Ratingagenturen Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Mehr Kontrolle für die Kontrolleure

Seit geraumer Zeit entzündet sich heftige Kritik an der Arbeit von Moody’s, Fitch & Co. Den amerikanischen Ratingagenturen wird vorgeworfen, eine Mitschuld an der Finanz- und Schuldenkrise zu tragen. Deshalb fordern manche eine europäische Ratingagentur als Gegengewicht.

Kernaussagen in Kürze:
  • Seit geraumer Zeit entzündet sich heftige Kritik an der Arbeit von Moody’s, Fitch & Co.
  • Wolfgang Schäuble glaubt nicht daran, dass sich neben den drei großen amerikanischen Ratingagenturen, die 95 Prozent des Marktesunter sich aufteilen, ein europäisches Pendant etablieren lässt.
  • Die weltweit einzige börsennotierte Ratingagentur, Moody´s, steigerte ihren Gewinn im ersten Quartal dieses Jahres um 11 Prozent auf rund 172 Millionen Dollar.
Zur detaillierten Fassung

Keine Chance – Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble glaubt nicht daran, dass sich neben den drei großen amerikanischen Ratingagenturen Standard & Poor´s, Moody´s und Fitch, die 95 Prozent des Markts unter sich aufteilen, ein europäisches Pendant etablieren lässt.

Andere sind da optimistischer: Die Unternehmensberatung Roland Berger etwa hat eine privat finanzierte europäische Agentur vorgeschlagen – deren Gründung hängt allerdings davon ab, ob sich genügend Geldgeber finden. Und vor wenigen Wochen präsentierte die Bertelsmann Stiftung ein Modell, für das 400 Millionen Dollar notwendig sind und das sich auf Länderratings konzentriert.

Damit die Länderratings der von Bertelsmann initiierten Agentur Schuldenkrisen frühzeitig erkennen, sollen die europäischen Bonitätswächter nicht nur die makroökonomischen Daten der einzelnen Staaten unter die Lupe nehmen, sondern auch politische und sozioökonomische Indikatoren.

Die amerikanischen Bonitätswächter dagegen bilden sich ihr Urteil anhand eines Indikatoren-Sets, das für Außenstehende kaum nachzuvollziehen ist – und stehen auch deshalb im Verdacht, so manche Krise ausgelöst oder zumindest verstärkt zu haben. So verteilten sie viel zu lange viel zu gute Bonitätsnoten für Anleihen, die auf amerikanischen Hypothekendarlehen basierten, und trugen so 2007 zum Ausbruch der Finanzkrise bei. Wenige Jahre später, 2010/2011, stuften die Ratingagenturen griechische, spanische und irische Staatsanleihen herab (Grafik), obwohl die Europäische Union zu diesem Zeitpunkt bereits milliardenschwere Hilfspakete zugesagt hatte.

Für die betroffenen Länder kann eine Herabstufung dramatische Konsequenzen haben. Spanien beispielsweise wurde vor wenigen Wochen von A auf BBB+ heruntergestuft und muss mittlerweile zwischen 6 und 7 Prozent Zinsen für neue Kredite zahlen. Deutschland dagegen hat die Höchstnote AAA (Kasten) – und bezahlt für seine zehnjährigen Staatsanleihen nur etwas mehr als 1 Prozent Zinsen.

Und es kommt noch schlimmer: Da viele Fonds und Versicherungen nur erstklassig bewertete Staatsanleihen kaufen dürfen, stoßen sie Papiere von herabgestuften Ländern ab – was einen Teufelskreis aus steigenden Zinsen und weiteren Herabstufungen auslösen kann.

Die Ratingfirmen tragen also eine große Verantwortung – und obwohl sie dieser zuletzt nicht immer gerecht geworden sind, haben sie kaum an Macht eingebüßt. Die Geschäfte der Ratingriesen florieren nach wie vor:

Die weltweit einzige börsennotierte Ratingagentur, Moody´s, steigerte ihren Gewinn im ersten Quartal dieses Jahres um 11 Prozent auf rund 172 Millionen Dollar.

Trotz aller Kritik: Ratingagenturen sind wichtig für den Finanzmarkt. Ihr Urteil diszipliniert nicht nur das herabgestufte Land; auch andere Länder sehen sich durch ein abschreckendes Beispiel dazu veranlasst, ihren Staatshaushalt sorgfältig im Auge zu behalten.

Ein korrektes Rating erhöht zudem die Investitionsbereitschaft, da viele Anleger gar nicht in der Lage sind, die Informationen eines Anleihe-Emittenten selbst zu überprüfen. Die etablierten Ratingagenturen haben überdies viel Erfahrung bei der Kreditwürdigkeitsprüfung: Fitch, Moody´s und Standard & Poor´s tragen bereits seit 1975 das Gütesiegel der United States Securities and Exchange Commission (Grafik).

Gleichwohl ließe sich der Ratingprozess optimieren:

  1. Mehr Transparenz. Ratingagenturen sollten offenlegen, wie ihre Ratings zustande kommen.
  2. Mehr Wettbewerb. Um Interessenkonflikte zu vermeiden und den Wettbewerb zu erhöhen, sollten Staaten und Unternehmen gezwungen werden, ihre Ratingagentur regelmäßig zu wechseln – zum Beispiel alle drei oder fünf Jahre.
  3. Mehr Verantwortung. Für den Fall, dass eine Ratingagentur vorsätzlich oder grob fahrlässig eine „falsche“ Benotung abgegeben hat, sollte sie zumindest eine Teilhaftung übernehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de