Tarifpolitik Lesezeit 2 Min. Lesezeit 1 Min.

Lohndisziplin erforderlich

Deutschland hat im Zuge der Wiedervereinigungseuphorie Anfang der 1990er Jahre über seine Verhältnisse gelebt – die Löhne stiegen schneller als die Produktivität, das Land wurde zum kranken Mann Europas. Maßvolle Lohnabschlüsse haben anschließend die Situation gedreht. Die wiedererlangte Wettbewerbsfähigkeit darf jetzt nicht verspielt werden.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die wiedererlangte Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands darf jetzt nicht durch steigende Löhne verspielt werden.
  • Der starke Lohnstückkostenanstieg der frühen 1990er Jahre konnte durch die Orientierung an der Produktivitätsentwicklung korrigiert und so die preisliche Wettbewerbsfähigkeit gestärkt werden.
  • In der wichtigsten deutschen Industriebranche, der Metall- und Elektro-Industrie, haben die Lohnstückkosten 2012 um 6 Prozent zugelegt.
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Die Gewerkschaften fordern, die Löhne hierzulande in diesem Jahr um durchschnittlich 5 Prozent zu erhöhen. So soll etwas für die Kaufkraft der Deutschen getan werden. Die Idee dahinter: Eine kräftige Stimulierung der deutschen Konsumnachfrage erhöht die Importe nach Deutschland und trägt so zum Abbau der Leistungsbilanzungleich­gewichte in Europa bei.

Mit einer solchen Strategie würde allerdings etwas aufgegeben, was entscheidend mit dazu beigetragen hat, die deutsche Volkswirtschaft zur robustesten EU-Ökonomie zu machen – die weitgehende Orientierung der Lohnsteigerungen an der Produktivitätsentwicklung. Dadurch blieben die Lohnstückkosten, also die Arbeitskosten je produzierter Gütereinheit, über viele Jahre hinweg stabil. Der starke Lohnstück­kostenanstieg der frühen 1990er Jahre konnte auf diese Weise korrigiert und so die preisliche Wettbewerbsfähigkeit gestärkt werden.

Vor allem Gewerkschafter und Sozialpolitiker haben diese Lohn­politik immer wieder kritisiert – zu Unrecht. Während der Stagnationsphase in den Jahren 2002 bis 2004 wurde beklagt, die maßvollen Lohnabschlüsse brächten keine neuen Jobs. Als dann ab 2005 im Zusammenspiel mit den Hartz-Reformen ein rasanter Beschäftigungsaufbau einsetzte, wurde bemängelt, es entstünden nur prekäre Arbeitsverhältnisse. Als auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten stieg, musste sich die deutsche Lohnpolitik schließlich vorwerfen lassen, sie schade dem Ausland.

Doch die lohnpolitische Disziplin­losigkeit vieler Länder der Euro­zone ist nicht der deutschen Lohnpolitik anzulasten. Außerdem hat die gute Arbeitsmarktentwicklung die Binnenkaufkraft gestärkt, was auch den europäischen Partnerländern zugutekam – etwa über die Ausgaben deutscher Touristen.

Die Ungleichgewichte in der Euro­zone lassen sich am besten abbauen, indem überall in der EU mehr Lohndisziplin geübt wird. Die Krisenländer Griechenland, Irland, Portugal und Spanien haben hier erste Erfolge vorzuweisen (Grafik).

In der wichtigsten deutschen Industriebranche, der Metall- und Elektro-Industrie, haben die Lohnstückkosten dagegen 2012 um 6 Prozent zugelegt.

Einige Politiker und Wissenschaftler befürchten nun, dass sich die Krisenländer der Eurozone einen Lohnwettbewerb nach unten liefern könnten. Wie das Beispiel Deutschland zeigt, geht es jedoch nicht um eine Lohnsenkung um jeden Preis, sondern um angemessene – also an der Produktivitätsentwicklung ausgerichtete – Lohnabschlüsse. Diese bringen Jobs, Kaufkraft und Wirtschaftswachstum. Außerdem verbessert sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Ländern außerhalb der Eurozone.

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