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Lobgesang aufs Öl

Am 26. Mai findet das Finale des Eurovision Song Contest in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, statt. Doch was sich dem europäischen Fernsehpublikum heute als herausgeputztes Land am Kaspischen Meer präsentiert, blickt wirtschaftlich auf eine wechselvolle Vergangenheit zurück – und die Zukunft der 9,2 Millionen Aserbaidschaner hängt einzig und allein am Öl und am Gas.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Zukunft der 9,2 Millionen Aserbaidschaner hängt einzig und allein am Öl und am Gas.
  • Die Wirtschaftsleistung ist seit 2003 fast jedes Jahr zweistellig gewachsen.
  • Die Ausfuhr von Erdöl macht gut 95 Prozent aller Warenexporte aus – eine Industrie gibt es praktisch nicht.
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Nachdem Aserbaidschan 1991 von der Sowjetunion unabhängig geworden war, ging es mit der Wirtschaft bergab: Zwischen 1990 und 1995 fiel das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) um fast 60 Prozent. Gleichzeitig galoppierte die Inflation auf mehr als 1.000 Prozent im Jahr.

Erst im Jahr 2005 erreichte Aserbaidschan wieder das Wohlstandsniveau aus sowjetischen Zeiten. Seitdem hat sich das reale BIP noch einmal gut verdoppelt und liegt bei rund 52 Milliarden Dollar. Je Einwohner gerechnet sind das rund 5.700 Dollar – rund doppelt so viel wie in den Nachbarländern Georgien und Armenien.

Die Hoffnungen Aserbaidschans ruhen nach wie vor auf seinen Bodenschätzen: Ölvorkommen unter dem Kaspischen Meer sowie Erdgas. In den vergangenen Jahren haben eine höhere Produktion und steigende Ölpreise in der Tat die Einnahmen sprudeln lassen – mit eindrucksvollen Folgen:

Die Wirtschaftsleistung ist seit 2003 fast jedes Jahr zweistellig gewachsen.

Selbst als die Konjunktur im Krisenjahr 2009 weltweit absackte, fuhr Aserbaidschan gut 9 Prozent Wachstum ein, und auch 2010 war noch ein Plus von 5 Prozent drin (Grafik).

Die steigenden Ausfuhren von Energierohstoffen schlagen sich auch in der Leistungsbilanz nieder – seit 2007 verzeichnet Aserbaidschan jährliche Überschüsse von teils mehr als 30 Prozent des BIP. Zuvor war es genau anders herum: In den Jahren 2003 und 2004 hatte das Land noch ein Leistungsbilanzdefizit von jeweils 30 Prozent.

Der Aufschwung hat aber auch seine Schattenseiten. So erreichte die Inflation lange Zeit hohe einstellige oder sogar zweistellige Raten. In den Jahren 2007 und 2008 zum Beispiel stiegen die Verbraucherpreise um fast 17 beziehungsweise 21 Prozent.

Zudem ist das Land extrem abhängig vom Rohstoffgeschäft:

Die Ausfuhr von Erdöl macht gut 95 Prozent aller Warenexporte aus – eine Industrie gibt es praktisch nicht.

Generell wird auf die wirtschaftliche Entwicklung anderer Branchen nur wenig Wert gelegt, was die langfristigen Aussichten auf stabilen Wohlstand verschlechtert. Denn genauso schnell, wie der Aufschwung mit steigenden Energiepreisen gekommen ist, kann es bei fallenden Preisen wieder bergab gehen.

Im Augenblick jedoch sind die ökonomischen Perspektiven gut. Die weltweiten Energiepreise zeigen tendenziell nach oben und mit zusätzlichen Gasexporten nach Europa fließen in den nächsten Jahren reichlich Devisen in die aserbaidschanischen Kassen. Die notwendigen Pipelines für den direkten Export ohne Umweg über Russland sollen in den nächsten Jahren gebaut werden (vgl. iwd 18/2012).

Allerdings gibt es noch ein weiteres Problem: Wie in vielen Rohstoffländern hat sich in Aserbaidschan mit dem Geld aus dem Ölgeschäft ein autokratisches Regime gefestigt und die Korruption blüht. Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International steht das Land auf Platz 143 von 183 Staaten. Auch die Menschenrechte werden in dem autoritär regierten Land immer wieder verletzt – weshalb manche Kritiker sogar einen Boykott des Schlagerwettbewerbs fordern.

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