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Krisensignale aus Fernost

Innerhalb von nur wenigen Wochen ist der Shanghai Composite, Chinas wichtigster Aktienindex, um mehr als ein Drittel abgestürzt. Der größte Crash seit mehr als 20 Jahren hat verschiedene Gründe – dass die Wachstumsdynamik der größten Volkswirtschaft der Welt nachlässt, ist nur einer davon.

Kernaussagen in Kürze:
  • Chinas Aktienmärkte sind im freien Fall
  • Ein Grund dafür ist das nachlassende Wachstum
  • Auch in China wird die Staatsverschuldung zu einem Problem
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An der Börse wird nicht geklingelt. Mit diesem Bonmot beschreiben Börsianer die Tatsache, dass niemand genau weiß, wann die Kurse steigen oder fallen. Diese – zuweilen recht bittere – Wahrheit haben Millionen Chinesen im Juli dieses Jahres am eigenen Leib erfahren.

Seit rund anderthalb Jahr kannten die chinesischen Aktienkurse nur eine Richtung – nach oben: Der Leitindex Shanghai Composite war allein im Jahr 2014 um rund 55 Prozent gestiegen und hatte danach nur gut fünf Monate gebraucht, um noch einmal das gleiche Plus draufzupacken.

Ein Grund für diese Hausse war, dass die staatlichen Medien die Kurse quasi hochgejubelt haben – mit einem Hintergedanken: Die Chinesen haben von jeher eine extrem hohe Sparquote von etwa 30 Prozent – dieses Geld möchte Peking gern in den Unternehmenssektor lenken, um das nach und nach gesunkene Wachstum anzukurbeln.

Mitte Juni 2015 war die Aktienrallye dann plötzlich vorbei – ohne dass jemand geklingelt hätte (Grafik):

Vom 12. Juni bis zum 8. Juli fiel der Shanghai Composite um 32 Prozent auf 3.500 Punkte und die chinesischen Anleger verloren – zumindest auf dem Papier – Milliardenbeträge.

Danach erholte sich der Index dank massiver staatlich initiierter Stützungskäufe zwar zeitweise wieder etwas und überschritt in der vierten Juli-Woche die Marke von 4.000 Punkten. Allerdings sind nach wie vor Hunderte von Aktien vom Handel ausgesetzt, sodass der chinesische Aktienmarkt derzeit ein verzerrtes Bild abgibt.

Um die internationale Bedeutung des chinesischen Finanzmarktes abschätzen zu können, bietet sich ein Vergleich mit den großen Aktienindizes Dow Jones, DAX, Euro Stoxx und Nikkei an:

Marktkapitalisierung. Sie gibt an, wie hoch der Wert aller Unternehmen in dem jeweiligen Index ist. Gemessen wird die Kapitalisierung, indem die Zahl der ausgegebenen Aktien mit deren Kurswert multipliziert wird. Anfang 2015 ergab ein Vergleich der internationalen Leitindizes auf Euro-Basis ein anscheinend eindeutiges Bild (Grafik):

Der chinesische Shanghai Composite hat mit rund 4,6 Billionen Euro eine um 8 Prozent oder fast 340 Milliarden Euro höhere Marktkapitalisierung als der Dow Jones.

Der Euro Stoxx, der japanische Nikkei und der DAX werden vom chinesischen Leitindex in puncto Marktkapitalisierung sogar um bis zu 300 Prozent übertroffen.

Gelistete Unternehmen. Allerdings unterscheidet sich die Zahl der in den Leitindizes gelisteten Unternehmen sehr stark. Im Dow Jones und im DAX sind jeweils 30 Unternehmen vertreten, im Euro Stoxx 50, im Shanghai Composite aber mehr als 1.000. Vergleicht man also nicht die Marktkapitalisierung insgesamt, sondern schaut auf den Durchschnitt pro Unternehmen, wird der Shanghai Composite vom Riesen zum Zwerg:

Mit einer Marktkapitalisierung von durchschnittlich 4,5 Milliarden Euro pro Unternehmen ist der Shanghai Composite deutlich kleiner als seine internationalen Konkurrenten.

Der Dow Jones zum Beispiel hat eine durchschnittliche Marktkapitalisierung von 140 Milliarden Euro pro Unternehmen – allein der aktuelle Börsenwert von Google liegt bei rund 430 Milliarden Euro.

Aktienhandel. Beim Blick auf das Handelsvolumen ist der chinesische Markt wiederum weit vorn: Im Januar 2015 wurden im Shanghai Composite täglich Aktien in einer Größenordnung von umgerechnet bis zu 90 Milliarden Euro gehandelt. Weit abgeschlagen folgen der Euro Stoxx mit 13 Milliarden Euro, der Dow Jones mit 7 Milliarden Euro und der DAX mit 6 Milliarden Euro.

Diese Zahlen zeigen: Der chinesische Aktienmarkt ist allein wegen seiner großen Marktkapitalisierung und des hohen Handelsvolumens von großer internationaler Bedeutung. Spätestens wenn der Börsencrash auf die Nachfrage der Chinesen durchschlagen würde, wären auch weltweite Ausstrahleffekte nicht auszuschließen.

Diese Gefahr ist deshalb groß, weil die Volksrepublik seit einigen Jahren schwächelt – zumindest entwickeln sich wichtige Indikatoren nicht so, wie in Peking geplant. Die Bevölkerung beispielsweise ist trotz der Ein-Kind-Politik in den vergangenen zehn Jahren mit einer nahezu konstanten Rate von jährlich 0,5 Prozent gewachsen. Jedes Jahr kommen sechs bis acht Millionen Menschen hinzu, schon bald wird das Land die Marke von 1,4 Milliarden Menschen überschreiten.

Das reale Wirtschaftswachstum von 7 bis 8 Prozent scheint zwar – vor allem aus westlicher Sicht – geradezu paradiesisch, doch verglichen mit den zweistelligen Wachstumsraten der Vergangenheit muss dem Land eine deutlich nachlassende Dynamik attestiert werden. Das gilt insbesondere für die Exporte:

Die chinesischen Güterausfuhren sind im vergangenen Jahr real nur noch um rund 6 Prozent gestiegen – von 2000 bis 2010 betrug der Zuwachs regelmäßig 20 bis 25 Prozent.

Ein relativ neues, aber wachsendes Problem ist die Staatsverschuldung. Zwar steht China derzeit nur mit rund 40 Prozent seiner Wirtschaftsleistung in der Kreide – Deutschland und die USA haben jeweils mehr als 70 Prozent Schulden, Japan sogar fast 230 Prozent. Sorgen bereitet aber das Tempo, mit dem die Verschuldung wächst: Die Schuldenquote Chinas hat sich innerhalb von 20 Jahren verdoppelt.

„Wegen des massiven Anstiegs der inländischen Verschuldung zeichnet sich eine erhöhte Störanfälligkeit der chinesischen Wirtschaft ab“, schreibt die Bundesbank in ihrem jüngsten Monatsbericht und warnt im schlimmsten Fall vor „umfangreichen Kreditausfällen, die das Finanzsystem belasten würden“.

Schafft es die Regierung in Peking nicht, die für China notwendigen Wachstumsraten zu erreichen, muss das laut Internationalem Währungsfonds, Weltbank und OECD als „relevantes Risiko für die globale Konjunktur“ eingestuft werden. Deutschland würde das ganz besonders zu spüren bekommen, schließlich gehen 6,5 Prozent seiner Warenexporte nach China – das entspricht einem Wert von 75 Milliarden Euro.

Zwar gibt sich die chinesische Regierung derzeit alle Mühe, aufkommende Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Landes zu zerstreuen. Die dazu genannten Zahlen und Fakten entsprechen nach Ansicht internationaler Beobachter jedoch keineswegs immer der Wahrheit.

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