M+E-Strukturbericht (Teil 4) Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

M+E-Industrie: Beschäftigungs­zuwachs im Fokus

Die Zahl der Erwerbstätigen in der Metall- und Elektro-Industrie ist in Deutschland seit der Wirtschafts- und Finanzkrise deutlich gestiegen. Mit der Entwicklung der Produktion allein lässt sich der Zuwachs nicht erklären. Was also sind die Ursachen für die vermehrten Einstellungen?

Kernaussagen in Kürze:
  • Obwohl die Arbeitsproduktivität in der M+E-Industrie nur langsam wächst, steigt die Zahl der Erwerbstätigen deutlich.
  • Die Gründe dafür sind offenbar vielschichtig. Unter anderem könnten ein gestiegener Anteil an Dienstleistungen und eine Ausweitung von Forschung und Entwicklung diesen Trend begünstigen.
  • Ein großes Problem für die M+E-Industrie bleibt der Fachkräftemangel. Unternehmen könnten sich daher losgelöst von der Wertschöpfung qualifiziertes Personal gesichert haben.
Zur detaillierten Fassung

Das Phänomen ist bereits seit dem Ende der Krise von 2009 in der deutschen Metall- und Elektro-Industrie zu beobachten: Während die Arbeitsproduktivität in den Betrieben kaum zulegt (siehe: „Die Arbeitsproduktivität wächst kaum noch“), wächst die Zahl der Erwerbstätigen deutlich. Die Wachstumsrate liegt dabei sogar höher als vor der Krise von 2009. Für diese auf den ersten Blick konträre Entwicklung gibt es mehrere mögliche Erklärungen:

Produktbegleitende Dienstleistungen sind personalintensiv

M+E-Unternehmen bieten heutzutage häufiger Servicepakete an, um ihre Kunden ganzheitlich betreuen zu können. Allerdings sind Dienstleistungen in der Regel mit einer niedrigeren Arbeitsproduktivität verbunden, da hier der Kapitaleinsatz geringer ist. Nimmt die Bedeutung von Kundenberatung, Wartungsservice etc. zu, beeinflusst dies den Produktivitätsdurchschnitt negativ.

Und tatsächlich: Der Dienstleistungsanteil am Produktionswert lag in den M+E-Branchen lange konstant unter 5 Prozent, ist aber nach der Finanzkrise auf 8,1 Prozent im Jahr 2013 gestiegen.

Die wachsende Beschäftigung in der M+E-Industrie lässt sich nicht an einem Faktor allein festmachen. Vielmehr beeinflussen mehrere Umstände den Trend zu mehr Mitarbeitern.

Einfluss der Digitalisierung ist begrenzt

Ein Argument, das im Zusammenhang mit dem Personalaufbau oft genannt wird, ist die Digitalisierung. Zuerst müssten Fachkräfte eingestellt werden, erst später würden sich Erträge in Form von höherer Produktivität realisieren, lautet die These. Doch verschiedene Studien des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigen für die Gesamtwirtschaft, dass die Digitalisierung nicht die Ursache für den Beschäftigungsanstieg ist.

Zwar wirkt sich die Digitalisierung, die mittlerweile große Teile der Wirtschaft erreicht hat, auf die Dynamik bei Einstellungen, Abgängen und Qualifikationsanforderungen aus. Doch insgesamt haben die Investitionen in digitale Technik bislang keinen großen Einfluss auf die Beschäftigtenzahl gehabt.

Forschung und Entwicklung konzentrieren sich auf Deutschland

Die Globalisierung der Metall- und Elektro-Industrie kann sich ebenfalls auf die Beschäftigung auswirken. Denn wenn die Auslandsstandorte wachsen, an denen in der Regel nur produziert wird, benötigen die Betriebe mehr Personal für Forschung und Entwicklung (FuE). Diese zusätzlichen Mitarbeiter werden jedoch vornehmlich in Deutschland beschäftigt. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die Unternehmen ihre Belegschaften im FuE-Sektor in der Tat aufgestockt haben (Grafik):

In der M+E-Industrie arbeiteten 2015 rund 256.000 Menschen im FuE-Bereich – gut 17 Prozent mehr als noch 2007. So viele Arbeitnehmer arbeiteten 2007 und 2015 in diesen Branchen im Bereich Forschung und Entwicklung

Inwieweit ein direkter Zusammenhang zwischen den Produktionsstätten im Ausland und dem Beschäftigungsaufbau in Deutschland besteht, ist bislang aber noch nicht empirisch erforscht worden.

Verwaltung der Auslandsstandorte erhöht Mitarbeiterzahl im Inland

Apropos Ausland: Wie stark die deutsche M+E-Industrie inzwischen auf Standorte im Ausland setzt, lässt sich an den Direktinvestitionen im Ausland ablesen: Deren Bestände lagen im Jahr 2015 bei rund 208 Milliarden Euro. Die Produktionsstätten fernab der Heimat müssen gesteuert werden, dazu braucht es Personalleiter, Controller und andere Fachkräfte in den Unternehmenszentralen. Steigt die Zahl dieser Mitarbeiter, hat dies allerdings keine Auswirkungen auf die Inlandsproduktion – die hiesige Produktivität sinkt entsprechend.

Zahlen zu diesem Aspekt liegen nur für das Verarbeitende Gewerbe insgesamt vor. Dort ist der Anteil der Beschäftigten im Management von 2007 bis 2015 um 2,4 Prozentpunkte gestiegen. Eine direkte Korrelation zwischen dem Auslandsgeschäft und dem Beschäftigungsaufbau müsste jedoch noch empirisch untersucht werden.

Fachkräfte frühzeitig gesichert?

Ein großes Problem für die M+E-Betriebe ist seit Jahren der Fachkräftemangel (Grafik):

In der Metall- und Elektro-Industrie kamen 2015 lediglich 163 Arbeitslose auf je 100 offene Stellen. So viele Arbeitslose kamen auf je 100 offene Stellen in Deutschland

Das ist insofern problematisch, als man davon ausgeht, dass in Deutschland nur jeder zweite freie Arbeitsplatz bei der Arbeitsagentur gemeldet wird. Folglich gab es bereits 2015 nicht genügend qualifizierte Kräfte für die vakanten Posten.

Inzwischen hat sich die Lage noch verschärft – seit Februar 2017 übersteigt die Zahl der freien Stellen in der M+E-Industrie die der gemeldeten Arbeitslosen. Aktuell stehen 161.000 vakanten Arbeitsplätzen nur 131.000 Arbeitslose gegenüber.

Möglicherweise hängt die Personalpolitik der Unternehmen daher nicht mehr so stark von der Entwicklung der Wertschöpfung ab wie früher. Vielmehr könnten die Firmen vor allem darauf bedacht sein, sich die freien Fachkräfte zu sichern, um im Falle einer positiven Entwicklung der Geschäfte nicht erst nach Angestellten suchen zu müssen und eventuell nicht fündig zu werden.

Aus alledem folgt, dass es den einzig wahren Grund für den Anstieg der Beschäftigungszahlen in der M+E-Industrie nicht gibt. Vielmehr scheinen unterschiedliche Faktoren Einfluss auf die Entscheidungen der Unternehmen gehabt zu haben. Um mehr Klarheit zu gewinnen, sollten die verschiedenen Thesen empirisch geprüft werden.

 

Gutachten

Dieser Beitrag basiert auf dem Gutachten „Vierter Strukturbericht für die M+E-Industrie in Deutschland“, das die IW Consult im Auftrag des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall erstellt hat. Download unter gesamtmetall.de

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