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Neue Vorschriften bremsen Homeoffice aus

Während Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) für familienfreundliche Homeoffice-Arbeitsplätze wirbt, erschwert Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) die Verbreitung von Telearbeit durch immer neue Vorschriften. Unternehmen und Mitarbeiter freut das wenig.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Bundesregierung will im Rahmen ihrer digitalen Agenda 2014 bis 2017 die Telearbeit voranbringen.
  • Die Arbeitgeber stellen bereits jedem fünften Beschäftigten einen mobilen, internetfähigen Computer zur Verfügung.
  • Das mobile Arbeiten wird künftig zunehmen, weil Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit regelmäßigen Homeoffice-Tagen ihre familiären oder ehrenamtlichen Verpflichtungen besser meistern können.
Zur detaillierten Fassung

Die Bundesregierung steht der Telearbeit aufgeschlossen gegenüber – eigentlich. Im Rahmen ihrer digitalen Agenda 2014 bis 2017 will sie zwar das Thema voranbringen. Allerdings arbeiten hier zwei SPD-geführte Ministerien eher gegen- als miteinander:

Pro Telearbeit. Einen neuen Aufschlag in Sachen familienfreundliches Arbeiten machte im Sommer 2014 Bundesfamilienministerin Schwesig, die selbst pro Woche einen Tag im Homeoffice verbringt, mit einem Leitfaden. Sie wünscht sich von der Wirtschaft explizit mehr Telearbeitsplätze. Wie man auf diese Weise Beschäftigte mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen darin unterstützt, Beruf und Familie besser zu vereinbaren, hat sie in der Broschüre auflisten lassen („Mit Home-Office-Modellen Familie und Beruf gut vereinbaren. Fakten, 
Vorteile, Herausforderungen, Tipps“ – Download unter erfolgsfaktor-familie.de).

Dabei zeigen zum Beispiel Checklisten den Interessenten, welche Tätigkeiten sich für das Arbeiten im Homeoffice eignen und welche Aspekte Beschäftigte und Vorgesetzte berücksichtigen sollten, damit beide Seiten zufrieden sind.

In eine ähnliche Richtung geht eine Beispielsammlung der Metall- und Elektro-Industrie – „Familie und Beruf im Herz der Wirtschaft, Best-Practice-Beispiele aus der Metall- und Elektro-Industrie“ –, eine Initiative, die auch vom Ministerium unterstützt wird (Download unter familienfreundliche-industrie.de).

Kontra Telearbeit. Das Bundesarbeitsministerium droht jetzt allerdings mit dem „Verordnungsentwurf zur Änderung von Arbeitsschutzverordnungen“, alle Bemühungen von Schwesig, mobiles Arbeiten voranzubringen, zu durchkreuzen.

Schon die Beschreibung von Telearbeit geht an der Realität vorbei. Demnach wären „Telearbeitsplätze vom Arbeitgeber eingerichtete Bildschirmarbeitsplätze im Privatbereich der Beschäftigten“. Offenbar übersieht man im Ministerium, dass sich Telearbeiter in der Regel zu Hause selbst ihren Arbeitsplatz nach eigenen Vorstellungen einrichten und für gute Arbeitsbedingungen sorgen.

Trotzdem sieht der Entwurf vor, Teile der Arbeitsstättenverordnung auch auf bereits eingerichtete Telearbeitsplätze anzuwenden. So soll der Arbeitgeber prüfen, ob die Beleuchtung mindestens 500 Lux beträgt, ob der Raum mit dem Tele­arbeitsplatz durch den laufenden Computer nicht zu warm wird und ob der Schreibtisch auch groß genug ist, um vor der Tastatur des PCs ein Auflegen der Handballen zu ermöglichen.

Dies alles verursacht nicht nur mehr unnötige Bürokratie. Die vorgesehene Kontrollpflicht des Arbeitgebers berührt auch das Thema Unverletzlichkeit der Wohnung:

Mitarbeiter brauchen weder ihren Arbeitgeber noch eine Arbeitsschutzbehörde in ihre Wohnung oder ihr Haus zu lassen.

Auf die Frage, wie die Firmen solche Vorgaben überprüfen oder gar die Überprüfung gewährleisten könnten, war aus dem verantwortlichen Ministerium nur zu hören, dass die Arbeitgeber ja nicht verpflichtet seien, ihren Beschäftigten einen Telearbeitsplatz anzubieten.

Statt also das mobile Arbeiten voranzubringen, wird hier der von der Bundesregierung selbst gewünschten weiteren Verbreitung von Telearbeit ein Bärendienst erwiesen.

Die Wirtschaft dagegen macht Nägel mit Köpfen. Zum einen stellen Arbeitgeber bereits jedem fünften Beschäftigten einen mobilen, internetfähigen Computer zur Verfügung (Grafik). Zum anderen kann der Mitarbeiter dank Flatrate permanent mit der Firma online und per Telefon kommunizieren, ohne dass zusätzliche Kosten anfallen.

Besonders gut sind die Voraussetzungen für Telearbeit in der Informations- und Kommunikationsbranche. Dort steht die entsprechende Technik schon jedem zweiten Beschäftigten zur Verfügung. Aber auch das Verarbeitende Gewerbe hat aufgerüstet – jeder siebte Mitarbeiter kann dort mobil arbeiten. Damit sind zum Beispiel Produktions­mitarbeiter mancherorts in der Lage, von daheim intelligente Werkzeugmaschinen zu steuern und zu überwachen.

Dass sich mobiles Arbeiten weiter verbreiten wird, ist zu erwarten – nicht zuletzt aus personalwirtschaftlichen Gründen:

  • Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können mit regelmäßigen Homeoffice-Tagen ihre familiären oder ehrenamtlichen Verpflichtungen besser meistern.
  • Unternehmen wollen mit der Möglichkeit zur Telearbeit bei der Generation Smartphone punkten. In Zeiten des demografischen Wandels müssen Firmen attraktive Arbeitsbedingungen anbieten, um qualifizierte Mitarbeiter zu finden und zu binden.

Für beide Seiten ist Telearbeit also eine Win-win-Situation, zumal die Erfahrung zeigt, dass viele Mitarbeiter im Homeoffice produktiver sind als in der Firma (vgl. iwd 3/2015).

Wegen der Vorteile arbeitet heute schon fast die Hälfte aller Erwerbstätigen gelegentlich oder regelmäßig im Homeoffice, wobei Angestellte und Beamte die Speerspitze dieser Arbeitsform bilden. Aber auch ein Fünftel der Arbeiter erledigt einen Teil der Aufgaben vom heimischen Schreibtisch aus (Grafik).

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