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Mismatch auf dem Arbeitsmarkt

In Deutschland gibt es so viele Arbeitsplätze wie nie zuvor, doch Arbeitslose und offene Stellen passen häufig nicht zueinander. Zwar arbeitet von den Beschäftigten auch längst nicht jeder in dem Beruf, den er oder sie einmal erlernt hat – das muss aber kein Nachteil sein.

Kernaussagen in Kürze:
  • In Deutschland gibt es so viele Arbeitsplätze wie nie zuvor, doch Arbeitslose und offene Stellen passen häufig nicht zueinander.
  • Fachfremd beschäftigt zu sein, ist entweder aus der Not geboren oder Folge eines beruflichen Aufstiegs.
  • In Deutschland arbeitet fast ein Viertel der Arbeitnehmer in Tätigkeiten, die nicht ihrem Ausbildungsberuf entsprechen.
Zur detaillierten Fassung

Der deutsche Arbeitsmarkt ist seit Jahren in blendender Verfassung: Im Zeitraum von 2009 bis 2013 stieg die Zahl der Erwerbstätigen um ungefähr 1,5 Millionen. Weil außerdem gleichzeitig viele vormals atypische Jobs in reguläre Arbeitsplätze umgewandelt worden sind, legte die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sogar um 1,9 Millionen zu.

Allerdings wurden die meisten der neuen Arbeitsplätze von Zuwanderern und aus der sogenannten stillen Reserve besetzt, denn die Zahl der Arbeitslosen ist im selben Zeitraum nur um 465.000 zurückgegangen. Offenkundig können die Arbeitslosen also nicht – oder zumindest nicht genug – vom Job-Boom profitieren.

Woran das liegt, zeigt ein Blick auf die Qualifikationsstruktur der Arbeitslosen (Grafik):

Im Juni dieses Jahres waren fast 1,3 Millionen Arbeitslose auf der Suche nach einem Job, der keine Berufsausbildung voraussetzt – gleichzeitig waren in diesem Arbeitsmarktsegment aber nur 70.000 offene Stellen gemeldet.

Zwar gibt es auch bei Fachkräften, Spezialisten und Experten mehr Arbeitslose als gemeldete offene Stellen – zu denen noch einmal die gleiche Anzahl von nicht gemeldeten Stellen kommt –, allerdings ist das Missverhältnis in diesen Gruppen bei weitem nicht so groß wie bei den Ungelernten.

Dass Angebot und Nachfrage oft nicht zusammenpassen – Experten nennen das Mismatch –, hat noch einen anderen Grund: Viele Arbeitslose sind zwar qualifiziert, aber leider für den „falschen“ Beruf. Auf der einen Seite sind in Deutschland für Ausbildungsberufe in der Energietechnik, Steuerberatung oder Krankenpflege mehr offene Stellen gemeldet, als es registrierte Arbeitslose mit entsprechendem Berufswunsch gibt. Auf der anderen Seite konkurriert zum Beispiel bei Fotodesignern, Buchhändlern oder Ernährungsberatern eine große Anzahl Arbeitsloser um eine gemeldete Stelle – bei Kunst- und Theaterpädagogen sind es sogar 134.

Die Arbeitsmarktpolitik kann dem Mismatch mit Qualifizierungsmaßnahmen begegnen – und tut dies auch. So gab die Bundesagentur für Arbeit im vergangenen Jahr mehr als 1,5 Milliarden Euro für Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen aus. Weitere 740 Millionen Euro investierten die Jobcenter in die Qualifizierung von Hartz-IV-Arbeitslosen. Allerdings hat die staatliche Förderung auch Grenzen. Nicht jeder arbeitslose Werftarbeiter – um nur ein Beispiel zu nennen – lässt sich zum EDV-Experten umschulen.

Es gibt Auswege aus diesem Dilemma – wenn man die Sache pragmatisch angeht. Zum einen sollte der Arbeitsmarkt auch jenen Menschen eine Chance bieten, die nicht über eine gefragte Qualifikation verfügen – gebraucht werden also einfache Tätigkeiten zu geringen Löhnen. Zum anderen ist es auch nicht unbedingt erforderlich, dass jeder einzelne Arbeitnehmer mit einer passgenauen Qualifikation aufwartet. Denn:

In Deutschland arbeitet fast ein Viertel der Arbeitnehmer in Tätigkeiten, die nicht ihrem Ausbildungsberuf entsprechen.

Bei den Berufen, die eine Lehre voraussetzen, ist der Anteil der Quereinsteiger seit 1994 spürbar gestiegen – von damals 19 auf heute 27 Prozent (Grafik). Insbesondere im New-Economy-Boom der späten 1990er Jahre ergriffen viele Arbeitnehmer die Chance, ihrem erlernten Beruf den Rücken zuzukehren und etwas Neues zu beginnen. Bei den Akademikerjobs hat sich dagegen kaum etwas verändert. Hier sind Quereinsteiger – damals wie heute mit einem Anteil von 14 Prozent – eher die Ausnahme.

Ob man als Fachfremder in einem anderen Beruf eine Chance hat, hängt nicht zuletzt von der Branche ab. Relativ häufig finden sich Quereinsteiger in den Sektoren Verkehr, Gastgewerbe, Einzelhandel und im Verarbeitenden Gewerbe – mit Quoten von rund 30 bis 40 Prozent. In den Branchen Erziehung und Unterricht sowie im Gesundheits- und Sozialwesen sind Quereinsteiger dagegen eher selten anzutreffen.

Grundsätzlich lassen sich drei Typen von fachfremder Beschäftigung unterscheiden:

Erstens gibt es Tätigkeiten, die zwar eine abgeschlossene Berufsausbildung voraussetzen, für die aber entweder keine beruflichen Spezialkenntnisse erforderlich sind oder diese Kenntnisse „on the job“ erworben werden können.

Solche Tätigkeiten stehen auch Arbeitnehmern offen, die eine Ausbildung in einem ganz anderen Beruf gemacht haben. Das gilt zum Beispiel für Dienstleister wie Finanz- und Verkaufsfachkräfte, Verwaltungsfachkräfte oder für Sicherheitspersonal.

Zweitens gibt es Tätigkeiten, die eng miteinander verwandt sind, sodass die Ausbildung in dem einen Beruf auch in dem anderen zu gebrauchen ist. Dies trifft beispielsweise auf viele kaufmännische Berufe zu. Dazu gehören aber auch Fachverkäufer, die einen technischen Beruf erlernt haben.

Drittens gibt es Beschäftigte, die auf dem Wege der beruflichen Weiterentwicklung den Beruf gewechselt haben. Dies findet man häufig im Verarbeitenden Gewerbe, wo Beschäftigte aus einem Fertigungsberuf zum Beispiel als Techniker oder Führungskräfte arbeiten.

Fachfremd beschäftigt zu sein, ist also entweder aus der Not geboren oder Folge eines beruflichen Aufstiegs. Die Mehrheit fährt mit dem Berufswechsel jedenfalls recht gut. So verdienen Vollzeitbeschäftigte, die in ihrem erlernten Lehrberuf arbeiten, im Schnitt 13,80 Euro brutto pro Stunde – Quereinsteiger kommen dagegen auf 14,40 Euro. Obendrein sind fachfremd Beschäftigte auch zufriedener mit ihrer Arbeit.

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