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Legalität ist nicht gleich Legitimität

Jürgen Fitschen ist Bankmanager, Co-Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Bank AG und ehemaliger Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken. Der iwd sprach im Rahmen der Max-Weber-Preisverleihung 2016 mit Jürgen Fitschen über das Thema "Integer Wirtschaften".

Kernaussagen in Kürze:
  • Wir brauchen einen öffentlichen Dialog zur Wirtschaftsethik - wir Banken müssen uns dieser Diskussion stellen.
  • Auch wir bei der Deutschen Bank haben Fehler gemacht und teilweise sogar Gesetze gebrochen.
  • Heute tun die Banken viel, um kriminelles Verhalten zu verhindern und aufzudecken.
Zur detaillierten Fassung

Wir brauchen einen öffentlichen Dialog zur Wirtschaftsethik - wir müssen das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen.

Herr Fitschen, wie wichtig ist für Sie das Thema „Integer Wirtschaften“?

Als Manager sehe ich das Thema sicher aus einer etwas anderen Perspektive als Kardinal Marx, finde es aber gleichermaßen wichtig. Wir brauchen einen öffentlichen Dialog zur Wirtschaftsethik. Wir Banken müssen uns dieser Diskussion stellen – und zum Beispiel über das Spannungsfeld von Legalität und Legitimität sprechen.

Warum halten Sie das für das zentrale Thema?

Weil es nicht reicht zu sagen: Alles, was legal ist, ist auch legitim. Gerade wir Banken müssen da höhere Ansprüche an uns selbst haben. Mit der Wirtschaftskrise ist viel Vertrauen verloren gegangen. Strengere Regeln waren die logische Reaktion darauf. Es genügt aber nicht, immer mehr Vorschriften aufzustellen. Da bin ich ganz bei Kardinal Marx. Ein Übermaß an Gesetzen und Vorschriften birgt die Gefahr, dass sich der Einzelne nur noch an die Paragrafen hält – und sich darüber hinaus nicht mehr für sein Handeln verantwortlich fühlt.

Legal zu handeln, reicht also in Ihren Augen nicht aus?

Nein, denn Legalität ist nicht gleich Legitimität. Deshalb stehen gerade wir Banken vor der Herausforderung, nicht nur die aktuellen Vorschriften zu beachten, sondern zusätzlich zu antizipieren, was die Gesellschaft auch in fünf oder zehn Jahren noch akzeptieren wird. Das ist nicht immer einfach, aber wir müssen uns dieser Aufgabe stellen, um das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen.

Die Enthüllungen um die Panama Papers und Tausende von Briefkastenfirmen tragen dazu nicht bei…

Solche Themen machen es uns nicht leichter, da haben Sie recht. Lassen Sie mich aber eines klarstellen: Die Deutsche Bank bietet keine Konten für Gesellschaften an, bei denen sie nicht die Person kennt, die letztlich dahintersteht. Zu dieser Aufklärung sind wir verpflichtet und das gilt auch für sogenannte Offshore-Standorte. Außerdem müssen wir im Rahmen der Geldwäscheprüfungen alles tun, um sicherzustellen, dass über diese Firmen keine illegalen Transaktionen abgewickelt werden. Darauf haben wir ein sehr wachsames Auge. Die Banken in Deutschland haben im Jahr 2015 insgesamt 25.000 Geldwäscheanzeigen gestellt. Der Chef des Bundeskriminalamts hat unsere Branche dafür zuletzt ausdrücklich gelobt.

Das heißt, Sie und Ihre Mitbanker haben immer alles richtig gemacht?

Nein, die Kritik kommt nicht von ungefähr. Wir haben Fehler gemacht. Auch bei der Deutschen Bank haben Mitarbeiter Regeln und teilweise sogar Gesetze gebrochen, es gab falsche Anreize und unzureichende Kontrollen. Heute tun die Banken viel, um kriminelles Verhalten zu verhindern und aufzudecken. Aber ich kann nachvollziehen, wenn sich die Menschen schwertun, uns das zu glauben. Die Marktwirtschaft ist nicht per se moralisch gut – aber sie ist eben auch nicht per se schlecht. Es liegt an uns, die richtigen Konsequenzen zu ziehen und dafür zu sorgen, dass solche Fehler nicht mehr geschehen.

Und welche Konsequenzen haben Sie gezogen?

In den vergangenen Jahren haben wir in der Deutschen Bank die Regeln an vielen Stellen verschärft und die internen Kontrollen mit 700 zusätzlichen Mitarbeitern ausgebaut. Wir prüfen heute genauer denn je, mit wem wir welche Geschäfte machen. Wir haben uns von Kunden getrennt, die nicht belegen konnten, dass sie ehrlich ihre Steuern bezahlen, und wir werden dies auch künftig tun. Wir sind auch vorsichtiger, in welchen Ländern und in welchen Branchen wir tätig sind. Neben den Regeln brauchen wir aber auch Werte und Prinzipien, wie wir unser Geschäft betreiben wollen. Hat jeder Mitarbeiter die richtigen Werte verinnerlicht, bestimmen diese das Handeln weitaus stärker, als es Anreiz- und Überwachungssysteme tun. Unsere Mitarbeiter sollen einen inneren Kompass entwickeln, welche Geschäfte statthaft sind und von welchen wir die Finger lassen sollten. Wie ein ethisch handelnder Geschäftsmann, der nicht nur an seine eigenen Interessen denkt, sondern sich auch seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist, der Geschäfte macht, bei denen beide Seiten einander fair behandeln und die nicht zulasten Dritter gehen.

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