Tarifpolitik 14.01.2016 Lesezeit 3 Min Lesezeit 1 Min

Neue Streiks in Sichtweite

Im neuen Jahr stehen vielen Branchen Tarifverhandlungen ins Haus. Dabei könnte es erneut zu einem intensiven Schlagabtausch zwischen Spartengewerkschaften und Konzernen kommen. Insgesamt müssen für mehr als 11 Millionen Arbeitnehmer neue Tarifverträge ausgehandelt werden.

Kernaussagen in Kürze:
  • Im neuen Jahr stehen vielen Branchen Tarifverhandlungen ins Haus.
  • Neue Streiks sind in Sichtweite.
  • Wegen der geringen Inflationsrate konnten sich die Arbeitnehmer 2015 über kräftige Reallohnsteigerungen freuen.
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Die Deutsche Lufthansa muss schon im Januar 2016 in den Ring. Dann werden die mehrfach gescheiterten Verhandlungen mit den Piloten und Flugbegleitern fortgesetzt. Als erste große Branche startet Ende Februar der öffentliche Dienst in die Lohnrunde 2016 – wenn die Entgelttarifverträge von Bund und Kommunen auslaufen. Im März folgen die Druckindustrie sowie die Metall- und Elektro-Industrie, im April das Bauhauptgewerbe und die Banken, im Juli dann die chemische Industrie (Tableau).

Besonders spannend wird es nach der Sommerpause, wenn Spartengewerkschaften wie die Ärztegewerkschaft Marburger Bund und die Lokführergewerkschaft GDL für ihre Klientel eigenständige Verträge aushandeln wollen:

  • Sollte die Tarifgemeinschaft des öffentlichen Dienstes unter der Führung von ver.di auch für die Ärzte der kommunalen Krankenhäuser abschließen, der Marburger Bund aber auf seine Eigenständigkeit pochen, droht eine Tarifkollision. Dies wäre der erste Lackmustest für das neue Tarifeinheitsgesetz.
  • Das gilt auch für die im Herbst 2016 beginnenden Tarifverhandlungen bei der Deutschen Bahn. Diese hat der GDL zugesagt, sie auch unter dem neuen Rechtsrahmen als eigenständigen Tarifpartner zu akzeptieren.

Gleichwohl wird die Bahn darauf bestehen, dass die Tariflöhne für Lokführer, Zugbegleiter und Bordgastronomen um einen einheitlichen Prozentsatz angehoben werden – egal, ob sie von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) oder von der GDL vertreten werden.

Das Tarifjahr 2015 war für die Arbeitnehmer jedenfalls ein gutes:

In den ersten drei Quartalen im Jahr 2015 stiegen die monatlichen Tarifverdienste um durchschnittlich 2,5 Prozent.

Die effektiv gezahlten Bruttomonatslöhne – hier sind nicht nur die tarifgebundenen Betriebe berücksichtigt, sondern alle – stiegen mit 2,8 Prozent sogar etwas stärker an.

Wegen der geringen Inflationsrate konnten sich die Arbeitnehmer über kräftige Reallohnsteigerungen von durchschnittlich 2,6 Prozent freuen.

Am oberen Rand der Tariferhöhungen lagen 2015 die Deutsche Bahn mit einem Plus von 3,5 Prozent sowie die Metall- und Elektro-Industrie mit einem Zuwachs von 3,4 Prozent (Tableau). In der chemischen Industrie fiel die prozentuale Lohn­erhöhung mit 2,8 Prozent etwas geringer aus, dafür wurde aber der Demografiebetrag angehoben. Daraus finanzieren die Betriebe Maßnahmen, um Ältere länger beschäftigungsfähig zu halten.

Abgesehen von der Bahn blieben die Lohnerhöhungen beim Staat und in den großen Dienstleistungsbranchen hinter denen der Industriebranchen zurück. Stattdessen wurden zum Teil zweistufige Anpassungen bei längeren Laufzeiten vereinbart.

Die längste Laufzeit (32 Monate) sieht – abgesehen vom Rahmentarifvertrag im Erziehungswesen – der Abschluss von ver.di mit der Deutschen Post vor. Beide Seiten wollen nach den heftigen Streikaktionen, die dem Abschluss vorausgingen, erst einmal Ruhe einkehren lassen.

Der – übrigens erfolglose – Streik richtete sich gegen die Auslagerung des Paketgeschäfts auf Regionalgesellschaften mit regionalen Logistik-Tarifverträgen, die größtenteils unter den Tarifstandards der Deutschen Post lagen.

Ob die Abschlüsse in diesem Jahr an die von 2015 anknüpfen werden, muss mit einem Fragezeichen versehen werden. Denn der lohnpolitische Verteilungsspielraum ist bei einem voraussichtlichen Produktivitätszuwachs von einem ¾ Prozent recht gering. Steigen die Löhne indes schneller als die Produktivität, verschlechtert sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Dies sollten die Gewerkschaften bei ihren Forderungen bedenken.

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