Sozialpolitik Lesezeit 4 Min. Lesezeit 1 Min.

Kurzsichtige Pflegeschusterei

Die Bundesregierung will übermäßige Beitragssteigerungen in der Pflegeversicherung mithilfe eines Vorsorgefonds abfedern. Doch wenn die Kostenlawine so richtig ins Rollen kommt, wird dessen Kapital bereits aufgezehrt sein – und der Pflegekasse drohen Milliardenlöcher.

Kernaussagen in Kürze:
  • Die Bundesregierung will übermäßige Beitragssteigerungen in der Pflegeversicherung mithilfe eines Vorsorgefonds abfedern.
  • Die Zahl der Pflegebedürftigen wird von heute 2,5 Millionen auf 2,9 bis 3,2 Millionen im Jahr 2030 steigen. Im Jahr 2050 ist mit bis zu 4,2 Millionen Pflegefällen zu rechnen.
  • Die Finanzierungslücke wird 2030 zwischen 1,7 und 4 Milliarden Euro betragen. Im Jahr2050 werden bis zu 16 Milliarden Euro fehlen.
Zur detaillierten Fassung

Damit die Pflege langfristig gesichert werden kann, muss mehr Geld ins System, sagt die Bundesregierung und installiert dazu einen Pflegevorsorgefonds. Wenn der Beitragssatz 2015 von 2,05 auf 2,35 Prozent steigt, sollen 0,1 Prozentpunkte davon über 20 Jahre angespart werden. Ab 2035 soll das angesammelte Kapital dann 20 Jahre lang zurück in die Pflegekasse fließen und Beitragssatzsteigerungen in Grenzen halten. Das sieht nach weitsichtiger Planung aus, ist es aber nicht. Wie eine Simulation des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt, klaffen Einnahmen und Ausgaben der Pflegeversicherung schon ab 2030 weit auseinander. Die Details:

  1. Demografie. Auch wenn 2030 oder 2050 noch weit weg zu sein scheinen – die demografischen Prognosen für diese Zeiträume sind ziemlich treffsicher. Die deutsche Geburtenrate liegt seit Jahrzehnten bei 1,4 Kindern pro Frau. Und weil sich daran kaum etwas ändern dürfte, können Statistiker schon heute gut abschätzen, wie viele Ältere – und potenzielle Pflegefälle – es in den kommenden Jahrzehnten geben wird.

Laut Statistischem Bundesamt wird in Deutschland die Generation 65plus bis 2020 um gut 1 Million auf dann 18 Millionen Menschen steigen. Danach wechseln die ersten Babyboomer in den Ruhestand, womit bis 2030 noch einmal 4 Millionen Ältere hinzukommen. Im Jahr 2050 schließlich werden 23 Millionen Menschen mindestens 65 Jahre alt sein – das sind 33 Prozent der dann 69 Millionen Bundesbürger.

  1. Steigende Pflegefallzahlen. Das IW Köln hat zunächst geschaut, wie sich die Veränderung der Bevölkerungszahl auf die Ausgaben und Beitragseinnahmen der Pflegeversicherung auswirkt. Klar ist: Weil die Babyboomer in den nächsten Jahrzehnten in das Alter kommen, in denen das Pflegefallrisiko deutlich steigt, muss mit mehr Pflegefällen gerechnet werden.

Um wie viel die Zahl exakt steigt, ist schwer zu beziffern. Denn es kann ja sein, dass die Menschen künftig gesünder sind als heute, sodass ihr Pflegefallrisiko sinkt. Wenn sie aber länger pflegebedürftig sind, hat die Pflegeversicherung ein Problem. Das IW Köln hat daher drei Szenarien entworfen, die sich – bei generell steigender Lebenserwartung – in der Dauer der Pflege sowie in dem Risiko, zum Pflegefall zu werden, unterscheiden. Eines haben alle drei Szenarien gemeinsam: Es wird – unterschiedlich ausgeprägt – mehr Pflegefälle geben (Grafik):

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird von heute 2,5 Millionen auf 2,9 bis 3,2 Millionen im Jahr 2030 steigen. Im Jahr 2050 ist mit bis zu 4,2 Millionen Pflegefällen zu rechnen.

  1. Höhere Ausgaben. Mehr Pflegefälle bedeuten – bei unveränderten Leistungsansprüchen – auch mehr Ausgaben der Pflegeversicherung. Mit der Bevölkerung, die im Jahr 2030 zu erwarten ist, drohen – bei konstanten Pflegekosten – die jährlichen Ausgaben von derzeit knapp 22 Milliarden Euro auf bis zu 28,5 Milliarden Euro zu steigen. Im Jahr 2050 entstünden unter heutigen Bedingungen sogar Ausgaben von bis zu 38 Milliarden Euro – gegenüber dem Status quo wäre das ein Anstieg von mehr als 70 Prozent.

Diese Entwicklung ist allein der Bevölkerungsalterung geschuldet. Denn die IW-Berechnung lässt etwaige Kostensteigerungen, zum Beispiel durch höhere Entgelte für das knapper werdende Pflegepersonal, außen vor. Eingepreist sind lediglich die Vorgaben der Pflegereform.

  1. Wachsende Finanzierungslücke. Der demografische Wandel schlägt sich auch auf der Einnahmenseite nieder. Zum einen wird es weniger Beitragszahler geben als heute, zum anderen ist das beitragspflichtige Einkommen der Ruheständler – die ja auch in die Pflegekasse einzahlen – im Schnitt nur halb so hoch wie das der Erwerbstätigen.

Die Gewichte zwischen Jung und Alt verschieben sich also dramatisch. Bei unveränderten durchschnittlichen Erwerbs- und Alterseinkommen werden die Beitragseinnahmen der Pflegeversicherung zunächst zwar noch bis 2020 steigen. Allerdings ist dieser Zuwachs ausschließlich auf die von der Bundesregierung angekündigte Beitragssatzerhöhung um 0,5 Prozentpunkte zurückzuführen. Ab 2020 gehen die Einnahmen dann Jahr für Jahr zurück – und werden 2050 etwa so hoch ausfallen wie heute.

Weil zwischenzeitlich aber die Ausgaben – in allen Szenarien – spürbar steigen, droht der Pflegeversicherung allein demografiebedingt eine milliardenschwere Finanzierungslücke (Grafik):

Die Finanzierungslücke wird 2030 zwischen 1,7 und 4 Milliarden Euro betragen. Im Jahr 2050 werden bis zu 16 Milliarden Euro fehlen.

  1. Eine nachhaltige Vorsorge gelingt nur durch den Umstieg auf eine dauerhafte Kapitaldeckung – zum Beispiel für einen Teil der stationären Pflegekos­ten. Weil diese meist erst in der letzten Lebensphase anfallen, hätten auch die geburtenstarken Jahrgänge noch genügend Zeit, wenigstens teilweise für ihr Pflegerisiko vorzusorgen. Von dieser Lösung ist die Bundesregierung aber weit entfernt. Im Gegenteil: Die angekündigten Leis­tungsausweitungen verschärfen das Problem noch – und werden bereits ab 2015 zu höheren Beitragssätzen führen.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de