M+E-Strukturbericht Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Markterschließung versus Kostensenkung

Die deutsche M+E-­Industrie ist stark globalisiert. Neben den Exporten werden dabei ausländische Produktionsstandorte immer wichtiger. Schon seit Jahren steigen die Direktinvestitionen im Ausland schneller als der inländische Kapitalstock. Arbeitskosten spielen dabei wieder eine größere Rolle.

Kernaussagen in Kürze:
  • Deutsche M+E-Unternehmen fertigen immer häufiger im Ausland. Die Direktinvestitionen entwickeln sich seit Jahren deutlich dynamischer als das Bruttoanlagevermögen am heimischen Standort.
  • Generell gibt es vor allem zwei Motive, warum die deutschen Unternehmen ins Ausland gehen: das Erschließen von Märkten und Kostensenkung.
  • Der anhaltende Anstieg der Lohnkosten bei nur schwacher Produktivitätsentwicklung seit 2011 veranlasst wieder mehr Unternehmen, über Standorte mit günstigeren Arbeitskosten nachzudenken.
Zur detaillierten Fassung

Der internationale Handel ist für die deutsche M+E-Industrie enorm wichtig: Mit einer Exportquote von 62 Prozent sind die Ausfuhren für die M+E-Firmen noch wichtiger als für die Industrie insgesamt. Die Globalisierung hat auch noch an anderer Stelle starken Einfluss auf den Wirtschaftszweig: Deutsche M+E-­Unternehmen fertigen immer häufiger im Ausland. Die Direktinvestitionen entwickeln sich seit Jahren sogar deutlich dynamischer als das entsprechende Bruttoanlagevermögen am heimischen Standort.

Von 1995 bis 2012 ist der Bestand der M+E-Direktinvestitionen um 450 Prozent oder 167 Milliarden Euro gestiegen.

Im Inland wuchs das nominale Bruttoanlagevermögen im selben Zeitraum mit 236 Milliarden Euro zwar absolut etwas stärker, prozentual betrug das Plus jedoch lediglich 37 Prozent. Die inländischen Bruttoanlageinvestitionen der M+E-Industrie haben von 1995 bis 2013 die Abschreibungen deutlich übertroffen. Dies lag aber allein an der investitionsstarken Autoindustrie: Ohne sie gab es sogar eine leichte Desinvestition, denn die Abschreibungen überstiegen die Investitionen um 4 Milliarden Euro. Beim Blick auf die Gesamtentwicklung der Direktinvestitionen in der M+E-Industrie fällt auf, dass die Automobilindustrie fast die Hälfte der investierten Summe stemmt:

Die Automobilindustrie hatte im Jahr 2014 geschätzt einen Investitionsbestand von 86,7 Milliarden Euro im Ausland.

Es folgen die Elektroindustrie mit 54,6 Milliarden Euro und der Maschinenbau mit 30,2 Milliarden Euro. Dass die Auslandswerke immer wichtiger werden, zeigt sich auch daran, dass sie inzwischen ein Fünftel des Gewinns der deutschen M+E-Industrie erwirtschaften.

Chinas Aufstieg beeinflusst Auslandsproduktion

Generell gibt es vor allem zwei Motive, warum die deutschen Unternehmen ins Ausland gehen: zum einen das Erschließen von Märkten, die sich über Ausfuhren nur unzureichend bedienen lassen, und zum anderen die Verlagerung der Produktion, um Kosten zu senken. Während in den 1980er und 1990er Jahren oft das Kostenmotiv im Vordergrund stand – die Lohnkosten in Deutschland waren im Vergleich zu denen der Wettbewerber sehr hoch –, rückte nach dem Jahr 2000 mit dem rasanten Aufstieg Chinas eher die Markterschließung in den Fokus.

Für die deutsche M+E-Industrie sind ausländische Produktionsstätten wichtig. Arbeitskosten spielen bei den Direktinvestitionen wieder eine größere Rolle.

Diese Entwicklung lässt sich an den Beschäftigungstrends in der M+E-Industrie ablesen. Während von 1991 bis 2000 per saldo Arbeitsplätze abgebaut wurden, schufen die Betriebe nach der Jahrtausendwende wieder mehr Stellen im Inland. Seit 2005 geht es mit der Beschäftigtenzahl sogar spürbar bergauf: Zuletzt arbeiteten mehr als 3,8 Millionen Menschen in den M+E-Betrieben ab 20 Beschäftigten.

Der anhaltende Anstieg der Lohnkosten bei nur schwacher Produktivitätsentwicklung seit 2011 (siehe iwd.de: „Erfolgsstory mit ungewisser Zukunft“) veranlasst wieder mehr Unternehmen, über Standorte mit günstigeren Arbeitskosten nachzudenken. International lag Deutschland bei den industriellen Arbeitskosten 2015 mit 39 Euro pro Stunde auf Rang sechs. Zum Vergleich: In den USA, die Platz elf belegten, zahlen die Betriebe im Schnitt 34 Euro. In Japan (Rang 17) belaufen sich die Arbeitskosten pro Stunde lediglich auf 23 Euro.

Ein Großteil der M+E-Unternehmen sieht in der Auslandsproduktion derzeit noch eine Ergänzung zur Inlandsproduktion. Im IW-Zukunftspanel 2014 gaben dies 45 Prozent der Befragten an. Weitere 23 Prozent sind der Ansicht, dass die Auslandsfertigung sogar dabei hilft, ihre Inlandswerke zu sichern. Aber:

Ein knappes Drittel der befragten M+E-Betriebe beabsichtigt mit der Auslandsproduktion Kostensenkungen und ersetzt inländische Fertigung.

Einfache Tätigkeiten prädestiniert für Verlagerung ins Ausland

Als die IW Consult die Unternehmen ein Jahr später, also 2015, noch einmal befragte, war die Kostensenkung schon für rund 38 Prozent der Unternehmen das entscheidende Motiv, im Ausland zu investieren. Bis zum Jahr 2019 dürfte dieser Anteil auf 40 Prozent anwachsen, während die Zahl jener Unternehmen, die mit der Auslandsproduktion ihre Inlandsfertigung absichern oder ergänzen, abnehmen wird.

Dabei sind insbesondere einfache Tätigkeiten für eine Verlagerung ins kostengünstigere Ausland prädestiniert: Gut jedes sechste Unternehmen ab 500 Beschäftigten bietet solche Jobs bereits vor allem in seinen Auslandswerken an. Steigende Arbeitskosten in Deutschland führen dazu, dass sich der Verlagerungsdruck weiter erhöht.

Ein drittes Motiv für ausländische Direktinvestitionen war der Aufbau regionaler Produktionsnetzwerke nach der EU-Osterweiterung vor gut zehn Jahren. Heute sind viele osteuropäische Produktionsstandorte direkt in die Lieferketten der deutschen Standorte eingebunden. Der internationale Vorleistungshandel, der für die M+E-Industrie eine besonders große Bedeutung hat, ist trotz Globalisierung stark auf die regionalen Cluster Europa, Amerika und Asien konzentriert – für Deutschland liegt der Schwerpunkt entsprechend auf Europa (siehe iwd.de: „Global aktiv, regional verankert“). Dabei werden innerhalb des Produktionsverbunds personalintensive Tätigkeiten an die günstigeren Standorte in Osteuropa abgegeben, sodass das Kostenargument auch hier von Bedeutung ist.

Gutachten

Dieser Beitrag basiert auf dem Gutachten „Dritter Strukturbericht für die M+E-Industrie in Deutschland“, das die Institut der deutschen Wirtschaft Köln Consult im Auftrag des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall erstellt hat. Download unter gesamtmetall.de

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