Betriebliche Altersvorsorge Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Neue Daten statt Aktionismus

Kommt die Rede auf drohende Altersarmut, sind Politiker schnell mit Vorschlägen bei der Hand. Nach dem vielstimmigen Abgesang auf das „Riestern“ wird nun unter anderem eine neue Form der Betriebsrente heiß diskutiert. Ob aber überhaupt staatlicher Handlungsbedarf besteht, ist fraglich – zumal die deutschen Haushalte unbeeindruckt von Mini­zinsen weiter fleißig sparen.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles möchte Pensionskassen einrichten, den die Tarifpartner gemeinsam betreiben.
  • Hessische Politiker präferieren die Deutschlandrente, in die jeder einzahlen muss.
  • Jeder zweite Ältere in Deutschland verfügt über eine betriebliche Altersvorsorge, jeder Vierte über einen Rieser-Vertrag.
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Genug Geld zurücklegen für das Alter – ein hehres Ziel. Aktuell schalten sich Politiker wieder vermehrt ins Thema ein – offenbar getrieben vom Glauben, dass sie besser wissen als die Bürgerinnen und Bürger, wie man vorsorgen sollte. Eine Flut von Ideen zur Bekämpfung drohender Altersarmut wird im politischen Betrieb umgewälzt. Zwei davon seien hier kurz vorgestellt:

1. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat sich die Reform der betrieblichen Altersvorsorge (BAV) auf die Fahnen geschrieben.

Mit dem „Sozialpartnermodell“ will sie eine Pensionskasse oder einen Pensionsfonds einrichten, den die Tarifpartner gemeinsam betreiben sollen.

Die Ministerin unterstellt Nachholbedarf vor allem bei kleinen und mittelgroßen Betrieben. Arbeitgeber würden den Plänen zufolge verpflichtet, neben den Beiträgen zur Rentenversicherung auch in die Pensionskassen einzuzahlen – wobei die Höhe dieser Beiträge in Tarifverträgen verankert werden soll.

2. Neu ins Rennen geschickt wird nun von hessischen Politikern die „Deutschland-Rente“.

Dabei soll es sich um ein einfaches, kostengüns­tiges Standardprodukt handeln. Eine Variante sieht vor, dass jedermann in die „Deutschland-Rente“ einzahlen muss, es sei denn, er widerspricht ausdrücklich – das soll für eine größere Verbreitung sorgen.

Verwaltet wird der Anlagetopf vom Staat, daher der Name „Deutschland-Rente“. Jeder Arbeitnehmer kann in diesen Topf einzahlen – auf einem Umweg: Der Arbeitgeber zieht die Beiträge vom Gehalt ab und führt sie an die neue Rentenversicherung ab. Das Geld wird anschließend am Kapitalmarkt angelegt. Der Fonds soll ohne eigenes Gewinninteresse auf Selbstkostenbasis arbeiten.

Allen Vorschlägen liegt die Annahme zugrunde, dass die Deutschen nicht genug Geld für ihren Ruhestand zurücklegen – zumal die Riester-Rente die in sie gesetzten Hoffnungen scheinbar nicht erfüllt hat (Kasten). Deshalb sei es Sache des Staates, einzugreifen und auch die Unternehmen mit neuen Vorsorgepflichten zu belasten.

Die bisherige Diskussion lässt jedoch außer Acht, dass der optimale Vorsorgegrad bei jedem Einzelnen unterschiedlich sein kann – je nach Einkommens- und Vermögensausstattung des Haushalts. Erschwerend kommt hinzu: Die Datenlage und die empirische Forschung zur Altersvorsorge sind unbefriedigend.

So tappen auch die politischen Reformer im Dunkeln bei der eigentlich grundlegenden Frage, wie das Portfolio der deutschen Haushalte zum langfristigen Vermögensaufbau genau aussieht. Wie viele Haushalte nicht ausreichend sparen können oder wollen, kann also nur unvollständig geklärt werden.

Eine Auswertung der verfügbaren Haushaltsdaten lohnt dennoch: Zumindest die Verbreitung der wichtigsten privaten Sparformen lässt sich für das Jahr 2013 bestimmen (Grafiken).

Die Daten demonstrieren ein sehr hohes Bewusstsein für Altersvor­sorge in der Bevölkerung – unabhängig von staatlich geförderten Sparmodellen. Dabei lassen sich drei Zusammenhänge beobachten:

  • Je älter der Haushaltsvorstand ist, desto häufiger existiert auch eine betriebliche Altersvorsorge.

Das liegt nahe, denn solche Betriebsrenten gewährten Arbeitgeber früher meist erst nach einer gewissen Erwerbszeit. Außerdem stehen in jungen Jahren mit Ausbildung, eigenem Hausstand und Familiengründung dringlichere Ausgaben an. Ist der Haushaltsvorstand im Vorrenten­alter zwischen 55 und 64 Jahren, so können sich fast 54 Prozent auf eine BAV verlassen.

  • Paarhaushalte haben eher eine BAV als Einpersonenhaushalte oder Alleinerziehende. Mit nur einer BAV kann auch der Partner abgesichert werden. Schließlich bilden Paare Versorgungsgemeinschaften, in die auch die Firmenrente einfließt.
  • Im Schnitt sind die Riester-Sparer relativ jung. Vor allem die 25- bis 44-Jährigen nutzen diese Vorsorgeform, sie erreicht in dieser Altersklasse eine ähnlich hohe Abdeckung wie die BAV. Bei Älteren nimmt die Bedeutung des „Riesterns“ ab, wohl auch weil diese Form der Vorsorge erst seit gut 14 Jahren existiert.

Rechnet man sonstige private Lebens- und Rentenversicherungen ein, so verfügen mehr als 86 Prozent der Paare und fast 70 Prozent der Singles über eine oder mehrere Formen der Altersvorsorge.

Die Verbreitung der Vorsorgeverträge ist aber nur die halbe Wahrheit. Was letztlich zählt, ist die Höhe der Einzahlungen. Aufschluss darüber geben die Sparquoten der Haushalte (Grafik). Sie zeigen nicht nur, welcher Teil des verfügbaren Einkommens zur Vorsorge genutzt wird, sondern auch, welche Rolle der jeweilige Erwerbsstatus spielt.

Die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten liegen mit einer Sparquote von rund 10 Prozent fast gleichauf mit Selbstständigen und Beamten. Arbeitslosigkeit macht es dagegen schwer, Geld fürs Alter zurückzulegen.

Selbst wenn der Hauptverdiener einen Job hat, sinkt die Sparquote – sofern der Partner arbeitslos ist – im Schnitt auf nur noch 3,4 Prozent.

Hier hilft eine neue Form der Betriebsrente wenig, denn bei Arbeitslosigkeit fehlt die arbeitsvertragliche Grundlage für eine solche Leistung. Und fürs „Riestern“ mangelt es womöglich an Geld. Wer Altersarmut bekämpfen will, muss also direkt am Arbeitsmarkt ansetzen. Weder die „Deutschland-Rente“ noch das „Sozialpartnermodell“ bieten hier eine Lösung.

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