Nahrungsmittelspekulation Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Mit Essen wird nicht gespielt

Oft werden Spekulanten dafür verantwortlich gemacht, dass die Preise für Mais oder Weizen steigen. Doch die Gründe für die höheren Preise liegen woanders.

Kernaussagen in Kürze:
  • Oft werden Spekulanten dafür verantwortlich gemacht, dass die Preise für Mais oder Weizen steigen - doch die Gründe für die höheren Preise liegen woanders.
  • Das Volumen der Finanzgeschäfte mit Agrarrohstoffen soll das der realen Geschäfte mittlerweile um das 20- bis 30-Fache übersteigen.
  • Der Weltmarktpreis für Mais hat sich seit 2005 verdreifacht – und das, obwohl der Konsum nur um 30 Prozent zugelegt hat.
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Schon 1848 wurden am Chicago Board of Trade Agrarprodukte gehandelt. Viele Finanzprodukte haben einen landwirtschaftlichen Ursprung und erfüllen auch eine sinnvolle Aufgabe, wenn der Spekulant nach Ablauf des Kontrakts dem Bauern eine Prämie für eine magere Ernte zahlen muss.

Heutzutage geht es allerdings meist um Finanzprodukte für Agrarrohstoffe wie etwa Lebensmittelfonds. Das Volumen der Finanzgeschäfte mit Agrarrohstoffen soll das der realen Geschäfte mittlerweile um das 20- bis 30-Fache übersteigen.

Eine Reihe internationaler Organisationen, darunter die Vereinten Nationen, machen daher die Nahrungsmittelspekulanten mitverantwortlich für den Hunger auf der Welt. Denn viele Lebensmittel haben sich rapide verteuert (Grafik):

Der Weltmarktpreis für Mais hat sich seit 2005 verdreifacht – und das, obwohl der Konsum nur um 30 Prozent zugelegt hat.

In der Tat könnten Investoren die Rohstoffpreise nach oben treiben – wenn sie denn Mais, Weizen oder Sojabohnen physisch kaufen und einlagern würden, um sie später zu einem höheren Preis zu verkaufen. Meist erwerben Nahrungsmittelspekulanten aber Wertpapiere, die an die Preisentwicklung der Rohstoffe gekoppelt sind. Eine größere Nachfrage nach Rohstoffkontrakten lässt den Preis für solche Kontrakte steigen, nicht aber unbedingt den Preis für das betreffende Lebensmittel.

Dass viele Grundnahrungsmittel seit Jahren teurer werden, hat vielmehr andere Gründe:

  1. Steigende Weltbevölkerung. Im Jahr 1990 lebten 5,3 Milliarden Menschen auf der Erde, 2012 waren es schon 7,1 Milliarden. Zudem wollen nicht nur mehr Menschen als früher satt werden, mit steigendem Wohlstand wächst auch der Fleischkonsum. Um die vielen zusätzlichen Rinder und Schweine zu füttern, wandert ein größerer Anteil der Getreideernte in die Viehfütterung statt in die menschliche Ernährung.
  1. Bioenergie. Viele Agrarrohstoffe landen nicht mehr auf dem Teller, sondern als Bioethanol im Tank. Deshalb wird etwa mehr Mais gepflanzt – zulasten der Ackerflächen, auf denen Nahrungsmittel für Menschen angebaut werden.
  1. Geringere Lagerbestände. Sinken die Vorräte für Agrarprodukte, reagiert der Rohstoffpreis stärker auf Angebotsschwankungen.
  1. Mängel in der Landwirtschaft. Um die Nahrungsmittelknappheit in den Entwicklungsländern zu verringern, sind Investitionen in die Infrastruktur sowie Know-how-Transfer nötig, der die lokalen Bauern befähigt, höhere Ernten einzufahren.
  1. Mangelnde Transparenz. In einem Punkt gibt es in Sachen Nahrungsmittelspekulation allerdings Handlungsbedarf: Der Handel mit Finanzderivaten ist relativ intransparent. Das will die EU ändern – mit Einschränkungen und neuen Regeln für Agrarfinanzprodukte.

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