur die Kinder pro Frau ausweist.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die ostdeutschen Flächenländer haben im innerdeutschen Vergleich die meisten Geburten je Frau.
  • Schaut man auf die Geburten je Mann im Alter von 20 bis 44 Jahren, liegen dagegen die Stadtstaaten Hamburg und Berlin vorn.
  • Ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in der Region wirkt sich positiv auf die Kinderzahl aus und sollte deswegen von der Politik im Auge behalten werden, etwa bei der Verteilung von Flüchtlingen.
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Mit der Statistik ist das so eine Sache – auch beim Thema Geburten. Die Reproduktionsfreude der Bevölkerung wird gemeinhin mit der zusammengefassten Geburtenziffer angegeben. Die ist ein theoretisches Konstrukt, das näherungsweise beziffert, wie viele Kinder jede Frau im Durchschnitt zur Welt bringt. Für 2015 lag der Wert in Deutschland bei 1,5 Kindern.

Im Bundesländervergleich kommt Sachsen mit 1,59 Kindern je Frau auf den höchsten Wert, gefolgt von den anderen ostdeutschen Flächenländern. Im Saarland war der Wert 2015 mit 1,38 am niedrigsten.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit, wie ein Blick auf die Reproduktionszahlen der Männer zeigt. Wissenschaftler des IW Köln haben sich dafür von der üblichen Geburtenziffer als Maß verabschiedet. Sie betrachten stattdessen die Zahl der Geburten jeweils pro 10.000 Frauen und Männer im Alter von 20 bis 44 Jahren.

Diese Perspektive verschiebt so einiges in der Rangfolge der Bundesländer, denn die ostdeutschen Flächenländer liegen nicht länger vorn (Grafik):

Pro 10.000 Männer wurden 2015 die meisten Kinder in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin geboren.

Wie es zu den Verschiebungen kommt, erklärt das Geschlechterverhältnis: Gibt es in einer Gegend deutlich mehr Männer als Frauen, hat das negative Folgen für die Zahl der Kinder – nicht mehr jeder fortpflanzungswillige Topf findet seinen Deckel. Besonders groß ist das Missverhältnis in Ostdeutschland:

In Sachsen-Anhalt gibt es bei den 20- bis 29-Jährigen je 100 Frauen mehr als 117 Männer, in Brandenburg und Thüringen fast 115.

Deutschlandweit beträgt die Relation in dieser Altersklasse nur knapp 109 Männer zu 100 Frauen. Ein gewisser Männerüberschuss ist rein biologisch betrachtet normal, da mehr Jungen als Mädchen geboren werden. Dafür ist die Lebenserwartung der Männer noch immer deutlich geringer. Erst eine zu große Schieflage des Geschlechterverhältnisses ist problematisch und gefährdet die Zukunftsfähigkeit betroffener Regionen.

In Bundesländern mit einem großen Männerüberschuss werden je Mann weniger Kinder geboren.

Deshalb wäre die Politik gut beraten, nicht länger nur die zusammengefasste Geburtenziffer für familienpolitische Entscheidungen zu nutzen, sondern auch das Geschlechterverhältnis insgesamt.

Darauf aufbauend gilt es, die Männerhochburgen für junge Frauen attraktiver zu machen, beispielsweise mit passenden Ausbildungsmöglichkeiten. Zudem sollte die Politik das Geschlechterverhältnis bei der regionalen Verteilung von Flüchtlingen beachten.

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