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Nachsitzen im Betrieb

Lesen, Schreiben, Rechnen – was bei Schulkindern vorausgesetzt wird, ist noch lange nicht für jeden Erwachsenen selbstverständlich: Fast jeder fünfte Erwerbstätige hat keine Berufsausbildung, mitunter nicht mal einen Schulabschluss – und weist folglich große Lücken in der Grundbildung auf. Mithilfe gezielter betrieblicher Weiterbildung ließe sich das ändern.

Kernaussagen in Kürze:
  • Lesen, Schreiben, Rechnen – was bei Schulkindern vorausgesetzt wird, ist noch lange nicht für jeden Erwachsenen selbstverständlich.
  • Rund 7,3 Millionen Beschäftigte – also 18 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland – haben keinen Berufsabschluss.
  • Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sind für fast alle Firmen die entscheidenden Einstellungskriterien bei der Auswahl von Geringqualifizierten.
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Sie arbeiten als Haushaltshilfe, Lagerist, Maler, Fensterputzer, Gärtner oder Koch (Grafik): Geringqualifizierte müssen ihren Lebensunterhalt in der Regel mit einfachen, manuellen Tätigkeiten bestreiten. Die Zahl der Un- und Angelernten ist trotz des Trends zur Höherqualifizierung überraschend groß:

Rund 7,3 Millionen Beschäftigte – also 18 Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland – haben keinen Berufsabschluss.

Zwar war diese Quote in Westdeutschland in den 1980er Jahren mehr als doppelt so hoch – damals gab es allerdings auch noch entsprechend viele einfache Jobs. Seitdem haben neue Technologien und die fortschreitende Automatisierung die Arbeitsprozesse derart verändert, dass die Anforderungen an die Erwerbstätigen sprunghaft gestiegen sind. Wer heute ohne Berufsausbildung dasteht, kann die steigende Komplexität der Arbeitsaufgaben deshalb kaum noch bewältigen. Das gilt erst recht für das Drittel jener Geringqualifizierten, die nicht einmal über einen Schulabschluss verfügen.

Vielen An- und Ungelernten mangelt es schon an grundlegenden Kompetenzen: Sie können nicht ausreichend lesen, schreiben und rechnen, um in der modernen Arbeitswelt zurechtzukommen. Selbst bei einfachen Tätigkeiten kommt es heutzutage nicht nur auf einen angemessenen Umgang mit Kunden und Kollegen an: Vielmehr müssen auch in solchen Jobs Sicherheitsvorschriften verstanden und Informationen korrekt weitergegeben werden können. Eine Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) von mehr als 1.100 Unternehmen zeigt, dass die Arbeitgeber von ihren an- und ungelernten Mitarbeitern zunächst vor allem die guten alten Tugenden erwarten (Grafik):

Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sind für fast alle Firmen die entscheidenden Einstellungskriterien bei der Auswahl von Geringqualifizierten.

Fast genauso wichtig ist den Arbeitgebern, dass diese Mitarbeiter in der Lage sind, deutsch zu sprechen und tätigkeitsrelevante Texte zu verstehen. Mathematische Kenntnisse wie Bruchrechnen haben als Einstellungskriterium hingegen eine deutlich geringere Bedeutung.

Die mangelnde Grundbildung der Geringqualifizierten wird von den meisten Firmen nicht nachgebessert. Zwar engagieren sich die Unternehmen recht aktiv für Qualifizierungsmaßnahmen – im Jahr 2010 führten mehr als 80 Prozent der Firmen formelle oder informelle Weiterbildungsmaßnahmen durch; doch die Angebote konzentrieren sich meist auf die Vermittlung betriebsrelevanter Kenntnisse. Zudem beteiligen sich Mitarbeiter ohne Berufsausbildung vergleichsweise selten an Weiterbildungsmaßnahmen:

Rund 46 Prozent der Erwerbstätigen, die 2010 an einer betrieblichen Weiterbildung teilnahmen, haben eine duale Berufsausbildung durchlaufen; weitere knapp 29 Prozent haben ein Studium absolviert; nur etwas mehr als 7 Prozent konnten überhaupt keine Berufsausbildung vorweisen.

Gleichwohl wäre fast ein Drittel der Unternehmen bereit, Geringqualifizierten am Arbeitsplatz Nachhilfe im Lesen und Rechnen zu geben. Bei staatlicher Unterstützung stiege der Anteil der förderbereiten Unternehmen sogar auf 38 Prozent an. Am ehesten tendieren größere Industriebetriebe dazu, sich dieser Aufgabe zu stellen. Die Mehrheit jedoch, jede zweite Firma, sieht auch bei entsprechender Förderung keine Veranlassung, die Grundbildung ihrer an- und ungelernten Mitarbeiter nachzubessern.

Um die Arbeitsmarktchancen von geringqualifizierten Erwerbstätigen dennoch zu verbessern, hat das Bundesbildungsministerium ein Förderprogramm aufgelegt, das noch bis 2015 läuft. Eine Möglichkeit sollte dabei sein, dass Bildungsträger gemeinsam mit Unternehmen Strategien entwickeln, wie Geringqualifizierte am Arbeitsplatz Mindestkompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen erwerben können.

Helmut E. Klein / Sigrid Schöpper-Grabe
Grundbildung und Beschäftigungsfähigkeit von Geringqualifizierten - Betriebliche Anforderungen und arbeitsmarktpolitische Rahmenbedingungen
in: IW-Trends Nr. 2/2012

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