Langfristfinanzierung von Krediten in Gefahr
Industrie, Verkehr, Energieversorgung und Gebäudesektor – alles soll in der EU in absehbarer Zeit klimaneutral werden. Dafür sind hohe Investitionen nötig, die Banken finanzieren müssen. Angesichts starrer Regulierungen wird das für sie zunehmend schwierig.
- Die Transformation hin zur Klimaneutralität in Europa kostet viel Geld, das über entsprechende Kredite von Banken bereitgestellt werden muss.
- Sollen die Kreditinstitute dabei die derzeitigen EU-Finanzregeln einhalten, benötigen sie nach IW-Berechnungen zusätzliches Eigenkapital in Höhe von bis zu 867 Milliarden Euro.
- Da die Banken in Europa ihr Portfolio sicherer als früher aufgestellt haben und Eigenkapital nur begrenzt zu generieren ist, sollten die aktuell geltenden Vorgaben auf den Prüfstand gestellt werden.
Ohne Moos nix los – der altbekannte Spruch trifft auch für den europäischen Weg zur Klimaneutralität zu. Um sich von fossilen Energieträgern zu lösen, Treibhausgase zu reduzieren und erneuerbare Energien auszubauen, braucht es umfangreiche Investitionen in vielen Bereichen. Dabei ist finanzielle Planungssicherheit entscheidend. Das gilt sowohl für Großprojekte von der Infrastruktur bis zur Industrie als auch für den privaten Hausbauer.
Entsprechend spielt der Bankensektor in allen Überlegungen eine entscheidende Rolle, denn er muss in den kommenden Jahren und Jahrzehnten massiv Kapital über langfristige Kredite bereitstellen.
Das Institut der deutschen Wirtschaft hat errechnet, dass allein im Immobiliensektor für die energetische Sanierung in der EU bis 2045 die jährliche Kreditnachfrage um 339 Milliarden Euro steigen wird. Den größten Teil machen Investitionen in Wohnimmobilen mit mehr als 278 Milliarden Euro aus, Gewerbeimmobilien schlagen mit gut 60 Milliarden zu Buche.
Für die Transformation hin zur klimaneutralen Wirtschaft in Europa wird viel Kapital benötigt. Die derzeitigen Finanzregeln für die Banken könnten die Vergabe nötiger Kredite gefährden.
Die Banken müssen dabei stets ihr Eigenkapital im Blick behalten. Denn seit der Finanzkrise 2009 gelten in der EU für sie strenge Regeln, die in verschiedener Form die Eigenkapitalquote betreffen. Diese bemisst das Verhältnis des Kernkapitals der Bank, das sich aus einbehaltenen Gewinnen sowie Gesellschafter- und Aktionärsanteilen zusammensetzt, zu den risikogewichteten Aktiva. Dabei handelt es sich um Kredite, gekaufte Aktien oder Unternehmensanleihen der Bank, die jeweils anhand ihres Ausfallrisikos beziehungsweise des Preisänderungsrisikos eingestuft werden. In den vergangenen Jahren haben die Geldinstitute ihre Puffer ausgebaut (Grafik):
In Deutschland ist die Eigenkapitalquote der Banken von gut 13 Prozent im Frühjahr 2015 auf 17 Prozent Ende 2024 gestiegen.
Auch in anderen Ländern wie Frankreich und Italien gab es Fortschritte.
Banken haben hohen Kapitalbedarf, aber begrenzten Spielraum
Das Problem, vor dem die Geldhäuser nun stehen: Vergeben sie mehr Kredite für die Transformation, steigen ihre risikogewichteten Aktiva. Sie müssen mehr Kernkapital bilden, um ihre Eigenkapitalquote stabil zu halten. Das ist aber nicht unbegrenzt möglich.
Sollen die derzeitigen Quoten der Banken stabil bleiben, prognostiziert das IW anhand der zahlreichen Aufgaben in Europa bis 2045 einen zusätzlichen Eigenkapitalbedarf der Kreditinstitute von bis zu 867 Milliarden Euro.
Angesichts dieser immensen Summe stellt sich die Frage, ob die aktuellen Regeln noch zeitgemäß sind, zumal sich die Banken ein gesundes Portfolio erarbeitet haben (Grafik):
Der Anteil der faulen Kredite an allen vergebenen Krediten lag Ende 2024 in den wichtigsten Geldgeberländern in der EU zwischen knapp 3 und gut 6 Prozent.
Vor allem Irland, Spanien und Italien haben den Anteil der Kredite, deren Zins und Tilgung seit mehr als 90 Tagen nicht gezahlt wurden, in den vergangenen Jahren drastisch verringert.
Angesichts der anstehenden massiven Investitionen und der Stabilität der Kreditinstitute in der EU ist es folglich dringend geboten zu prüfen, ob jeder einzelne Kapitalpuffer hinsichtlich der Langfristfinanzierung notwendig und zielgerichtet ist oder ob Anpassungen der Transformation mehr Tempo und Nachhaltigkeit verleihen.