Mercosur-Freihandelsabkommen wäre ein großer Erfolg
Durch das Handelsabkommen zwischen der EU und den vier lateinamerikanischen Ländern Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay würde eine der größten Freihandelszonen der Welt entstehen. Damit würde sich die EU unter anderem eine bessere Versorgung mit kritischen Rohstoffen sichern und so ihre Abhängigkeit von China reduzieren. Wann das Abkommen in Kraft tritt, ist aber noch offen.
- Wenn das EU-Parlament das Mercosurabkommen billigt, wäre das ein Erfolg – schließlich entstünde damit eine der größten Freihandelszonen der Welt.
- Deutschland ist unter den EU-Ländern der wichtigste Handelspartner für die Mercosurstaaten: Im Jahr 2024 exportierte die Bundesrepublik Waren im Wert von mehr als 16 Milliarden Euro in die vier lateinamerikanischen Staaten.
- Unter den Unternehmen in Deutschland, die mit dem Freihandelsabkommen positive Erwartungen verknüpfen, gehen vier von zehn davon aus, dass es dadurch leichter wird, mit den Mercosurstaaten ins Geschäft zu kommen.
Das Mercosur-Freihandelsabkommen, das EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Mitte Januar in Paraguay unterzeichnet hat – und dem das EU-Parlament nach der nun veranlassten Rechtsprüfung durch den Europäischen Gerichtshof noch zustimmen muss –, ist ein lang ersehnter Vertrag: Unglaubliche 26 Jahre wurde verhandelt. Die Skeptiker – allen voran die Bauern in der EU – haben sich auf den letzten Metern noch Vorteile und zusätzliche Schutzmaßnahmen gesichert, bevor es endlich zu einer Einigung kam. Dennoch wäre das Mercosurabkommen, wenn es das EU-Parlament denn billigt, ein Erfolg – schließlich entstünde damit eine der größten Freihandelszonen der Welt:
Die 27 EU-Staaten sowie Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay haben zusammen mehr als 715 Millionen Einwohner und erwirtschaften mit jährlich fast 21 Billionen Dollar ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung.
Beide Seiten des Atlantiks dürften infolge des Abkommens von sinkenden oder gar wegfallenden Zöllen und dem Abbau weiterer Handelshemmnisse profitieren. So kam eine Studie im Auftrag des EU-Parlaments im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass die gesamte Wirtschaft in der EU infolge des Mercosurvertrags langfristig um jährlich 0,1 Prozent zusätzlich wachsen wird. Die EU-Kommission geht zudem davon aus, dass die Agrar- und Lebensmittelexporte aus der EU in die vier lateinamerikanischen Staaten dank des Abkommens perspektivisch um 50 Prozent steigen. Und in den Mercosurstaaten selbst dürfte das Bruttoinlandsprodukt laut EU-Parlament infolge des regeren Handels mit den EU-Ländern nach der vollständigen Umsetzung des Freihandelsvertrags um jährlich 0,3 Prozent zusätzlich steigen.
Deutschland unter EU-Ländern wichtigster Handelspartner für Mercosurstaaten
Zu den wichtigsten Exportwaren der EU in die Mercosurstaaten zählen Maschinen (22 Prozent), chemische Erzeugnisse (14 Prozent), Medikamente (12 Prozent) sowie Kraftfahrzeuge und Kraftfahrzeugteile (9 Prozent), also Waren von hoher Verarbeitungsstufe. Die lateinamerikanischen Länder verkaufen an die EU-Staaten überwiegend Bodenschätze – so ist Brasilien der weltweit größte Produzent von Niob, einem Metall, das in Solarzellen zum Einsatz kommt – sowie landwirtschaftliche Produkte, darunter jährlich rund 200.000 Tonnen Rindfleisch. Außerdem hofft die EU, sich mithilfe des Abkommens bei der Beschaffung von kritischen Rohstoffen unabhängiger von China zu machen, da die Länder in Südamerika über bedeutende Vorkommen verfügen.
Deutschland ist unter den EU-Ländern der wichtigste Handelspartner für die Mercosurstaaten (Grafik):
Im Jahr 2024 exportierte die Bundesrepublik Waren im Wert von mehr als 16 Milliarden Euro in die vier lateinamerikanischen Staaten; Italien kam auf Ausfuhren von gut 8 Milliarden Euro, Frankreich führte Güter für rund 6 Milliarden Euro aus.
Das geringere Handelsvolumen dürfte einer der Gründe sein, warum sich Frankreich – wie auch Polen, Ungarn, Irland und Österreich – gegen das Abkommen ausgesprochen hat. Für das Zustandekommen wurde aber im Europäischen Rat nur eine qualifizierte Mehrheit benötigt. Ein anderer Grund sind die heimischen Bauern. Sie fürchten, dass ihnen die weniger streng regulierten Landwirte Südamerikas, die in ihrer oftmals industriell aufgestellten Produktion viel Hightech und künstliche Intelligenz nutzen, das Leben schwer machen könnten.
Mit dem Mercosurabkommen entstünde eine der größten Freihandelszonen der Welt. Sowohl in der EU als auch in den Mercosurstaaten dürfte dadurch das Wirtschaftswachstum steigen.
Um die europäischen Landwirte zu schützen, begrenzt der Mercosurvertrag den Marktzugang für einige lateinamerikanische Agrarprodukte in der EU. So reglementieren beispielsweise Quoten den Import von Rindfleisch, Geflügel, Zucker, Honig und Ethanol in die EU. Laut Vertragswerk dürfen die Mercosurstaaten jährlich nur 99.000 Tonnen Rindfleisch zum Zollsatz von 7,5 Prozent in die EU einführen, aktuell liegt der Zolltarif für Rindfleisch aus dieser Region bei 60 Prozent. Zusätzlich gibt es eine bilaterale Schutzklausel sowie einen Krisenfonds von 6,3 Milliarden Euro für den Fall, dass zu viele landwirtschaftliche Importe aus Lateinamerika europäische Bauern ernsthaft gefährden.
Was die deutschen Unternehmen vom Freihandelsabkommen erwarten
Und was erwarten die deutschen Unternehmen vom Freihandelsabkommen? Laut einer im vergangenen Jahr durchgeführten Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer unter rund 2.600 auslandsaktiven Betrieben geht knapp ein Drittel von ihnen von positiven Auswirkungen auf ihre Geschäftstätigkeit aus. Rund zwei Drittel erwarten keine Auswirkungen, 2 Prozent negative Effekte.
Drei von zehn der optimistisch gestimmten Firmen hoffen auf Einsparungen aufgrund niedrigerer Zollsätze mit den Mercosurstaaten, noch mehr setzen darauf, von der Marktöffnung zu profitieren (Grafik):
Vier von zehn deutschen Unternehmen, die mit dem Freihandelsabkommen positive Erwartungen verknüpfen, gehen davon aus, dass es dadurch leichter wird, mit den Mercosurstaaten ins Geschäft zu kommen.
Ein Viertel der Unternehmen, die mit dem Abkommen positive Folgen verknüpfen, plant bei Inkrafttreten sogar den Ausbau oder die Neuaufnahme von Geschäftsaktivitäten in den lateinamerikanischen Ländern.