Rentenversicherung Lesezeit 3 Min. Lesezeit 1 Min.

Kurs halten

In der Diskussion um Altersarmut weckt die gut gefüllte Rentenkasse manche Begehrlichkeit. Doch zusätzliche Leistungsversprechen können am Ende nur auf Kosten der Jungen finanziert werden.

Kernaussagen in Kürze:
  • In der Diskussion um Altersarmut weckt die gut gefüllte Rentenkasse manche Begehrlichkeit.
  • Berücksichtigt man den gesamten Haushalt, also auch die Einkommen des Partners, dann verfügen 11,6 Prozent der 65- bis 74-Jährigen über weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens.
  • Die Beschäftigungszuwächse der vergangenen Jahre haben die Einnahmen der Rentenkasse sprudeln lassen.
Zur detaillierten Fassung

Der Vorschlag von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, Niedrigverdienern im Alter eine Zuschussrente zu gewähren (Kasten), hat eine leidenschaftliche Debatte über Altersarmut ausgelöst. Dazu ein paar Fakten:

Kein Massenphänomen

In Deutschland beziehen 2,5 Prozent der Menschen, die bereits ihren 65. Geburtstag gefeiert haben, die sogenannte Grundsicherung im Alter. Sie beträgt einschließlich aller Zuschläge rund 680 Euro im Monat. Jüngere Bundesbürger dagegen sind viel häufiger auf Grundsicherung angewiesen, nämlich 9 Prozent der 15- bis 64-Jährigen. Möglicherweise schämt sich aber der eine oder andere Rentner, Hilfe zu beantragen. Deshalb liegt die Armutsquote der Älteren, wenn man sie am Haushaltseinkommen festmacht, höher:

Berücksichtigt man den gesamten Haushalt, also auch die Einkommen des Partners, dann verfügen 11,6 Prozent der 65- bis 74-Jährigen über weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Einkommens.

Doch auch hier relativiert ein Blick auf die gesamte Bevölkerung den Eindruck, dass vor allem alte Menschen unter Armut leiden. Im Schnitt sind nämlich 14,4 Prozent aller Bundesbürger von Armut betroffen, in der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen sogar 18 Prozent.

Nicht vergessen darf man bei alledem allerdings eines: Zahlreiche Ruheständler können auf Erspartes zurückgreifen. Reicht dieses Vermögen aus, um die Lücke zwischen dem Einkommen und der Armutsgrenze längerfristig zu schließen, dann kann nicht von Altersarmut im eigentlichen Sinne gesprochen werden (Grafik).

Von den ehemaligen Erwerbstätigen hatten 2009 zwar 12 Prozent ein Einkommen unterhalb der 60-Prozent-Marke; ein Sechstel hiervon könnte aber aufgrund seines Vermögens ohne wesentliche Einschränkungen leben.

Einkommens- und Vermögensarmut im Rentenalter nach jeweiliger Berufsklasse Das Thema Altersarmut darf gleichwohl nicht bagatellisiert werden. Für Ruheständler aus bestimmten Arbeitnehmergruppen – z.B. Un- und Angelernte – besteht tatsächlich ein erhöhtes Armutsrisiko. Sie können kaum auf Vermögen zurückgreifen und müssen im Alter allein mit ihrer ohnehin vergleichsweise niedrigen Rente auskommen.

Das Problem baut sich bereits während des Erwerbslebens auf. Geringqualifizierte sind häufiger arbeitslos – und bei längerer Arbeitslosigkeit fließen keine Beiträge in die Rentenkasse. Allerdings profitierte zuletzt mancher vom Beschäftigungsboom. Heute hat etwa von den 60- bis 64-jährigen Männern mehr als die Hälfte einen Job. Vor zehn Jahren waren es nur 30 Prozent.

Wen Altersarmut nicht trifft

Nachhaltigkeitsrücklage der gesetzlichen Reserveverpflichtung Wer 40 Jahre lang Vollzeit gearbeitet und durchschnittlich verdient hat, bekommt heute eine gesetzliche Bruttomonatsrente von gut 1.300 Euro – deutlich mehr als die 680 Euro Grundsicherung. Selbst wenn man wie das Arbeitsministerium davon ausgeht, dass das gesetzliche Versorgungsniveau bis 2030 um ein Sechstel sinkt, liegt die Grundsicherung noch in weiter Ferne.

Was also tun?

Die Beschäftigungszuwächse der vergangenen Jahre haben die Einnahmen der Rentenkasse sprudeln lassen (Grafik). Die Rücklagen überschreiten in diesem Jahr die gesetzliche Höchstgrenze, das weckt Begehrlichkeiten. So fordert etwa der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) eine zusätzliche Kapitalrücklage für die gesetzliche Rentenversicherung.

Deshalb will der DGB den Beitragssatz früher als geplant anheben. Ab 2015 läge er demnach bei 20 statt bei 19 Prozent, 2018 sogar um mehr als 1,5 Prozentpunkte über der bisherigen Planung der Bundesregierung, und 2020 mit 21 Prozent immer noch um 1 Punkt höher.

Das Gesetz sieht dagegen eine Beitragssatzsenkung vor (Kasten). Statt der momentanen 19,6 Prozent reichen ab 2013 schon 19,0 Prozent, um die Renten zu finanzieren – und das voraussichtlich bis zum Ende des Jahrzehnts. Diese Regelung ist aus mehreren Gründen sinnvoll:

  • Arbeitnehmer und Arbeitgeber werden zusammen um 5,4 Milliarden Euro entlastet.
  • Sinkende Lohnnebenkosten können den aktuell abkühlenden Arbeitsmarkt stimulieren.
  • Die Entlastung schafft Luft für die Privatvorsorge.
  • Der an Beitragssatzänderungen gekoppelte Bundeszuschuss und die vom Bund zu tragenden Beiträge für Kindererziehungszeiten sinken um insgesamt 1,5 Milliarden Euro.
  • Durch die Beitragssatzsenkung steigt nach der Rentenanpassungsformel die Rente 2014 zusätzlich um rund 0,8 Prozentpunkte.

Jochen PimpertzGegen Alarmismus oder Bagatellisierung - Argumente zu Altersarmut, Zuschussrente und NachhaltigkeitsrücklageIW policy paper 9/2012

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene

Mehr auf iwkoeln.de