Regionalentwicklung Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Landluft macht produktiv

Stadt hui, Land pfui? Das mag fürs Wohnen gelten, aber nicht für die wirtschaftliche Stärke. Der ländliche Raum holt auf, wie eine neue IW-Studie zeigt. Allerdings ist das kein Grund zur Entwarnung.

Kernaussagen in Kürze:
  • Der ländliche Raum in Deutschland verliert zwar Einwohner an die Städte, konnte seinen wirtschaftlichen Rückstand seit dem Jahr 2000 aber verkürzen, wie eine IW-Studie zeigt.
  • Es gibt jedoch große Unterschiede zwischen den Landkreisen: Während viele Regionen in Bayern prosperieren, trifft die Diagnose „abgehängt“ auf einige Gegenden in Rheinland-Pfalz durchaus zu.
  • Weil es für die Unternehmen auf dem Land künftig immer schwieriger wird, Fachkräfte zu finden, muss sich die Regionalpolitik vor allem darauf konzentrieren, die Folgen des demografischen Wandels abzufedern.
Zur detaillierten Fassung

Die Städte boomen, das Land fällt immer weiter zurück – dieser Eindruck drängt sich jedem auf, der die Diskussion über die Urbanisierung in Deutschland verfolgt. Doch was die Wohnvorlieben der Bundesbürger durchaus zutreffend charakterisiert (siehe „Deutsche Städte locken“), gilt eben noch lange nicht für die Wirtschaftskraft. Eine neue Regionalstudie des Instituts der deutschen Wirtschaft hat die Entwicklung auf Kreisebene untersucht und zeichnet ein differenziertes Bild (Grafik):

In puncto Wirtschaftsleistung je Einwohner liegen die Städte weit vorn. So hatten die 14 deutschen Großstädte mit mehr als 500.000 Einwohnern 2015 im Schnitt ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf von 62.600 Euro – das sind fast 70 Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt.

Vergleich des Bruttoinlandsprodukts je Einwohner im Jahr 2015 und dessen Entwicklung seit 2000 zwischen Städten und ländlichen Kreisen

Alle kreisfreien 70 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern kommen auf eine durchschnittliche Wirtschaftsleistung von knapp 49.500 Euro je Einwohner – und übertreffen die übrigen Landkreise und kleineren Städte damit um satte 18.000 Euro.

In den Städten wird aber auch der Wohlstand für das Umland erwirtschaftet. Das Bild des überaus starken Stadt-Land-Gefälles relativiert sich, wenn man das Umland einbezieht. Zu den Metropolregionen wie München, Hamburg und Frankfurt am Main gehören neben der dominierenden Großstadt jeweils auch Landkreise, in denen viele Menschen leben, die ihr Geld in eben jener Stadt verdienen. Deshalb kommen die Großräume im Durchschnitt lediglich auf ein BIP je Einwohner von 46.300 Euro.

Weil die Metropolregionen zudem Magnete für Zuwanderer aus dem In- wie Ausland sind, ist ihr Anteil an der deutschen Bevölkerung seit dem Jahr 2000 teilweise sogar stärker gestiegen als ihr Beitrag zur Wirtschaftsleistung. Dadurch lag beispielsweise das damals noch durchschnittliche Pro-Kopf-BIP der Region Berlin-Potsdam im Jahr 2015 leicht unter dem Bundesdurchschnitt.

Eine – eher traurige – Ausnahme bildet das Ruhrgebiet: Es hat von 2000 bis 2015 so viele Einwohner verloren, dass sein schwaches Wirtschaftswachstum quasi überkompensiert wurde und die Wirtschaftsleistung je Einwohner so recht ordentlich zugelegt hat.

Das Land verkürzt seinen Rückstand. Die These vom wirtschaftlich zunehmend abgehängten ländlichen Raum lässt sich nicht halten – im Gegenteil: Viele Landkreise und kleinere Städte haben ihr Pro-Kopf-BIP von 2000 bis 2015 deutlich gesteigert – im Mittel lag das Wachstum der ländlichen Kreise nominal bei fast 48 Prozent und damit weit über jenem der Städte.

Im Mittel lag das Pro-Kopf-Wachstum der ländlichen Kreise von 2000 bis 2015 nominal bei fast 48 Prozent und damit weit über jenem der Städte.

Zu erklären ist auch das durch die Kombination aus eher schwachem Bevölkerungswachstum bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Stärke. Denn die industriellen Mittelständler sitzen in Deutschland zu einem guten Teil in den ländlichen Regionen – und eben nicht in den größeren Städten.

Land ist nicht gleich Land. Die Unterschiede zwischen den Landkreisen sind deutschlandweit immens und sie werden nicht kleiner (Grafik). Der niederbayerische BMW-Standort Dingolfing-Landau konnte sich zuletzt über eine Wirtschaftsleistung je Einwohner von gut 66.000 Euro freuen und war mit einem Plus von 118 Prozent in den vergangenen 15 Jahren obendrein Wachstumsspitzenreiter.

Kreise und kleinere kreisfreie Städte mit dem höchsten und niedrigsten Bruttoinlandsprodukt je Einwohner sowie mit dem stärksten und schwächsten Wachstum seit 2000

Genau umgekehrt sieht es im niedersächsischen Landkreis Helmstedt aus: Ein Pro-Kopf-BIP von 18.600 Euro im Jahr 2015 und dessen Wachstum von gerade einmal 21 Prozent seit dem Jahr 2000 bedeuten jeweils den viertletzten Platz unter allen deutschen Kreisen. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: Helmstedt war als Zonenrandgebiet strukturschwach – und ist es geblieben. Außerdem liegt es im Einzugsgebiet der Autostädte Wolfsburg und Braunschweig, in die viele Helmstedter zum Arbeiten pendeln.

Auffallend viele prosperierende Landkreise und Kleinstädte finden sich in Bayern – was nicht nur, aber auch mit dem kleinen Zuschnitt der regionalen Verwaltungseinheiten dort zu tun hat, durch den sich kleinräumige Unterschiede nicht in dem Maße ausgleichen können wie etwa im Nachbarland Baden-Württemberg.

Die Diagnose „abgehängt“ trifft dagegen auf diverse Kreise in Rheinland-Pfalz zu. Das Problem dort: In der Südwestpfalz schaffen nicht einmal die Städte Pirmasens und Zweibrücken einen wirtschaftlichen Ausgleich, weil sie selbst daniederliegen (siehe „Regionale Schwäche hat viele Ursachen“).

Regionalpolitik mit Blick auf die Bevölkerungsentwicklung

Auch wenn die Situation in den ländlichen Regionen momentan also weit weniger dramatisch ist, als der Hype um die Städte glauben macht – Grund zur Entwarnung gibt es nicht. Denn dass die Städte so boomen, hängt mit grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen zusammen:

  1. Es gibt mehr Singles in Deutschland – und diese leben lieber in größeren Städten.
  2. Junge Paare ziehen auch mit Kind immer seltener ins Grüne, sondern bleiben in der Stadt – weil sich dort die Erwerbstätigkeit beider Eltern dank kurzer Arbeitswege besser managen lässt.
  3. Immer mehr Schulabgänger studieren, ziehen dazu in die Hochschulstädte – und bleiben.
  4. Die Zuwanderung aus dem Ausland konzentriert sich ebenfalls auf die Städte – weil es für viele Migranten durch die bestehenden Communitys aus dem Heimatland zumindest gefühlt einfacher ist, in der Fremde Fuß zu fassen.

Zwar ist offen, ob der Trend zum innerstädtischen Wohnen trotz der steigenden Mieten anhält oder das Landleben vielleicht doch wieder schick wird. Zu erwarten ist allerdings, dass die Unternehmen dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel in vielen ländlichen Regionen früher oder später Rechnung tragen (siehe „Fachkräfte: Jugend fehlt“) und ihre Firmensitze zumindest in den Umkreis der wachsenden Städte verlagern. Weil sich auch technologieorientierte Start-ups eher in den Städten finden, drohen viele ländliche Regionen irgendwann doch wirtschaftlich zurückzufallen – und bedürfen deshalb weiterhin der regionalpolitischen Unterstützung. Dabei muss es vor allem darum gehen, die demografiebedingten Probleme abzufedern.

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