Kritische Rohstoffe: Der Weg aus der Abhängigkeit
Ein beträchtlicher Teil der deutschen Wirtschaft ist auf kritische Rohstoffe angewiesen. In vielen Fällen werden diese vor allem in China gefördert und durch chinesische Unternehmen verarbeitet. Im vergangenen Jahr hat Peking diese Marktmacht eingesetzt, um politischen Druck aufzubauen. Eine deutsche respektive eine europäische Rohstoffstrategie könnte diese Abhängigkeiten reduzieren helfen. Und auch die Unternehmen selbst müssen vorsorgen.
- Deutschland ist auf den Import kritischer Rohstoffe angewiesen – vor allem im Verarbeitenden Gewerbe. Fast jedes fünfte Industrieunternehmen bezieht direkt oder indirekt kritische Rohstoffe aus dem Ausland.
- Um sich besser gegen Ausfälle und die starke Abhängigkeit von China zu rüsten, braucht es eine klare Rohstoffstrategie auf deutscher und auf europäischer Ebene.
- Die Unternehmen müssen ebenfalls vorsorgen. Mehr Lagerhaltung, eine Umstellung der Produktion und stärkeres Recycling sind dafür sinnvolle Maßnahmen.
Sie sind wirtschaftlich wichtig und gleichzeitig schwer zu bekommen – kritische Rohstoffe wie seltene Erden, Wolfram, Gallium oder Antimon haben im Zuge der Transformation zur Klimaneutralität und ihrer Bedeutung für modernste Technik eine ökonomische Sonderstellung eingenommen. Länder, die über reiche Vorkommen solcher Rohstoffe verfügen, sind in einer vorteilhaften Lage – Deutschland gehört nicht dazu.
Hinzu kommt, dass die Versorgung mit eben jenen wichtigen Rohstoffen in den vergangenen Jahren von Staaten zunehmend als Druckmittel verwendet wurde, um eigene geo- oder handelspolitische Interessen durchzusetzen. Das zentrale Problem ist China, das mit seiner Marktdominanz den Export von seltenen Erden inzwischen mehrfach erschwert und eingeschränkt hat, um politischen Druck auf die Abnehmerländer zu erzeugen.
Deutschland ist auf den Import kritischer Rohstoffe angewiesen. Dabei spielen für die heimische Wirtschaft sowohl die direkten Einfuhren als auch die indirekten – also Vorprodukte und Bauteile, die kritische Rohstoffe enthalten – eine wichtige Rolle.
Fast jedes neunte Unternehmen in Deutschland zählt zu den Abnehmern entsprechender Importe. Besonders hoch ist die Quote in der Industrie (Grafik):
18 Prozent der Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes beziehen direkt oder indirekt kritische Rohstoffe aus dem Ausland.
Unter den Branchen sticht die Metall- und Elektro-Industrie hervor, wo 28 Prozent auf kritische Rohstoffe angewiesen sind.
Angesichts der bestehenden Importabhängigkeiten hätten eingeschränkte Lieferungen aus China diverse negative Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft. Das bestätigen auch die Ergebnisse einer aktuellen IW-Befragung (Grafik):
88 Prozent der Unternehmen, die kritische Rohstoffe direkt oder indirekt beziehen, rechnen bei entsprechenden Lieferengpässen aus China mit höheren Beschaffungskosten. 61 Prozent der Betriebe müssten in diesem Fall ihre Produktion drosseln oder gar stoppen.
Angesichts der schwächelnden Konjunktur in der Bundesrepublik ist vor allem ein Ergebnis der Befragung bedenklich: Vier von zehn Unternehmen gehen davon aus, als Folge von schlechterer Versorgung mit kritischen Rohstoffen Kunden zu verlieren.
Beim Bezug von kritischen Rohstoffen müssen neben einer politischen Strategie zur Reduzierung der Abhängigkeit von China auch die Unternehmen vorsorgen, um ihre Produktion zu sichern.
Um sich besser gegen Ausfälle und die starke Abhängigkeit von China zu rüsten, braucht es daher eine klare Rohstoffstrategie auf deutscher und vor allem auf europäischer Ebene. Vorbild dafür könnte Japan sein. Die dortige Regierung hat bereits im Jahr 2010 eine gezielte Strategie entwickelt und umgesetzt. Zum einen investierte Japan dabei unter anderem in eine Mine für seltene Erden in Australien, um seine Bezugsquellen zu diversifizieren. Zum anderen arbeitete das Land intensiv daran, den Bedarf an kritischen Rohstoffen zu reduzieren. Dazu investierte Japan sowohl in die Forschung zu technologischen Alternativen als auch in das Rohstoff-Recycling.
Rückhalt aus der deutschen Wirtschaft hätte die EU für solch einen Maßnahmenkatalog:
Für den Kauf von kritischen Rohstoffen aus sicheren Quellen außerhalb Chinas würden 41 Prozent der Unternehmen selbst deutlich höhere Kosten akzeptieren. Für weitere 42 Prozent wären geringfügig höhere Ausgaben in Ordnung.
Aber nicht nur die Politik ist gefragt, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Die Unternehmen müssen ebenfalls vorsorgen – und sehen auch die Notwendigkeit:
Lagerhaltung. Angesichts der geopolitischen Krisen in den vergangenen Jahren fassen derzeit 63 Prozent der Unternehmen eine größere Lagerhaltung bei geringen bis hohen Kosten ins Auge.
Produktionsumstellung. Je weniger kritische Rohstoffe gebraucht werden, umso besser. 72 Prozent der Unternehmen würden dafür auch Kostensteigerungen in Kauf nehmen.
Sekundärrohstoffe. Recycling sieht gut die Hälfte der Betriebe auch bei höheren Kosten als sinnvolle Option an, um Rohstoffe zu sparen und den externen Bedarf zu reduzieren.