Kommentar 15.07.2016 Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

„Much ado about Brexit“

Kurzfristig macht der angekündigte Brexit der deutschen Konjunktur wenige Probleme – die lauern ganz woanders, sagt Michael Grömling, Konjunkturforscher im Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

Kernaussagen in Kürze:
  • Angeblich kostet der Brexit Deutschland schon im nächsten Jahr bis zu 15 Milliarden Euro.
  • Tatsächlich aber ändert sich kurzfristig so gut wie nichts.
  • Die Gefahren lauern eher woanders – in den zahlreichen Unsicherheiten rund um den Globus.
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„Wenige Tage ist die Abstimmung erst her, aber das ‚Ja‘ der Briten zum Brexit zerstört bereits Wohlstand in Deutschland“, schrieb eine große Tageszeitung vor einigen Tagen und zitierte in ihrem Artikel Ökonomen, die diesen Wohlstandsverlust allein für das kommende Jahr auf ungefähr 15 Milliarden Euro und bis zu 290.000 Arbeitsplätze beziffern.

Solche Zahlen sorgen natürlich für Schlagzeilen, dennoch sollte man die Kirche im Dorf lassen. Denn Fakt ist: Der Ausstieg aus der EU ist erst vollzogen, wenn Großbritannien mit Brüssel ein Abkommen geschlossen hat, das zum einen die Einzelheiten des Austritts regelt und zum anderen die künftigen Beziehungen zwischen dem Königreich und der EU definiert. Das wird dauern. Bislang aber hat die britische Regierung den formellen Austritt noch nicht erklärt – und schaut man auf die jüngsten Entwicklungen, ist nicht einmal sicher, ob sie es denn überhaupt tut. Bis all das geregelt ist, ändert sich nichts. Alle EU-Verträge bleiben gültig, deutsche und britische Unternehmen wickeln ihre Geschäfte miteinander also weiterhin so ab, wie sie es seit Jahrzehnten gewohnt sind.

Unabhängig vom Brexit muss man sich um die deutsche Konjunktur größere Sorgen machen, denn die globale Unsicherheit hat ein Ausmaß angenommen, wie es das lange nicht mehr gegeben hat.

Also much ado about Brexit? Zumindest in diesem Jahr wird die deutsche Konjunktur vom britischen Status quo kaum belastet. Gefahren bestehen jedoch für das Investitionsklima auf der Insel. Ausländische Investoren dürften erst einmal abwarten, wie es weitergeht, und auch die Investitionslaune der britischen Unternehmen wird wohl auf geraume Zeit gedämpft bleiben. Beides würde dem britischen Wachstumspotenzial langfristig schaden und auch die deutschen Exporte nach Großbritannien beeinflussen.

Dass man sich unabhängig vom Brexit um die deutsche Konjunktur größere Sorgen machen muss, hat viele triftige Gründe. Praktisch rund um den Globus verdichten und verschärfen sich die Risiken. Ganz Europa steckt in einer fundamentalen Orientierungs- und Vertrauenskrise, seine Eliten haben weder einen Kurs in der Flüchtlingsfrage noch einen glaubwürdigen Plan, wie die Union aus der Schulden- und Bankenkrise herauskommen will. Auch ist offen, wann endlich die notwendigen fiskalischen und realwirtschaftlichen Anpassungsschritte eingeleitet werden und wirken.

Hinzu kommen die nachlassende Wachstumsdynamik in vielen Schwellenländern und – vielleicht das größte Problem – die großen politischen Unsicherheiten: Ob der seit Jahren andauernde Terror im Mittleren Osten und in Nordafrika, ob Russlands Isolationskurs, ob all die politischen, ökonomischen und sozialen Probleme in gewichtigen Ländern wie Brasilien, China und der Türkei oder, auch das ist möglich, Donald Trump als 45. Präsident der USA – die globale Unsicherheit hat ein Ausmaß angenommen, wie es das lange nicht mehr gegeben hat.

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