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Neue Regeln braucht das Land

Viele junge Leute kommen derzeit aus EU-Ländern nach Deutschland, die selbst vor einer demografischen Herausforderung stehen. Deshalb sollte verstärkt in Drittstaaten für die Bundesrepublik als Einwanderungsland geworben werden. Das ist dann besonders wirkungsvoll, wenn administrative Hürden für Menschen, die hier einen Job suchen, gesenkt werden. Ein Einwanderungsgesetz könnte dabei hilfreich sein.

Kernaussagen in Kürze:
  • Laut Wirtschafts-Sachverständigenrat erhöht sich die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts um bis zu 0,4 Prozentpunkte, wenn die jährliche Zuwanderung um 100.000 Personen gesteigert werden kann.
  • Viele Migranten in Deutschland sind in gut bezahlten Fach- und Führungspositionen tätig.
  • Zuwanderer sollten aus Regionen gewonnen werden, die ein hohes Qualifikationsniveau und ein hohes Bevölkerungswachstum aufweisen, wie in Süd- und Südostasien.
Zur detaillierten Fassung

Deutschland hat sich für Zuwanderer zu einem wahren Magneten entwickelt (Grafik). Dabei ist der jüngste Zustrom nicht zuletzt auf Sondereffekte zurückzuführen. So besteht inzwischen die volle Freizügigkeit für EU-Zuwanderer aus Mittel- und Osteuropa. Hinzu kommt, dass die hohe Arbeitslosigkeit in Südeuropa immer mehr junge Leute veranlasst hat, sich in Deutschland nach einem Job umzusehen.

Die neuerliche Zuwanderungswelle kam indes zum rechten Zeitpunkt. Denn aktuell fehlen bereits beruflich und akademisch ausgebildete Fachkräfte, vor allem im Bereich Technik und im Gesundheitswesen. Diese Engpässe lassen sich zwar etwas verringern, wenn es gelingt, Ältere und Frauen noch stärker als bisher in den Arbeitsmarkt zu integrieren und bildungsferne Bevölkerungsschichten für eine Ausbildung zu gewinnen.

Doch nur mithilfe von Zuwanderern lassen sich die Engpässe deutlich reduzieren, wie IW-Berechnungen für den Zeitraum bis zum Jahr 2030 belegen. Vorteilhaft ist dabei, dass jeder zehnte Erwachsene, der jüngst nach Deutschland kam, ein MINT-Fach (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik) studiert hat – und damit einer Berufsgruppe angehört, die gesucht wird.

Und weil Zuwanderer die Fachkräftereihen auffüllen, schieben sie auch das Wachstum hierzulande an:

Laut Wirtschafts-Sachverständigenrat erhöht sich die Wachstumsrate des Brutto­inlandsprodukts dauerhaft um bis zu 0,4 Prozentpunkte, wenn die jährliche Zuwanderung um 100.000 Personen gesteigert werden kann.

Die Logik dahinter: Firmen können bessere Produkte entwickeln und mehr Aufträge annehmen, wenn sie genügend Personal haben.

Ebenfalls ein Segen ist Zuwanderung für den Staatshaushalt. Sind Zuwanderer so qualifiziert wie die Gesamtbevölkerung, entlastet eine um jährlich 200.000 Personen höhere Zuwanderung die öffentliche Hand laut Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung um ungefähr 350 Euro pro Einwohner und Jahr.

Vor allem Akademiker füllen den Staatssäckel. Deshalb ist es erfreulich, dass sich der Anteil der entsprechend ausgebildeten Neuzuwanderer nach IW-Berechnungen zwischen 2000 und 2012 von 16 auf 31 Prozent erhöht hat. Viele Migranten sind überdies in gut bezahlten Fach- und Führungspositionen tätig (Grafik).

Es lohnt sich besonders, junge Leute zum Studium nach Deutschland zu locken. Etwa jeder Zweite bleibt nach dem Abschluss hier und sucht sich eine Arbeit – zahlt also dann deutlich mehr Steuern, als seine Ausbildung kostet. Überdies hat bereits das Herkunftsland die Schulbildung finanziert, was den deutschen Steuerzahler entlastet.

Insofern sollte die Zuwanderung über die Hochschulen forciert werden. Voraussetzung ist indes, dass den deutschen Hochschulen die Mittel nicht gekürzt werden. Nur so finden auch künftig Zuwanderer ein attraktives Hochschulangebot vor.

Die aktuell guten Zuwanderungszahlen täuschen über ein Problem hinweg – den demografischen Wandel in den Herkunftsländern (Grafik). Denn wie in Deutschland geht auch in Polen, Rumänien, Ungarn, Bulgarien und Italien der Anteil der jungen Leute an der Gesamtbevölkerung zurück.

Daher sollten Zuwanderer auch aus Regionen gewonnen werden, die ein hohes Qualifikationsniveau und ein hohes Bevölkerungswachstum haben. Das ist in Süd- und Südost­asien der Fall. Dort sind viele junge Menschen hochqualifiziert, und der Anteil der 10- bis 24-Jährigen an der Gesamtbevölkerung ist fast doppelt so hoch wie in Deutschland.

Allerdings gibt es hier ein Problem: Junge Inder etwa zieht es vor allem in jene Staaten, in die schon ihre Vorfahren ausgewandert sind. Deutschland muss sich folglich besonders anstrengen, um sich als Einwanderungsland zu positionieren.

Das aber ist durchaus machbar: Die vom IW Köln betreute Internetplattform „Make it in Germany“, die für Jobs in Deutschland wirbt, hat in Indien bereits erste Erfolge erzielt:

Seit dem vierten Quartal 2012 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Deutschen in akademischen MINT-Berufen nur um 3 Prozent gestiegen – die Beschäftigung von eingewanderten Indern hingegen um 19 Prozent.

Einer stärkeren Zuwanderung aus Drittstaaten stehen indes auch administrative Hürden im Wege. So können Visa-Verfahren sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Ein weiteres Problem besteht in der kleinteiligen Struktur der Ausländerbehörden, von denen es in jedem Kreis mindes­tens eine gibt. Dies führt dazu, dass sich die zuständigen Mitarbeiter häufig vorwiegend mit anderen Migrationsproblemen befassen und wenig Expertise im Umgang mit der Fachkräftezuwanderung haben.

Mit einer Reform des Einwanderungsrechts könnte man nicht nur solche Schwierigkeiten in den Griff bekommen, sondern noch an einer anderen Stellschraube nachjustieren:

Hochqualifizierten, die besonders gut nach Deutschland passen, sollte der Zuzug auch ohne konkretes qualifikationsadäquates Stellenangebot ermöglicht werden.

Viele Einwanderungsländer steuern solch eine angebotsorientierte Zuwanderung über ein Punktesys­tem und maximale Zulassungsquoten. Dies könnte auch Deutschland helfen, die Folgen des demografischen Wandels abzufedern.

Ferner sollten die Potenziale der in der Bundesrepublik lebenden Flüchtlinge deutlich besser und sys­tematischer erfasst und genutzt werden. Nach Angaben der Bundes­agentur hat etwa jeder fünfte Asylbewerber einen Hochschulabschluss; etwa jeder dritte bringt einen Abschluss mit, der dem deutscher Facharbeiter entspricht.

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