Lohnentwicklung Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Nicht übers Ziel hinausschießen

Die deutsche Lohnpolitik ist in den vergangenen Jahren verschiedene Wege gegangen: Zuerst setzte sie auf Lohndisziplin, um Beschäftigung zu sichern und aufzubauen. Seit 2008 aber wird der Verteilungsspielraum voll ausgeschöpft.

Kernaussagen in Kürze:
  • Deutschland 2005: Die Arbeitslosenzahl steigt auf über fünf Millionen, Deutschland hat die höchsten Arbeitskosten der Welt und gilt alsder „kranke Mann Europas“.
  • Deutschland Ende 2014: Die Zahl der Erwerbstätigen hat mit 43 Millionen ein Rekordhoch erreicht und die Zahl der Arbeitslosen ist auf 2,7Millionen gesunken.
  • In den Jahren 2008, 2009, 2012 und im bisherigen Jahresverlauf 2014 sind die Tariflöhne je Stunde stärker gestiegen, als es der Verteilungsspielraum erlaubt hätte.
Zur detaillierten Fassung

Deutschland 2005: Die Arbeitslosenzahl steigt auf über fünf Millionen, Deutschland hat die höchsten Arbeitskosten der Welt und gilt als der „kranke Mann Europas“.

Deutschland Ende 2014: Die Zahl der Erwerbstätigen hat mit 43 Millionen ein Rekordhoch erreicht und die Zahl der Arbeitslosen ist auf 2,7 Millionen gesunken.

Wer verstehen will, wie sich Deutschland vom Saulus zum Paulus gewandelt hat, muss auch einen Blick auf die Tarifabschlüsse werfen. Weil der deutsche Arbeitsmarkt in einer desolaten Verfassung war, übten die Tarifparteien zwischen 2000 und 2008 Lohndisziplin und trugen so dazu bei, dass die Lohnstückkosten – die Arbeitskosten je Produkteinheit – stabil blieben.

Was das für eine Leistung war, wird erst durch einen Vergleich klar: In den meisten anderen EU-Staaten stiegen die Lohnstückkosten im selben Zeitraum deutlich an – die Spanne reicht von 16 Prozent in Finnland über 32 Prozent in Spanien bis zu 82 Prozent in Estland.

Wer Deutschland deshalb Lohndumping unterstellt, schüttet das Kind mit dem Bade aus. Denn das Ziel der Lohndisziplin war schließlich die Sicherung und der Aufbau von Beschäftigung, und das ist Deutschland – im Gegensatz zu vielen anderen EU-Ländern – auch gelungen. Mittlerweile hat sich das Blatt ohnehin gewendet. Aufgrund des robusten Arbeitsmarktes ist die deutsche Lohnpolitik schon seit Jahren auf Expansionskurs (Grafik):

In den Jahren 2008, 2009, 2012 und im bisherigen Jahresverlauf 2014 sind die Tariflöhne je Stunde stärker gestiegen, als es der Verteilungsspielraum erlaubt hätte.

In den Jahren 2010 und 2011 wurde der Verteilungsspielraum – die Summe aus Produktivität und Deflator des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – dagegen nicht voll ausgeschöpft und 2013 entwickelten sich Tariflöhne und Verteilungsspielraum im Gleichschritt. Bei den Bruttolöhnen fällt die Bilanz ähnlich aus.

Der geänderte Kurs der Tarifpolitik hat seit 2008 zu einem Anstieg der Lohnstückkosten um 11 Prozent geführt. Damit liegt Deutschland im oberen Mittelfeld der Eurozone.

Defizitländer wie Griechenland, Irland und Spanien haben ihre Lohnstückkosten dagegen im selben Zeitraum um 6 bis 12 Prozent reduziert. Deutschland hat somit maßgeblich zum Abbau der Lohndivergenzen in der EU beigetragen.

Nun wird gefordert, Deutschland solle den expansiveren Lohnkurs fortsetzen und bei der Berechnung des Verteilungsspielraums statt der im BIP-Deflator abgebildeten Produzentenpreise die angestrebte Inflationsrate von 2 Prozent berücksichtigen. Weil die Spielräume für die Preissetzung derzeit gering sind, würden höhere Lohnkosten jedoch die Arbeitsnachfrage und die Inves­titionsbereitschaft dämpfen.

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