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„NRW verschläft den Strukturwandel seit Jahrzehnten“

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hat die Innovationskraft der deutschen Regionen analysiert. Demnach forscht der Süden auf Weltniveau, doch der Rest hinkt deutlich hinterher. Vor allem NRW nutzt sein Potenzial nicht. Wie die Politik gegensteuern kann, erklärt Oliver Koppel, IW-Wissenschaftler im Kompetenzfeld Zuwanderung und Innovation, im iwd-Interview.

Kernaussagen in Kürze:
  • IW-Ökonom Oliver Koppel hält den hohen Stellenwert der naturwissenschaftlich-technischen Schulbildung für eines der Erfolgsrezepte des innovationsstarken Baden-Württembergs.
  • Besonders dramatisch ist aus Koppels Sicht das Abschneiden Nordrhein-Westfalens im IW-Innovationsatlas: Im bevölkerungsreichsten Bundesland können nicht einmal die Städte mit den ländlichen Regionen im Süden mithalten.
  • Weil es Banken oft zu riskant ist, Innovationen zu finanzieren, und gute Idee deshalb nicht umgesetzt werden, kann eine staatliche Forschungsförderung in Form einer Risikoabsicherung sinnvoll sein.
Zur detaillierten Fassung

Herr Koppel, der Süden läuft dem Rest der Republik immer weiter davon. Was macht vor allem Baden-Württemberg besser als die anderen?

Baden-Württemberg legt bereits in der Schulbildung viel Wert auf die technisch-naturwissenschaftlichen Fächer. Das strahlt auf die Hochschulen aus: Die Studenten haben eine hohe Technikaffinität und trauen sich eher an Neues heran. Das stärkt nicht nur die Unternehmen, sondern eben auch den Entdecker- und Gründergeist.

Aber haben die südlichen Bundesländer nicht historisch einfach Glück gehabt?

Vor 50 Jahren war Nordrhein-Westfalen das wirtschaftliche Herz Deutschlands. Das darf man nicht vergessen. Inzwischen sind die südlichen Bundesländer aber vorbeigezogen. Das haben sie durch eine konsequente Förderung und Ansiedlung neuer Technologien geschafft. Vor allem Bayern war vor 50 Jahren noch weit abgeschlagen. Durch eine technologie- und industriefreundliche Politik hat der Freistaat Firmen wie Siemens angelockt und im Land gehalten. NRW dagegen verschläft seit Jahrzehnten den Strukturwandel und fällt immer weiter zurück.

Nur wenige Regionen können mit dem Süden mithalten. Unter anderem Wolfsburg – dank VW. Wie gefährlich ist diese Abhängigkeit?

Es droht immer der „Nokia-Effekt“, die Abhängigkeit von einem großen Unternehmen ist ein Klumpenrisiko. Auch die innovativen Regionen müssen also diversifizieren und Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen ansiedeln. Besonders gut klappt das in der Chemieregion Rhein-Main, wo auch viele Innovatoren aus dem Maschinenbau und Unternehmen aus der Elektroindustrie beheimatet sind.

Die Großstädte in NRW müssen ähnlich innovativ werden wie die Ballungszentren im Süden.

Generell gilt die Devise: In guten Zeiten muss man perspektivisch weiterdenken. Es droht immer die Gefahr, dass disruptive Technologien große Industrieunternehmen vom Markt fegen, wenn sie sich nicht darauf vorbereiten. Das ist quasi darwinistische Selektion.

Eine dieser Entwicklungen ist die Digitalisierung. Sie fordern einen Ausbau des Breitbandinternets, vor allem auf dem Land.

Das ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Innovation. Natürlich werden ländliche Regionen nie so innovativ sein wie die Ballungszentren. Das kann nicht das Ziel sein. Aber sie dürfen auch nicht völlig abgehängt werden. Was wir erreichen müssen ist, NRW-Großstädte ähnlich innovativ zu machen wie Ballungszentren im Süden. Die Leistungen der Großstädte müssen angeglichen werden, denn heute sind sie noch extrem unterschiedlich. Das hemmt Deutschland als Ganzes.

Gibt es denn eine Region, die momentan vieles richtig macht?

Gerade die Digitalisierung bietet ja viele Möglichkeiten, schnell neue Technologien und Unternehmen hervorzubringen. Aachen hat das begriffen. Die Region mit ihrer starken technischen Hochschule siedelt verstärkt technologische Neugründungen an und setzt auf Spin-Offs aus der Hochschule. Das macht Hoffnung für das Land, reicht aber noch nicht aus. In Baden-Württemberg hat man das fast hinter jedem Hügel.

Das IW Köln setzt auf die Marktwirtschaft, fordert jetzt aber die staatliche Förderung von Forschung und Entwicklung. Wie passt das zusammen?

Gerade im Bereich der Innovationsfinanzierung versagt bisweilen der Markt und es kommt zu Kreditklemmen. Wenn ein Innovationsprojekt schiefgeht, steht die Bank schnell mit leeren Händen da. Das ist vielen zu riskant, deshalb sterben selbst gute Ideen. Das verhindert viele Innovationen und rechtfertigt aus unserer Sicht ein Eingreifen des Staates. Er soll eine Risikopatenschaft mit den Unternehmen eingehen, um Projekte abzusichern.

Im IW-Innovationsatlas beklagen Sie, dass nur jede 77. Gründung Innovationsbezug hat. Allerdings ist Deutschland auch mit klassischen Produkten äußerst erfolgreich.

Innovationsökonom im Institut der deutschen Wirtschaft Köln /  Foto: Dennis Straßmeier, IW Medien Die Bundesrepublik wurde lange für ihre scheinbar veraltete Industriestruktur angegriffen. Der Erfolg der Technologie- und Innovationspolitik in den vergangenen Jahren gibt uns aber Recht. Ein starker Industriekern ist die notwendige Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg, und den feiern die deutschen Unternehmen ja auch auf den Weltmärkten. Technologische Neugründungen sorgen jedoch für starkes Wachstum, treiben Innovation und schaffen viele Jobs, wenn sie sich erfolgreich in einer Nische festsetzen. Daher ist es problematisch, wenn zu wenig technologieorientierte Unternehmen gegründet werden. Vor allem in Berlin ist der Anteil sehr gering. Die Politik sollte daher weniger auf die reine Zahl der Neugründungen schauen, sondern vor allem die Qualität in den Blick nehmen.

Mit Zalando und Delivery Hero kommen zwei der bekanntesten deutschen Start-Ups aus der Hauptstadt.

Berlin ist sehr dienstleistungsorientiert, aber nicht technisch ausgerichtet. Daher wundert es nicht, dass sich dort vor allem Dienstleistungsunternehmen gründen. Diese bieten aber wenig technische Innovation. Sie sind eher Nutzer neuer Technik, vor allem der Digitalisierung.

Die technischen Neuerungen kommen hierzulande vor allem aus dem Süden. Gemessen an den Voraussetzungen hat Berlin die schwächste Innovationsperformance. Thüringische Großstädte melden bezogen auf die Bevölkerungszahl viel mehr Patente an als die Hauptstadt. Das kann auf Dauer nicht gut sein.

Trotz aller Erfolge: Bei manchen Entwicklungen scheint Deutschland den Anschluss verloren zu haben. Macht uns der Erfolg träge?

Das ist immer der Fluch und die Gefahr des Erfolgs. Gerade Ingenieure sind häufig Bildungsaufsteiger und streben nach beruflicher Sicherheit. Diese bieten ihnen vor allem große Industriekonzerne. Das Angestelltenverhältnis ist einfach sehr attraktiv und lukrativ. Es gibt also oft keine Not und keinen Druck, besonders innovativ und damit ja auch risikofreudig zu sein. Wenn es einer Region sehr gut geht, sind die Voraussetzungen für Gründungen häufig schlecht.

Sie kommen zu dem Schluss, dass die erfolgreichen Regionen Fachkräfte aus anderen Bundesländern regelrecht absaugen. Wie schädlich ist das?

Das ist einfach die logische Konsequenz der Situation: Diese Regionen und Unternehmen können schlichtweg bessere Gehälter bieten. Das ist auch gar nicht negativ zu bewerten. Das Problem ist aber, dass Länder wie NRW oder Thüringen, die eine sehr gute Ausbildung bieten, dann auf den Kosten sitzen bleiben. Hier muss ein Ausgleich geschaffen werden. In der Bundesliga gibt es seit einigen Jahren auch schon eine Ausbildungskompensation für kleinere Vereine. Ein ähnliches System wäre auch für Hochschulen denkbar. Da müsste die Bundespolitik einen Ausgleichstopf schaffen - über den Länderfinanzausgleich wird das nicht genügend abgedeckt.

Die Kosten für Patentanmeldungen sind aus Ihrer Sicht zu hoch, was vor allem kleine Unternehmen behindert. Was soll die Politik dagegen tun?

Gerade Deutschland hat einen sehr forschungsstarken Mittelstand, der viele Innovationen hervorbringt. Durch die europäische Unsitte, dass Patente in allen Sprachen jener Länder angemeldet werden müssen, in denen die Produkte vertrieben und geschützt werden sollen, entstehen unverhältnismäßig hohe Kosten. Große Unternehmen trifft das nicht so stark wie kleine und mittelständische. Ein Patent kostet schon mal 60.000 Euro und mehr – das kann sich der deutsche Mittelstand kaum leisten. Andere Länder haben eine andere Wirtschaftsstruktur, vor allem mit Großunternehmen, deshalb muss es vor allem ein Anliegen Deutschlands sein, dass Patente in der EU billiger werden.

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