Aufstiegsmobilität Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Nichts ist endgültig

In Deutschland bleiben die wenigsten Menschen dauerhaft vom Arbeitsmarkt und Wohlstand ausgeschlossen. Eine gute Ausbildung befördert den Aufstieg.

Kernaussagen in Kürze:
  • In Deutschland bleiben die wenigsten Menschen dauerhaft vom Arbeitsmarkt und Wohlstand ausgeschlossen, denn eine gute Ausbildung befördert den Aufstieg.
  • Laut Mikrozensus sagen nur 16 Prozent der Teilzeitkräfte, sie müssten sich mit der reduzierten Arbeitszeit zufrieden geben, weil sie keine Vollzeitbeschäftigung finden.
  • Gut die Hälfte der Uniabsolventen sind dem obersten Einkommensfünftel zuzuordnen.
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Der deutsche Arbeitsmarkt zeigt sich derzeit in einer historisch guten Verfassung. Dennoch gibt es häufig Kritik: Die unbestreitbar bessere Integration der Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt habe ihren Preis. Armut, Niedriglohnbeschäftigung und atypische Erwerbsformen wie Teilzeitarbeit, Minijobs und Zeitarbeit würden weiter zunehmen, während immer weniger Arbeitnehmer „reguläre“ Jobs hätten. Wer einmal in den Randbereichen des Arbeitsmarktes gelandet sei, finde nicht mehr zum Kern zurück, heißt es oft.

Was aber ist dran an diesen Vorwürfen? Vorsichtig gesagt: Wenig. Viele gängige Klischees stimmen einfach nicht.

Klischee 1: Atypische Jobs verdrängen reguläre Beschäftigung

Die atypischen Erwerbsformen nehmen zwar tatsächlich tendenziell zu. Doch diese Entwicklung wird begleitet von einem mindestens ebenso kräftigen Wachstum unbefristeter Vollzeitstellen:

Zwischen 2005 und 2012 entstanden 1,3 Millionen unbefristete Vollzeitstellen und weitere 800.000 Teilzeitstellen mit einem Wochenpensum von mehr als 20 Stunden.

Klischee 2: Teilzeit geht an den Interessen der Menschen vorbei

Wer Teilzeit als prekäre Beschäftigung einstuft, weiß offenbar nicht, dass viele Arbeitnehmer keine Vollzeitstelle anstreben – so bleibt zum Beispiel mehr Zeit für den Nachwuchs. Deshalb entspricht eine halbe oder Dreiviertelstelle oft den Arbeitszeitwünschen der Menschen und die Aufnahme einer Teilzeitbeschäftigung hat kaum etwas mit fehlenden Vollzeitstellen zu tun:

Laut Mikrozensus sagen nur 16 Prozent der Teilzeitkräfte, sie müssten sich mit der reduzierten Arbeitszeit zufrieden geben, weil sie keine Vollzeitbeschäftigung finden.

Anders als vielfach behauptet ist ein Teilzeitjob auch keine Sackgasse. Von 100 Arbeitnehmern, die 2009 teilzeitbeschäftigt waren, wechselten binnen eines Jahres immerhin 11 in eine Vollzeitbeschäftigung. Ein noch einmal so großer Anteil an Teilzeitbeschäftigten tat diesen Schritt 2011.

Klischee 3: Einmal langzeitarbeitslos, ewig langzeitarbeitslos

In Deutschland ist derzeit die Hälfte aller Arbeitslosen länger als 12 Monate ohne Anstellung. Die Arbeitsagentur will sich dieser Klientel daher künftig verstärkt annehmen. Doch der Eindruck, hier passiere bislang wenig, ist verfehlt. Nur ein geringer Anteil der Langzeitarbeitslosen bleibt dauerhaft vom Erwerbsleben ausgeschlossen. Das zeigt ein längerfristiger Vergleich: Demnach bekamen 45 Prozent derer, die 2005 arbeitslos waren, schon im darauf folgenden Jahr einen Job. Am Ende des Beobachtungszeitraums im Jahr 2011 hatten nur 5 Prozent aller Langzeitarbeitslosen des Jahrgangs 2005 immer noch keine Stelle.

Klischee 4: Hire and Fire

Ein großer Teil der neuen Beschäftigungsverhältnisse ist keineswegs nur vorübergehender Natur. Immerhin drei Viertel der zuvor arbeitslosen Personen, die 2010 eine Vollzeitbeschäftigung aufgenommen haben, waren ein Jahr später immer noch vollzeitbeschäftigt. Nur jeder Siebte war erneut ohne Job.

Klischee 5: Armut ist Schicksal

Auch beim Einkommen ist die soziale Mobilität höher als oft vermutet. „Einmal unten, immer unten“ ist kein Naturgesetz. Denn einem Viertel der Personen aus dem untersten Einkommensfünftel gelingt binnen eines Jahres der Aufstieg in eine höhere Schicht. Und über einen längeren Beobachtungszeitraum hinweg zeigt sich, dass nur 17 Prozent der Einkommensschwachen des Jahres 2005 bis zum Jahr 2011 keinen Aufstieg schafften.

Wer einen Job findet, schafft recht schnell den Sprung von der untersten in eine höhere Einkommensklasse. Das gilt immerhin für 46 Prozent der Arbeitnehmer, die keine Arbeit hatten und die innerhalb eines Jahres erwerbstätig wurden (Grafik). Und von denen, die von einem bis zum nächsten Jahr im Job blieben, stiegen 38 Prozent vom untersten Einkommensfünftel in ein höheres auf.

Auch ein höherer Bildungsabschluss erweist sich als Sprungbrett in eine höhere Einkommensgruppe. So verlassen fast 40 Prozent der Uniabsolventen das unterste Einkommensfünftel binnen eines Jahres – weil sie beispielsweise eine Gehaltserhöhung bekommen oder Karriere gemacht haben. Ohnehin gehören Akademiker nur selten zur Gruppe der Geringverdiener.

Gut die Hälfte der Uniabsolventen sind dem obersten Einkommensfünftel zuzuordnen.

Klischee 6: Nach dem Aufstieg folgt oft rasch wieder der Abstieg

Der Aufstieg ist überwiegend nachhaltig. Von den Personen, die 2009 aus der untersten Einkommensschicht aufstiegen, fiel im folgenden Jahr 2010 nur gut ein Drittel wieder zurück. Und das auch nur vorübergehend. Denn im Jahr 2011 gehörten die meisten wieder zu den Aufsteigern (Grafik).

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