Digitalisierung 17.11.2016 Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Mittelstand scheut die digitale Revolution

Von Firmen-Apps bis zur vollautomatischen Fertigung in der Industrie 4.0: Die Digitalisierung bietet den Unternehmen viele Möglichkeiten. Doch vor allem der Mittelstand zögert, wenn es um den Einsatz technischer Neuerungen geht. Warum das so ist, beleuchtet eine aktuelle IW-Analyse.

Kernaussagen in Kürze:
  • Obwohl die erforderlichen Technologien oft schon existieren, steckt die Digitalisierung der Unternehmen in Deutschland noch in den Kinderschuhen.
  • Viele Betriebe nennen zu hohe Kosten und die Sorgen um die Datensicherheit als Digitalisierungshemmnis.
  • Die begrenzte Verfügbarkeit von Breitbandverbindungen behindern die Unternehmen auf dem Weg in die Industrie 4.0.
Zur detaillierten Fassung

Die Geschwindigkeit, mit der digitale Prozesse das Wirtschaftsleben verändern, erscheint oft atemberaubend. Die sogenannte Industrie 4.0 beispielsweise hat das Potenzial, die gesamte Produktion umzukrempeln: Die durchgehende Digitalisierung der Fertigung einschließlich der Schnittstellen zu Lieferanten und Abnehmern kann nicht nur die Durchlaufzeiten massiv reduzieren, sondern könnte auch zu regelrechten Effizienzsprüngen führen.

Die digitale Revolution ist in vielen Unternehmen noch Zukunftsmusik

Das ist allerdings noch Zukunftsmusik, obwohl die erforderlichen Technologien oft schon existieren – bislang jedenfalls hat sich die digitale Revolution kaum auf die messbare betriebliche Leistung ausgewirkt:

Die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität in Deutschland ist zuletzt nur noch minimal gestiegen.

So stehen viele Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes in der Vorbereitung auf die Industrie 4.0 noch am Anfang, wie eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) und der IW Consult zeigt: 90 Prozent der Betriebe mit weniger als 20 Mitarbeitern und zwei Drittel der Betriebe mit 20 bis 99 Beschäftigten erreichen lediglich die unterste Kompetenzstufe – und sind damit quasi Zuschauer des Digitalisierungsgeschehens. Doch selbst die größeren Unternehmen sind keine digitalen Vorreiter: Keines von ihnen erzielt die höchste Digitalisierungsstufe, ist also exzellent in der Umsetzung.

Die meisten Betriebe, gerade Mittelständler, zögern bei der Umsetzung von Digitalisierungsvorhaben.

Abgeschreckt werden sie vor allem von den hohen Kosten der Umstellung sowie von der Sorge um die Datensicherheit, wie eine Auswertung von Digitalisierungsstudien durch das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt (Grafik). In vielen Unternehmen fehlt zudem das Know-how für komplexe Digitalisierungsvorhaben. Viele Betriebe können auch nicht im Detail bewerten, ob sich Investitionen in die Digitalisierung der Fertigung wirklich auszahlen. Weitere Hemmnisse sind fehlende Standards, die noch immer begrenzte Verfügbarkeit von Breitbandverbindungen und die als unsicher empfundenen rechtlichen Rahmenbedingungen.

Auch die Behörden kommen mit der Digitalisierung kaum voran

Um den Unternehmen den Weg in die digitale Zukunft zu ebnen, ist auch die Politik gefordert. So kommen sowohl die Digitalisierung der Behörden selbst als auch die der Genehmigungs- und Meldeverfahren für die Firmen nur schleppend voran (mehr dazu: E-Estland).

Viele Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes stehen in der Vorbereitung auf die Industrie 4.0 noch am Anfang

Zwar hat der Bund ein Programm zum deutschlandweiten Ausbau der Breitbandverbindungen aufgelegt, um zumindest dieses Digitalisierungshemmnis für die Wirtschaft zu beseitigen – allerdings ist die bis 2018 angestrebte Geschwindigkeit von mindestens 50 Megabit pro Sekunde völlig unzureichend, um die Schnittstellen zwischen Unternehmen zu digitalisieren.

Betrieben sind die Chancen der Digitalisierung oft unklar

Die mittelständischen Unternehmen sollten aber auch selbst mehr Elan entwickeln, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Viele Befragungen im Rahmen der vom IW Köln untersuchten Studien zeigen allerdings, dass gerade im Mittelstand noch Unklarheit über die Wertschöpfungspotenziale und andere Vorteile der Digitalisierung bestehen. Und auch in den Studien werden die Hemmnisse deutlich stärker thematisiert als die Chancen.

Unter diesen Bedingungen wird zunächst abgewartet, statt hohe Investitionen anzustoßen – für die zudem aufgrund mangelnder Sicherheiten oft schlecht Bankkredite zu bekommen sind, wie eine aktuelle Untersuchung der Förderbank KfW zeigt. Zielgerichtetere Informationen durch die Politik und mehr Beratungen durch die staatlichen Wirtschaftsfördereinrichtungen könnten hier für Abhilfe sorgen.

IW-Analysen Nr. 109

Vera Demary, Barbara Engels, Klaus-Heiner Röhl, Christian Rusche: Digitalisierung und Mittelstand – Eine Metastudie

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