Lohnstückkosten: Der Standort Deutschland bröckelt
Deutschland hat im internationalen Vergleich sehr hohe Lohnstückkosten. Der Grund: Die gute Produktionsleistung kann hierzulande die hohen Arbeitskosten nicht kompensieren. Dazu schwächen strukturelle Probleme den Standort D. Ziel muss es sein, die Dynamik der Arbeitskosten moderat zu halten und Innovationen anzustoßen, um die Lage zu verbessern.
- Deutschland hat im Vergleich von 27 wichtigen Industriestaaten die vierthöchsten Lohnstückkosten.
- Zwar ist die Produktionsleistung hierzulande gut, doch das kann die sehr hohen Arbeitskosten nicht kompensieren.
- In erster Linie ist nun eine strikte Ausgabendisziplin in allen Zweigen der Sozialversicherung notwendig, damit die Arbeitskosten nicht noch weiter steigen.
Coronapandemie, gestörte Lieferketten, fehlende Computerchips, Auswirkungen des Ukraine-Kriegs – die Liste der Krisenherde für die deutsche Wirtschaft war in den vergangenen Jahren lang. Dazu kommen strukturelle Probleme wie der demografische Wandel, die marode Infrastruktur oder die stetig steigenden Sozialabgaben. All das schwächt die Unternehmen im Land und sorgt dafür, dass die Wirtschaft seit einigen Jahren auf der Stelle tritt.
Erschwerend kommt hinzu, dass die deutschen Betriebe meist teurer als die ausländische Konkurrenz produzieren (Grafik):
Deutschland hat im Vergleich von 27 wichtigen Industriestaaten die vierthöchsten Lohnstückkosten.
Nur Lettland, Estland und Kroatien übertreffen den deutschen Wert. Insgesamt liegt die Bundesrepublik 22 Prozent über dem Durchschnitt aller untersuchten Länder. Und die besonders wichtigen Konkurrenten Japan und USA kommen mit 24 Prozent beziehungsweise 32 Prozent niedrigeren Kosten aus.
Langfristig betrachtet haben sich die Lohnstückkosten in Deutschland zwar so entwickelt wie im Ausland, über den gesamten Zeitraum von 1999 bis 2024 stiegen sie hierzulande jahresdurchschnittlich um 0,7 Prozent – das entspricht exakt dem Mittelwert aller untersuchten Länder. Allerdings war das Ausgangsniveau auch damals schon deutlich höher als in den Vergleichsstaaten.
Die Produktivität in der deutschen Industrie ist auf einem hohen Niveau, die Arbeitskosten sind es allerdings auch
Woran liegt das? Da die Lohnstückkosten die Relation von Produktivität und Arbeitskosten widerspiegeln, sind die beiden Faktoren einzeln ein guter Anhaltspunkt zur Ursachenforschung. So ist die Produktivität in Deutschland in den vergangenen Jahren zwar nur noch leicht gestiegen. Dennoch ist sie international auf einem hohen Niveau:
Im Produktivitätsranking schafft es Deutschland auf Rang 7 unter den 27 Ländern.
An der Spitze liegt mit großem Vorsprung Dänemark. Dahinter folgen schon die USA, deren Unternehmen häufig mit deutschen Firmen um internationale Aufträge konkurrieren.
Das Problem für Deutschland liegt demnach in den Arbeitskosten:
Nur Dänemark und Belgien haben im internationalen Vergleich höhere Arbeitskosten als die deutsche Wirtschaft.
Vor allem mittel- und osteuropäische Länder hängen Deutschland in Sachen Arbeitskosten deutlich ab.
Deutsche Exportperformance verschlechtert sich zusehends
Ein weiteres Problem zeigt sich in der langfristigen Betrachtung der Lohnstückkosten: In Phasen mit hohen Anstiegen sank lange Zeit im Gegenzug die Exportperformance der deutschen Wirtschaft. Sie zeigt an, wie sich die Exporte eines Landes in Relation zu den Importen der Zielmärkte entwickeln. Steigt zum Beispiel der Import eines Landes, der deutsche Export dorthin stagniert dagegen, sinkt die deutsche Exportperformance.
Die beschriebene Gesetzmäßigkeit gilt allerdings seit einigen Jahren nicht mehr:
Seit dem Jahr 2015 hat sich die deutsche Exportperformance ohne Unterbrechung von Jahr zu Jahr verschlechtert, obwohl es seitdem auch Phasen einer verbesserten Lohnstückkostenposition gegeben hat.
Zwei mögliche Einflussfaktoren sind das gesunkene Arbeitsvolumen im Verarbeitenden Gewerbe zwischen 2018 und 2024 (minus 7,7 Prozent) sowie die niedrigere industrielle Bruttowertschöpfung (minus 3 Prozent).
Die Produktivität der hiesigen Industrie kann die hohen Arbeitskosten in Deutschland nicht kompensieren. Die Bundesrepublik hat im Vergleich von 27 wichtigen Wettbewerbsländern die vierthöchsten Lohnstückkosten im Verarbeitenden Gewerbe.
Die Entwicklung der deutschen Wirtschaft geht demnach in die falsche Richtung – und zahlreiche Faktoren lassen die Zukunftsaussichten düster werden. So sorgt der demografische Wandel nicht nur für Fachkräftemangel, sondern durch die steigende Zahl älterer Menschen auch absehbar zu höheren Sozialabgaben für die Unternehmen im Land. Hohe Steuern und hohe Energiekosten belasten die Firmen zusätzlich, ebenso das maroder werdende Straßen- und Schienennetz. Die allgemeine Verunsicherung der Wirtschaft hat dann auch noch geringere Investitionen zur Folge.
Es gibt demnach viele Ansatzpunkte für die Politik, um die Zukunft des Standortes zu verbessern und zu sichern. In erster Linie ist eine strikte Ausgabendisziplin in allen Zweigen der Sozialversicherung notwendig, damit die ohnehin schon international hohen Arbeitskosten nicht noch weiter steigen.
Aber auch Investitionen attraktiver zu machen, muss ein vorrangiges Ziel sein. Niedrigere Energiepreise, ein verlässlicher rechtlicher Rahmen, weniger Bürokratie und gezielte Förderung sind weitere Möglichkeiten für die Regierung, die deutsche Wirtschaft zu stärken.